Reisetagebuch
 
Connavar Winterstern,
Aufzeichnung 30. Uktar 1359 T.Z.

Heute sind mir wunderliche Dinge widerfahren. Ich bin immer noch ganz verwirrt, denn eigentlich sollte ich jetzt nicht hier am Lagerfeuer sitzen und in die Nacht starren.
Aber vielleicht sollte ich am Anfang beginnen.

Vor einigen Tagen erreichte uns in Ashabafurt die Nachricht, dass erneut Angriffe auf wehrloses Bauernvolk stattgefunden hatten. Die Dunkelelfen fürchten nichts, und sie verbreiten Terror, wohin sie nur kommen. Diesmal hatten sie in Dolchtal marodiert, und die Angriffe waren (wie die vielen anderen in den letzten Monaten) kurz und schmerzvoll. Ich bin zutiefst beschämt, dass auch in ihnen Elfenblut fließt, obwohl sie weiß Silvanus weiter davon entfernt sind als ich, ein Elf zu sein. Diese Kreaturen sind nur mehr mordende Tötungsmaschinen, erbarmungslos und grausam. Ich freue mich über jeden, der bei einem ihrer Überfälle auf die Oberwelt auf der Strecke bleibt, aber ich weiß auch, dass ich meinen Vater nicht durch meine tödlichen Pfeile zum Leben zurückholen kann. Was geschehen ist, ist geschehen.

Zusätzlich zu den neuerlichen Drowangriffen berichteten die Reisenden jedoch auch von einer riesigen Armee, die sich nördlich von Dolchfall zusammenrottete, mehrere Tausend schwarzer Soldaten sollten es sein. Randall Morn, die Legende von Dolchtal, hatte um Hilfe gebeten, aber der sonst nur lockere Zusammenschluss der Talländer schien auch hier sehr locker zu sein, und bis jetzt hatten die anderen Täler keine Truppen geschickt - verständlich, denn auch die Angriffe der Cormanthyr-Dunkelelfen waren eine tägliche Bedrohung.
Die Misteltalreiter konnten ebenso keine Hilfe versprechen, aber mein Hauptmann stellte jedem frei, nach Norden zu ziehen, in den Krieg, der offensichtlich bald beginnen würde. Ich entschied noch am selben Tag dorthin zu reisen, und auch Kalis und Lennox wollten für diese gerechte Sache kämpfen. So zogen wir los, zu Fuß am Ashaba entlang, und wähnten uns einen Tag in Sicherheit.

Heute nun, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, geschah das unglaubliche. Ohne Vorwarnung sirrten plötzlich einige Geschosse an uns vorbei, und offensichtlich wurden wir aus dem kleinen Wäldchen vor uns unter Beschuss genommen. Kalis wurde von zwei Bolzen in der Schulter getroffen, bevor er auch nur reagieren konnte, und Lennox und ich zogen unsere Bögen und suchten den unsichtbaren Feind, der dort vorne irgendwo sein musste. Ich kann mich nur noch daran erinnern, wie einige Dunkelelfen mit einem Kriegsschrei auf den Lippen aus dem Wäldchen hervorstürmten, bevor es plötzlich vollends dunkel um mich wurde. Ich hörte Lennox laut aufschreien und gab einen Schuss in die Richtung ab, in der ich einen Feind vermutete, doch die Hoffnung auf einen Treffer war wohl unbegründet. Ich lief ein paar Meter nach links, doch in der Dunkelheit hatte ich jegliche Orientierung verloren. Das letzte, an das ich mich nun erinnere, waren die herannahenden Schritte der Drow und ein metallisches Klingen einer Schneide, die nahe an meiner Brust die Luft durchschnitt, und den Geschmack meines eigenen Blutes auf meinen Lippen. Grade noch hatte ich die riesigen Schneeflocken bewundert, die sich vom Himmel nieder senkten, und im nächsten Moment sank ich hernieder.

Eine schwarze Leere umfing mich, noch schwärzer als die Dunkelheit um mich herum. Leise säuselte eine gurgelnde Stimme, 'komm zu mir... halte nicht fest...', und eine frostige Kälte umspülte meinen Körper und meinen Geist. Endlos schien ich eine lange Zeit zu fallen, bis auf einmal eine ebenso plötzliche Woge der Wärme meinen Körper durchflutete.

Als ich meine Augen wieder öffnete, sah ich direkt in das bärtige Gesicht einer Zwergin, die ihre rechte Hand auf meine Brust gelegt hatte. Die Dunkelheit war verschwunden, und in nur wenigen Bruchteilen einer Sekunde schossen gänzlich andere Wahrnehmungen auf mich ein.
Aufgeregte Stimmen, ein Pferdewiehern, kalter Schnee auf meinem Gesicht, eingefrorene Beine, Blut auf meinen Lippen. In einem Anflug von Panik rutschte ich von der Zwergin weg und tastete nach meinem Kurzschwert, doch es befand sich nicht an meiner Seite. Auch mein Rucksack schien sich nicht auf meinem Rücken zu befinden, und ich sah erschrocken, dass noch mehr Personen um mich herumstanden und mich anstarrten. Beruhigend sprach die Zwergin auf mich ein und stellte sich und ihre Gefährten vor.

Andarell Balderk hiess sie, und ihren Heilkünsten ist es wohl zu verdanken, dass ich nun nicht erfroren auf der Ebene liege oder von wilden Wölfen verschlungen wurde. Sie ist eine Priesterin und folgt ihrer Göttin Beronar, wie man unschwer an dem Symbol erkennen konnte, dass ihr um den Hals hing, zwei ineinander verschlungene Kreise.
Gleich neben ihr stand ein weiterer Zwerg, recht junge Augen blickten zwischen der Ansammlung von Haaren hervor, und sein Name war Horken Steinschild. Wie ein Beschützer stand er hinter Andarell und musterte mich aufmerksam.
Überragt wurden die beiden von einem großen Mann, etwa Mitte dreissig, der sich als Jonathan Schreiber vorstellte. Athletisch und gut gebaut und doch die wachsamen Augen eines Gelehrten.
Noch größer und imposanter die Figur eines Halborks, der aber (entgegen den weitläufigen Meinungen, sie würden nur Unheil über alle bringen, die in ihrer Nähe weilten) einen guten Eindruck machte und lächelnd auf mich heruntersah. Baal war noch sehr jung, doch die massive Gestalt und die wilden Gesichtszüge liessen ihn älter erscheinen.
Etwas abseits stand neben fünf gleichaussehenden Pferden ein Mensch in einer roten teuren Reiserobe, offensichtlich ein Magier, seine hagere Gestalt verlieh ihm zumindest dieses Aussehen. Er fixierte mich mit seinen Augen und stellte sich als Dhûne Nevyhr vor.

Ich hatte mich inzwischen etwas beruhigt und eingesehen, dass dieses Grüppchen keine Bedrohung für mich darstellen würde. Nicht, weil sie (und ihre Ansammlung von offensichtlich magischen Waffen und Gerätschaften) keine Bedrohung für irgendjemand waren, denn dann hätten sie mich wohl einfach liegen gelassen und meinem Schicksal entgegentreten lassen.
Allerdings sprudelten auch sofort eine Unzahl von Fragen auf mich ein, so dass ich kaum Zeit hatte, Luft zu holen.

Ich erzählte ihnen von dem Überfall der Dunkelelfen, und seltsam, einige schienen entweder nur von ihnen gehört zu haben oder sogar gar nichts von ihnen zu wissen. Auch die Nachricht der Armee im Norden, die sich vor Dolchtal sammelte, hatte sie wohl nicht erreicht. Ich berichtete von Randall Morn und seinem Ruf um Hilfe in den Talländern, und diesen Namen schienen sie tatsächlich zu kennen, denn wie es der Zufall wollte, waren sie gradewegs nach Norden unterwegs, um ihn zu suchen.
Das traf sich gut, denn auch wenn ich nun meine gesamte Ausrüstung verloren hatte und, noch viel schlimmer, meine Freunde, so hatte ich dennoch den tiefen Wunsch, Meister Morn zu begegnen und ihm meine Hilfe anzubieten. Dolchtal ist und war immer schon eine Bastion gegen die Gefahren aus dem Norden, und zu oft schon war es gefallen. Grausame Zeiten waren dies, doch die Rückeroberung durch Morn vor ein paar Jahren hatte den Talländern wieder ein wenig Frieden verschafft. Vielleicht könnte ich meinen Teil dazu beitragen, dass Bauern und Familien hier in Ruhe leben.

Lennox und Kalis lagen nicht weit von mir in ihrem Blut, der den Schnee um sie herum durchtränkt hatte. Eisige Kälte durchschoss mich bei diesem Anblick, und nicht nur das Wetter schien mich dort in seinem Griff zu halten. Die fünf drängten zwar auf eine rasche Weiterreise und warnten vor den Dunkelelfen, doch ich glaubte nicht, dass sie sich noch irgendwo hier versteckt hielten. Anscheinend waren nur einige Minuten vergangen, seit ich dort gelegen hatte, aber die Drow waren bestimmt nicht wegen uns Misteltälern hier gewesen. Der Boden war viel zu vereist, um meine Kameraden auf dem Feld ein Grab auszuhöhlen, wo sie gestorben waren, und so machte ich mich daran, die Leichen zum Fluss zu tragen, der nicht weit entfernt vor sich hingurgelte. Andarell schien zunächst etwas bestürzt über diese Bestattungsrituale, half mir aber ohne zu zögern, in dem sie Lennox schulterte und hinter mir herging, als ich Kalis auf meinen Armen trug. Beide wurden schließlich in das schnelle Wasser gelegt, dass sie nach Hause bringen würde, und ich verharrte kurz in einem Gebet an Silvanus, dass er meine Freunde freundlich empfangen möge.

Ich sitze nun hier an dem wärmenden Feuer und starre hinaus in die Dunkelheit. Wir sind ein Stück weiter nördlich gezogen, eben in jenes Wäldchen, aus dem der hinterhältige Angriff begann. Baal hat einen Hasen gefangen, er scheint sich sehr gut in der Wildnis auszukennen, obwohl er im Schlaf schnarcht und dadurch die Tiere anlocken könnte. Die Knochen des Hasens knacken manchmal leise im Feuer, und ich bin froh, am Leben zu sein, froh, dass das Feuer des Lebens in mir brennt.
Die anderen liegen dicht neben das Feuer gedrängt, und ich habe die zweite Wache übernommen. Irgendwie bin ich gar nicht müde, und die bestürzenden Ereignisse des Tages haben mich zu sehr aufgeregt, als dass ich Ruhe finden könnte. Aber vielleicht sollte ich dennoch Jonathan wecken, der nach mir die Augen offen halten wollte. Eine seltsame Gruppierung scheinen sie mir zu sein, doch ich bin froh, dass ich in ihrem Schutz nun Dolchtal erreichen kann und nicht wieder umkehren muss.
Vielleicht finde ich ja etwas Schlaf...