Reisetagebuch
 
Connavar Winterstern,
Aufzeichnung Mondfest 1359 T.Z.

Seltsame Dinge sind heute wieder geschehen, und ich muss zugeben, dass ich niemals mit so einer Energie am Leben gehangen habe wie an diesem Tag, obwohl mir erneut der Tod in all seinen schrecklichen Formen begegnet ist. Noch dazu an diesem besonderen Tag, denn das Mondfest, das letzte große Fest in diesem Jahr, ist heute, und die Menschen und Elfen gedenken den Toten und ihren Verstorbenen Angehörigen. Beinahe wäre ich einer von Ihnen gewesen...

Ich bin früh aufgestanden und habe die noch kraftlosen Strahlen der Morgensonne genossen, die mein Gemüt nach dem gestrigen Tage wieder ein wenig aufhellen konnten. Baal schaute mich wissend an, als ich die Augen wieder schloss und die frische Waldluft einsog. Ich glaube, er und ich haben einiges gemeinsam, obwohl wir doch so unterschiedlich sind.

Nachdem alle ihre Ausrüstung zusammengepackt hatten (Dhûne vertiefte sich lieber in ein geheimnisvolles Buch, während Baal missmutig dessen Sachen zusammenraffte), machten wir uns auf den Weg Richtung Dolchtal. Die Zügel des beschworenen Pferds, welche der Magier mir ohne Worte in die Hand drückte, fühlten sich merkwürdig an, doch der Braune schnaubte nur einmal leicht, als ich aufstieg, und ließ sich mühelos lenken. Zudem war er noch schneller als andere Pferde, die ich bis jetzt gesehen habe. Bis auf das Biest von Nelyssa vielleicht, der Hauptfrau der Reiter von Misteltal...

Noch während ich hinter den anderen herritt, verdunkelte sich die Sonne am Horizont. Rauch stieg dort hinten auf, und schon hier konnte man einen leicht verkohlten Geruch wahrnehmen. Die anderen hatten es auch bemerkt und schauten mich fragend an, aber hier kannte ich mich schon nicht mehr so gut aus. War hier etwa ein Gehöft in der Gegend? Die Grenzen von Misteltal hatten wir längst überschritten.
Als wir durch ein kleines Wäldchen hindurch der Ursache näher kamen, gaben die Bäume den Blick auf ein unheilvolles Bild frei. Ein Haus, offensichtlich ein Bauernhof, niedergebrannt bis auf die Grundmauern. Ein paar aufgeregte Hühner flatterten umher, aber sonst weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Der beißende Rauch hatte nachgelassen, es musste schon Stunden her sein, seit dem das Feuer gewütet hatte. So konnten wir einigermaßen unbeschadet zwischen den kohlenden Resten der Einrichtung nach Spuren suchen, und die von dem glimmenden Gebälk ausgehende Hitze brachte ironischerweise Wärme in unsere von der Nacht steif gefrorenen Glieder.

Merkwürdigerweise jedoch fanden sich einst wertvolle Gegenstände, die nun jedoch durch die Hitze des Feuers vernichtet waren. Zu Klump geschmolzene Karaffen und Behälter in einem abgebrannten Schränkchen, verrußte und mit dem Rest eines Tisches verschmolzene Münzen in einem Beutelrest, und tatsächlich, dort ein paar versengte und von der Hitze verbogene Schwerter und - mein Bogen! Oder jedenfalls der Rest davon, der Handgriff mit meinem Zeichen, das ich vor zwei Jahren in eben dieses Eibenholz geschnitzt hatte. Ein bedauerlicher Verlust, aber nicht so bedauerlich wie das Leben derjenigen, die hier gewohnt und die Erde fruchtbar gemacht haben. Das alles war das Werk der Dunkelelfen, die meine Begleiter getötet und mich zum Sterben zurückgelassen haben, daran bestand kein Zweifel.
Ich spürte einen inneren Zorn in mir, der sich langsam aus der Magengegend heraufwand, und auch Jonathan schien ein funkeln in den Augen zu haben, als ich seinen Blick streifte, um argwöhnisch die Gegend zu betrachten.

Keine Spur mehr von den Drow, dafür hörte man jedoch rasch gallopierende Hufe, und nur wenige Augenblicke später kamen drei Reiter in voller Montur aus dem Norden heran. Sie trugen das Zeichen des Helm auf Brust und Schild, und nach einer kurzen und harschen Unterhaltung hatten wir Gewissheit über diesen grauenhaften Anblick. Tage zuvor schon mussten andere Bauern vor einem Angriff fliehen, und auch hier in dem abgelegenen Gebiet hatten die Drow leichtes Spiel. Lhakell, der Anführer der Wachstreife, drängte uns zum Weiterreisen nach Dolchtal, um Randall Morn zu treffen, bevor sie wie der Wind wieder nach Norden verschwanden.

Langsam setzte der Schnee wieder ein, und während wir auf der gut ausgebauten Strasse nach Dolchtal ritten, wurden unsere Spuren in der weißen Kälte verwischt. Ich zog meinen Umhang fester um mich, doch nach einem schnellen Ritt hatten alle ein weißes Glitzern auf den Augenbrauen und um den Mund, vor allem die Zwerge, dessen Bärte eher wie Eiszapfen aussahen. Wir müssen einen interessanten Eindruck gemacht haben, als wir zwischen den Zelten, welche die Strasse nach Dolchfall allerorten säumten, entlang ritten und den Weg in das kleine Tal nahmen. Heldenhafte Krieger aus der Eiswüste sollten wohl einen ähnlichen Anblick hergeben.
Mir war aber weder heldenhaft noch kriegerisch zumute, und ich war froh, dass uns, sobald wir den Tesch auf dem Tethyamarweg überquert hatten und in die Nähe des südöstlichen Stadttores kamen, eine Patrouille von zehn Mann empfing und uns direkt zum Anwesen Morns geleitete. Auf dem Weg dorthin fiel allen der Lathandertempel auf, der (wie wir bald lernen sollten) von den fliehenden Zhentarim stark geschändet worden war und nun neu aufgebaut wurde. Emsige Arbeiter werkelten auch im Schnee an dem großen Gebäude, das einmal wie ein Schwan geformt in den Himmel ragen sollte. Sehr imposant.

Und dann war es soweit, Randall Morn, Held von Dolchtal und Befreier von Dolchfall, stand tatsächlich vor uns. Ich glaube, die anderen waren nicht so begeistert, ihn wahrhaftig zu sehen, doch ich war sprachlos. Nicht nur machte er einen kriegerischen Eindruck, sonder auch einen sehr sympathischen. Kaum hatten die Wachen uns in seine Halle eingelassen, so kam er auf uns zu und schüttelte jedem die Hand und sprach zu uns wie zu alten Freunden. Er ließ uns seine Gastfreundschaft spüren, in dem er einen der Diener auftischen liess und uns in einen kleineren Raum führte. Auf einem Tisch neben einem mit wertvollen Büchern vollgestopften Regal war offensichtlich eine Kriegskarte aufgebaut, ein Sandkasten mit kleinen roten und schwarzen Symbolen für Armeen, kleinen Häuschen und Barrikaden, die die Stadt darstellen sollten. Auf den ersten Blick konnte man sehen, dass die roten Symbole die schwarzen zehnfach überlegen waren.

Morn sprach zu den anderen über einen Auftrag, den sie für ihn oder zumindest für eine ihm bekannte Person ausgeführt haben. Ich habe nicht alles mitbekommen, doch die Erzählungen hatten einige beunruhigende Punkte, und ich staunte nicht schlecht, als Geschichten über Mondkühe, Vampire und Götter aufgetischt wurden. Hätte ich diese Geschichten in einer Hafenkneipe gehört, hätte ich mir und dem Erzähler wohl mit einem Grinsen ein neues Bier bestellt, aber hier konnte ich nur staunen. Die sechs hatten wohl schon einiges erlebt...

Morn zog eine Kiste aus einer Ecke des Raums und stellte sie uns vor die Füße. Die Belohnung für die Strapazen, an denen ich keinen Anteil hatte - und doch hatten die anderen nichts seligeres zu tun, als mir, den sie grade erst auf der Strasse aufgelesen hatten, einen Teil des Gewinns zu überlassen. Einige hundert Goldstücke sollte ich mein Eigen nennen, und dazu noch einen herrlichen weißen Langbogen, der mir leise Worte ins Ohr flüsterte, als ich prüfend an der Sehne zog. Geheimnisvoll, und wahrscheinlich viel mehr wert als die gelben Münzen mit dem Dolchsymbol. Ich bin unendlich dankbar, und ich glaube, ich kann dies nie zurückzahlen, auch wenn ich wollte. Die Goldstücke jedoch werde ich ihnen zurückgeben, sobald ich kann, das bin ich ihnen schuldig, auch wenn sie mich nur müde lächelnd angeschaut haben.

Morns Gesicht hatte, während die Gruppe den Inhalt der Truhe untersuchte, ein freundliches Lächeln gezeigt, doch nun wurde er wieder ernst. Die Überfälle der Dunkelelfen wären kein Zufall, meinte er, und sie häuften sich. Während die Zhentarim im Norden eine Invasion vorbereiteten, müsste er im Süden mit immer neuen Terroraktionen rechnen, und er würde eine solch fähige Abenteurergruppe gerne damit beauftragen, nach dem Grund zu suchen. Einige Tage zuvor schon hatte es einen Überfall gegeben, und ein aufmerksamer Wachtrupp hat die Spuren zu einer alten Krypta in den Dolchhügeln verfolgt, wo sie sich dann aber verloren hatten.
Dort soll es obendrein auch noch spuken, aber Morn sei diesen Gerüchten nie gefolgt. Die Hilfe, die wir ihm bieten könnte, würde er auch mit Gold und Heilung im Tempel bezahlen, sofern er es aufbringen könnte in den Zeiten des Krieges.

Ich war von seiner charismatischen Erscheinung und dem drohenden Krieg schon längst überzeugt. Für Morn und die Talländer würde ich meinen Bogen spannen, denn sollte Dolchtal fallen, so wäre Schattental und Misteltal wohl schneller überrannt als ein Rabe fliegen kann. Auch Jonathan schien weniger an den versprochenen Schätzen interessiert denn an etwas anderem. Den ganzen Tag schon hatte er einen missmutigen Ausdruck in den Augen, und der Brief seines Vaters, den er schon gestern kurz aufgefaltet hatte und nun auch Morn gezeigt hatte, brachte sein Blut zum Kochen. Er schien bereit in den Tod zu gehen, und nicht nur ich war geschockt von soviel Selbstaufgabe, auch die anderen schienen sehr besorgt um ihren Freund, und Dhûne konnte ihn nur schwer beruhigen. Andarell sprach von der Freude des Lebens, seiner Tante und einem Mädchen irgendwo im Süden, und bald wurde Jonathan wieder sanfter. Dennoch war die Mordlust in seinen Augen zu erkennen...
Ich glaube, genau so muss ich damals ausgesehen haben, als ich nach dem Angriff wieder in die Baracken zurückgekehrt bin, blutverschmiert und dem letzten Teil der Familie beraubt, den ich hatte.
Dhûne schien nicht glücklich über den Auftrag, er hätte sich wohl viel lieber ausgeruht und einmal die Stille des Winters genossen. Doch auch er sah schließlich ein, dass die Stille bald durch den Lärm des Krieges gebrochen werden würde, wenn nicht einige Personen das Schicksal in die Hand nähmen.
Baal lehnte beinahe auch die Belohnung von vornherein ab, als er der Geldnöte von Dolchtal gewahr wurde, was ihm nur ein ungläubiges Stirnrunzeln einbrachte. Aber auch er war bereit für die Untersuchung der Spur, und Andarells Augen leuchteten auf bei dem Gedanken an Krypten und untote Wesen.
Schließlich waren sich alle einig, dass wir sobald wie möglich aufbrechen wollten.

Zusammen mit Jonathan wollte ich jedoch an diesem heiligen Tag unseren Vätern im Tempel von Lathander gedenken, und er hatte sogar noch eine weiteren Wunsch. Nachdem wir im 'Zerbrochenen Dolch' ein Hinterzimmer mieteten, um ein paar Beutestücke aufzuteilen, und ein Fässchen Bier sowie leckere Pasteten für ein paar Goldstücke bekamen (der Wirt muss gedacht haben, wir hätten die hoheitliche Kasse von Cormyr geraubt, als er die ganzen Münzen auf einem Haufen sah), trennten wir uns für kurze Zeit.
Jonathan und ich begaben uns zum Tempel des Morgengottes, und während ich in einer stillen Ecke des noch mit offenem Dach stehenden Gebäudes ein Gebet an meinen Vater und Sylvanus schickte, spendete er dem herbeigeeilten Novizen großzügig einige hundert Münzen, um für seinen Vater eine Andacht halten und in seinem Gedenken eine Statue errichten zu lassen. Ein wenig pompös, wenn man mich fragt, aber nichtsdestotrotz eine sehr noble Tat. Der Tempel benötigt sicher auch viele Mittel, um fertiggestellt zu werden, und als wir etwas später gemeinsam den heiligen Boden verließen, schien Jonathan auch zufriedener und gleichmütiger zu sein. Ein Glück.

Eine Stunde nach Mittwacht trafen wir beim Osttor auf die anderen, und nach der Beschreibung von Morn erreichten wir alsbald die Hügel südlich der Stadt, etwa zwei Stunden leichten Rittes entfernt. Zwischen den Anhöhen waren immer wieder Anzeichen einer alten Zivilisation zu erkennen, zerfallene Grundmauern und alte Steinbegrenzungen. Der Weg führte zwischen ihnen und den Hügeln hindurch, der Schneefall wurde nun wieder weniger. Ein kleiner Weg führte uns von der Strasse weg nach Westen, und nach einigen Meilen endete er in einem kleinen düsteren Tal.

Die späte Nachmittagssonne fiel schräg auf zwei kleine Mausoleen, die links und rechts vom Weg standen, und zwischen ihnen hindurch konnte man in der Felswand eine reich verzierte Tür entdecken, von zwei Statuen mit Schilden gesäumt. Der Schnee lag etwa handhoch, und nur kürzliche Spuren wären wohl zu entdecken gewesen. Der eventuelle Eingang zu einem unter der Erde liegenden Reich der Elfen sollte aber hier irgendwo sein, wenn man den Vermutungen glauben konnte.
Wir waren uns einig, zunächst die Häuser zu untersuchen. Das größere der beiden Mausoleen wies eine große steinerne Doppeltür auf, die ich mit voller Neugier aufdrücken wollte, als Dhûne mir in den Arm griff. Offensichtlich war er großen Kummer von Halbelfen gewöhnt, anders kann ich mir seine harschen Worte jedenfalls nicht erklären.
Jonathan untersuchte also kurz die Fassung, aber außer abgebröckeltem Mörtel war nichts zu entdecken, und so ließ ich schließlich den rechten Flügel nach innen schwingen. Das Licht fiel in einen verstaubten Raum, auf dem Boden waren jedoch Spuren eines alten Lagerfeuers zu entdecken, und Müll lag in einer Ecke. Ein leicht modriger Geruch hing in der Luft, wurde jedoch vom kalten Wind verdrängt. Vier weitere Steintüren waren im Inneren zu erkennen. Nichts also, worum sich Dhûne hätte Sorgen machen müssen.

Baal stapfte durch den Schnee zu dem kleineren der beiden Mausoleen, aber dessen als Tür dienender Steinblock ließ sich nicht so einfach verschieben. Ein reich verziertes Wappen prangte auf der Steintür. Jonathans Untersuchung ergab, dass diese Tür wohl von innen zugemauert worden war. Was auch zu seiner zweiten Entdeckung passen könnte, denn über der Tür waren in einer alten Sprache, die nur er kannte, 'Chahir' und 'in Ewigkeit vereint' in steinernen Symbolen angebracht, die zwar stark verwittert, aber dennoch lesbar waren. Vielleicht hatten sich ein Mann und seine Frau hier von innen eingeschlossen, sterbenskrank und dem Tode nahe?

Die anderen vier Türen und dieses Mausoleum außer acht lassend wandten wir uns dem Eingang im Felsen zu. Eine gewaltige Doppeltür war in eine behauene Nische eingelassen worden, auf beiden Seite eine Statue eines Skelettkriegers in voller Rüstung und Schild. Die Türen selbst wiesen zwei griffe auf, doch eine spontane Überprüfung ergab, dass auch sie sich nicht so einfach öffnen würden. Jona untersuchte die Ritzen, und mit einem langen Draht konnte er auf Höhe der Griffe einen Widerstand fühlen. Ein Balken? Unmöglich, ihn von außen hochzuheben. Wie sollten wir da rein kommen?

Es schien, als wäre die Gruppe auf alles vorbereitet. Dhûne erinnerte die anderen an ein Glöckchen, und tatsächlich, als Jonathan ein kleines silbernes Glöckchen nebst Schlegel hervorzauberte und einen lauten hellen Klang vor dem Tor produzierte, hörte man von innen, wie etwas aufschnappte und ein rasselndes Geräusch entstand. Grinsend drückte er die Tür nach innen auf und schob die am Boden liegende Kette nebst Schloss mit dem Fuß zur Seite. Als alle den dunklen breiten Gang betreten hatten und nach einhelliger Meinung die Tür von innen wieder verschlossen wurde, umfing uns der kalte Geruch des Todes, viel stärker als draußen in dem ersten Mausoleum.

Im Licht von Jonathans leuchtendem Schwert (übrigens ein sehr praktisches Ding, hoffentlich verrät uns das nicht irgendwann einmal in der Dunkelheit) wurden wir einigen Gestalten am Boden gewahr. Fünf Dunkelelfen lagen dort, zwei weibliche (vielleicht Priesterinnen?) und drei männliche, ohne Waffen oder Rüstung, dafür mit Armbrustbolzen gespickt oder den Kopf von stumpfen Waffen zertrümmert. Alle trugen jedoch das alte Symbol der Spinnengöttin Lolth, das silberne Spinnennetz. Dieses hatte ich schon einige Male gesehen, aber ansonsten trugen sie keine Hausabzeichen, wie es sonst üblich war. Und auch sonst waren keine Hinweise zu finden, wer oder was sie hier getötet hatte, und warum. Ob das mit diesen anderen, neuen Drow zusammenhängen mag? Wenn Tote doch nur reden könnten...

Nördlich dieses grausigen Fundes zweigte der Weg in einen kleinen doppelkreuzförmigen Gang ab, dessen Alkoven aber leer dastanden, nur die dicke Staubschicht bedeckte den Boden.
Vorbei an den getöteten Dunkelelfen streckte sich der Gang weiter geradeaus in die Hügel. Vorsichtig und unter dem flackernden Licht des Schwertes gelangten wir an eine Biegung nach Süden. War hier der Eingang zum Unterreich zu finden? Ich hielt kurz inne und lauschte, doch außer den schweren Stiefeln der Zwerge und Dhûnes raschelnder Kutte konnte man keinen Ton vernehmen.

Zwei weitere Türen führten rechts und links von diesem Gang ab, und Jonathan untersuchte die östliche zuerst. Auch hier wieder abgebröckelter Mörtel. Etwaige Grabräuber schienen sich also auch hier im Inneren aufgehalten zu haben, und zumindest diese Tür war wohl schon geöffnet worden. Als die Tür sanft aufschwang und den Blick auf einen größeren Raum mit einigen Sarkophagen freigab, machte Jonathan einen vorsichtigen Schritt hinein - doch nicht vorsichtig genug, denn unter seinen weichen Stiefeln blitzte plötzlich ein weißes Licht auf, dass schnell zu einem blauen Symbol wurde (ich glaube, Dhûne nannte es Glyphe) und verblasste. Nur um im selben Moment durch zwei schreckliche goldene Löwen ersetzt zu werden, die inmitten der Sarkophage auftauchten und sofort einen markerfüllendes Gebrüll losließen und sofort einen Satz auf die Gruppe zu machten.

Voller Schreck zog ich meinen Bogen, doch bevor ich einen Pfeil aufgelegt hatte, hatte Jonathan seine Peitsche aus dem Gürtel gezogen. Ein kurzes gemurmeltes Wort, und er verschwand plötzlich aus meinem Sichtfeld, um nur kurz danach hinter einem der heranschnellenden Löwen wieder aufzutauchen und dessen Rücken mit den Spitzen seiner Waffe zu martern. Auch Andarell und Horken hatten schnell reagiert und bedachten die Monster mit mächtigen Schwüngen ihrer Waffen. Der kleine Gang in den Raum war gefüllt, und zwischen den Armen und Beinen konnte ich nur schwer die goldfarbenen Ziele ausmachen. Doch schließlich gelang es mir, einen der Löwen mit zwei schnellen Schüssen in die Flanke zu treffen, als Horken dessen Angriff auswich und meinen Pfeilen Platz machte. Noch während die Sehne neben meinem Ohr sirrte und eine elfische Stimme leise 'Nuquernarauaka a'gothrim' murmelte, brach er tot zusammen, und auch der andere Löwe war schnell überwältigt.

Heftig atmend lehnte ich mich gegen die Wand hinter mir. Mein Herz raste wie wild. Eine magische Falle, oder ein Schutz dieser Grabstätte. Aber wieso wurde sie vorher nicht ausgelöst, von anderen? Und dann diese Stimme in dem Bogen... sie versprach mir den Tod für meine Feinde. Wie könnte ich wohl die Magie aus ihm herauslassen?

Der Raum beinhaltete insgesamt zehn Sarkophage, allesamt steinerne Behältnisse für vielleicht eine Familie oder eine Gemeinschaft. Wir entschieden uns, diesen durch die Falle geschützten Ort zu verlassen und die Toten in ihrer Ruhe nicht zu stören.

Auf dem Weg nach Süden ließen wir die andere Tür gänzlich außer acht. Dhûne meinte, der Weg nach unten führe nicht durch einen dieser Räume, wie wir gesehen hatten, und tatsächlich konnten wir nach einigen Metern eine Treppe entdecken, die uns tiefer in die Erde führen sollte. An dessen Ende erwartete uns eine natürliche Höhle, dessen Wände roh behauen und zu Grabkammern umfunktioniert wurden. Überall lagen Skelette neben- und auch übereinander in den eigens für die anscheinend ärmere Bevölkerung eingerichteten Einbuchtungen. Ich hatte so etwas noch nie zuvor gesehen, und auch Jonathan beobachtete die vielen Toten neugierig, die von einem merkwürdigen gelben Staub überzogen waren. Vielleicht ein Pilz, oder...

Plötzlich verpuffte etwas in einem Grab neben uns, und gelber Staub bedeckte Gesicht und Kleidung. Jonathan und ich sprangen zurück, doch die giftige Wolke hatte meine Atemwege schon durchdrungen, und ich ging atemlos in die Knie. Hustend hielt ich mich an Jonathans Mantel fest, um nicht umzufallen, doch ich spürte, wie mich meine Kraft verließ. Aber Andarell, das wahre Geschenk des Himmels und die Kraft alles Guten, errettete mich erneut von meiner Not. Mit der gleichen beruhigenden Stimme wie vor einem Tag redete sie auf mich ein, während ihre leicht glühende Hand auf meiner Brust den gefährlichen Dunst aus meinen Lungen presste. Ich kann nicht sagen, wie glücklich ich bin, dass sie an unserer Seite weilt.

Nach diesem unerfreulichen Zwischenfall hielt ich mich fern von den Wänden dieser Katakomben. Als wir das System weiter erforschten, entdeckten wir in der nächsten Höhle eine merkwürdige, große Statue. Mandibelartige Werkzeuge sprossen aus einem merkwürdig geformten Kopf hervor, große Glubschaugen starrten uns an. Zwischen all diesen Gräbern ein merkwürdiger und erschreckender Anblick. Dhûne war sich sicher, dass das ein Abbild eines Gottes ein musste, Jergahl oder so ähnlich, vielleicht ein Insektengott. Leider war er sich nicht sicher, wer diesen Gott anbetete und für was er steht, und so umrundeten wir das monströse Steinwesen und setzten unseren Weg durch einen dünnen Gang fort, der aus der Höhle nach Westen führte.

Ich fühlte mich immer unsicherer hier unten. Höhlen und Gänge waren noch nie meine favorisierte Umgebung, und ich vermisste die frische Luft und den freien Himmel. Hier war es mir einfach nicht geheuer.

Ohne Vorwarnung schossen plötzlich dünne weiße Fäden aus dem Stein der Wand hervor, umschlossen Jonathan und drückten seine Arme an seinen Körper. Während das Flammenschwert klirrend zu Boden fiel, zogen die Fäden ihn in blitzartiger Geschwindigkeit an die Wand heran. Und genau dort, wo diese Fangarme mündeten, blickten zwei leere Augen aus dem Stein, und ein mit messerscharfen Zähnen bewehrter Mund öffnete sich freudig über den Fang! Ich zog mein Kurzschwert und versuchte den armen Jona von den Seilen zu befreien, die ihn unaufhörlich zur Wand hinzogen, so sehr er sich auch abmühte, davon loszukommen. Aber nach dem ersten Schlag auf die harten Fänge schob Dhûne mich zur Seite, während er ein paar arkane Worte murmelnd auf das merkwürdige Steinwesen zeigte, dass sich so trickreich mit der Wand verschmolzen hatte. Aus seinen Fingern schossen gewaltige flammende Pfeile und hinterließen eine rauchende Spur, als sie auf das Ding zurasten und in dessen Fleisch untergingen. Ein greller Feuerblitz, und die Fäden fielen rauchend zu Boden. Dort, wo grade noch ein Monster versucht hatte, Jonathan zu verschlingen, war nur mehr ein verkohltes Häufchen Masse.

Staunend sah ich Dhûne an, und die Augen des Magiers blitzen vor Aufregung. Anscheinend hatte er nicht mit diesem überwältigenden Ergebnis gerechnet, doch ein leichtes Lächeln auf seinen Lippen zeugte von der Überzeugung, dieses Spektakel noch einmal wiederholen zu können, wenn er nur wollte.

In der allgemeinen Aufregung raunte Baal plötzlich und zeigte auf den weiterführenden Gang. Eine schattenhafte Gestalt hatte sich dort grade am Rande des Lichtscheins bewegt und war in die Dunkelheit verschwunden. Ein Späher der Dunkelelfen? Schnell hatten alle ihre Waffen bereit und eilten den Gang hinunter, wieder durch eine kleine Höhle hindurch, doch keine Spur von dem fremden Wesen zu sehen oder zu hören. Zu allem Überfluss teilte sich der Weg auch noch auf, weiter nach Süden oder in den Osten.

Ein Weg war so gut wie der andere, und so wählten wir den linken Pfad. Während Baal und ich in der Nähe der Kreuzung verharrten und Dhûne auch nur wenige Schritte nach Osten machte, führte Jona die Zwerge mit seinem Licht weiter. Eine Kammer öffnete sich, und inmitten des grossen Raums lagen fünf Stapel, Kleidung, Waffen und sonstige Ausrüstungen. Andarell besann sich kurz und spürte die Anwesenheit von Magie in den Gegenständen, was Jonathan zum Anlass nahm, weiter in den Raum zu gehen, auf einen der Stapel zu. Doch plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen, und von hinten konnte ich erkennen, wie seine Beine plötzlich begannen zu schlottern. Voller Angst drehte er sich um und kam uns an den Zwergen vorbei entgegengelaufen, die Augen schreckgeweitet und voller Panik. Baal streckte einen Arm aus und hielt ihn auf, denn es war offensichtlich, dass er am liebsten den Gang zurück nach draussen flüchten wollte. Zitternd hielt er inne. Was war bloss mit ihm geschehen?

Just in dem Moment wurde der Gestank des Todes intensiver, und aus dem Halbdunkel am Ende der Höhle kamen wankend drei Gestalten auf uns zu. Ghule! Schrecklich anzusehen, und noch schrecklicher zu bekämpfen. Helm sei Dank, keiner der Untoten hat uns getroffen, denn ich habe schon von solchen gehört, die Krankheiten erhielten, die weitaus schlimmer waren als der Tod selbst. Andarell wütete wie ein heiliger Berserker unter den Gruftmonstern, und auch Jonathan berappelte sich wieder und griff an. Ein Pfeil flog einem der Ghule direkt zwischen die Augen, und Horken erledigte den dritten.

Hatten die Ghule Jonathan so geschreckt? Doch es blieb keine Zeit, ihn zu fragen, denn aus dem hinteren Ende der Höhle drang ein schwacher Hilferuf hervor. Ein Mann schien dort zu sein, vielleicht von den Ghulen gefangen? Vielleicht konnte man ihm noch helfen...
doch in dem Augenblick verwandelte sich der für harmlos gehaltene in einen wahren Dämon, tiefe dunkle Augen, klauenbewehrte Hände und fürchterliches Antlitz. Mit einem Sprung griff es die Gruppe an, und ich weiss bis jetzt noch nicht, wie wir diese Ausgeburt des Abgrunds überlebt haben. Es dauerte nur einige Augenblicke, aber sie kamen mir wie endlose Minuten vor. Der tödliche Streich fiel jedoch, und als sich der Dämon vor Schmerzen am Boden wand und in einer infernalischen Sprache unverständliche Laute gurgelte, verwandelte sich das Ding in die Gestalten, die er wahrscheinlich besessen oder getötet hatte, und deren Ausrüstung nun überall im Raum verstreut lag. Ein starker Drow, dann ein linkischer Mensch, eine wüste Barbarin, ein Gnoll, und dann wieder eine Drow. Dann verpuffte der Körper und verschwand in eine der neun Höllen.

Soviel schreckliches hatten wir bis dahin schon gesehen, und jeder Meter unter der Erde wurde nur noch schlimmer. War die schattenhafte Gestalt dieser Dämon gewesen? Oder war er vorbei an dieser Höhle nach Süden gelaufen? Während die anderen die auf dem Boden ausgebreiteten Dinge betrachteten, wurde mir immer enger ums Herz. Jonathan deutete auf ein fein gearbeitetes Kettenhemd und meinte, ich würde darin wohl besser aussehen als in dem abgetragenen und zerschundenen Lederpanzer. Tatsächlich, das alte Lederding gehörte zwar eigentlich nicht mir, sondern den Reitern von Misteltal, aber was sollte es... Das Mithralhemd schien sich an meine Grösse anzupassen, als ich es überzog, und die leichten Ringe fühlten sich wunderbar an über meiner Tunika. Baal schnappte sich einen Bogen, der dort zu seinen Füssen lag, und schaute mich fragend an. Allerdings war es ein Kompositbogen, und ich schoss schon seit jeher lieber mit einem richtigen Langbogen. Nicht, dass ich damit nicht schießen können würde, aber für Baals starken Arm scheint dieser Bogen eher geschaffen zu sein wie für meinen geschickten Schuss.

Auch die anderen fanden interessante Dinge, aber ich drängte darauf, wieder an die Oberfläche zurückzukehren. Es musste schon sehr spät sein, und es war ein langer harter Tag gewesen. Ein wenig Rast würde uns bestimmt allen gut tun, und nach all den schrecklichen Vorkommnissen würde ich liebend gerne diese Grabstätten verlassen, bevor sie zu unseren eigenen werden. Breite Zustimmung flog mir entgegen, und das erste Mal fühlte ich mich so wirklich als Teil dieser kleinen Gruppe von Abenteurern.

Ich hatte ja keine Ahnung, was uns in dieser Nacht noch erwarten würde.

Also gingen wir wieder zurück, stiegen die Treppe hinauf und folgten den Gängen bis zu der großen Pforte, dessen Kette Jonathan wieder öffnete. Seufzend öffnete sich das Tor, und auch ich seufzte die kühle Luft einatmend auf. Endlich wieder Freiheit und ein Himmel, weit entfernt von meinem Kopf. Erleichtert trat ich nach draußen. Eine ruhige Nacht lag bevor, so hoffte ich wenigstens.

Die vier bisher ungeöffneten Steintüren des größeren Mausoleums sollten nun geöffnet werden, um dieser Nachtruhe ein wenig Sicherheit zu verleihen. Wer schläft schon gern vor unbekannten Räumen und Gefahren. Nacheinander stießen wir also die Türen auf, fanden aber nur verzierte, aber sehr verstaubte alte Sarkophage.

Glücklich über diesen uninteressanten Fund machten sich alle daran, ihr Nachtlager in dem größeren Vorraum aufzuschlagen. Decken wurden ausgebreitet, und Tiriel sang erst leise, dann lauter und mit Bestimmtheit ein fröhliches Lied, dass mich noch heiterer stimmte, als ich ohnehin schon war. Dhûne lächelte leise, als er wie gebannt auf die kleine Halb-Elfe sah.

Jonathan unterdessen stand am Eingang des kleinen Mausoleums. Er war ein wenig still geworden, aber nun hielt er plötzlich inne.
"Dort sind Spuren im Schnee" sagte er leise. Spuren? Aber es hatte doch geschneit, das bedeutete...

"Lasst uns nachsehen" sagte Tiriel, und auch ich stand von meiner Decke auf. Gemeinsam mit Jonathan folgten wir den sichtbaren Spuren einige Schritt weit, während auch die anderen nach draußen traten. Dhûne blieb als einziger auf seinem Lager sitzen.
Die Schneestapfen führten nach Westen, verloren sich dann aber bald gänzlich. "Wundersam" murmelte ich. "Hier hören sie einfach auf!"

Als wir zurückgingen und die Zwerge und Baal die Gegend musterten, schloss sich plötzlich die Tür des Mausoleums. Verwundert starrten wir alle darauf. "Dhûne?" rief Tiriel, doch von innen drang nur ein lauter röchelnder Laut heraus. Sie drückte gegen die Tür, und ein schrecklicher Anblick schlug uns entgegen. Ein gut gekleideter, anscheinend adliger Mann mit schwarzem Haar war über Dhûne gebeugt, den Mund an seinen Hals gepresst. Ein wenig Blut rann herunter, und der Blick des Vampirs verriet Freude und Gehässigkeit. Sofort verwandelte er sich in eine Art Nebel und verschwand aus der nun wieder offenen Tür.

Andarell war entsetzt. "Bei Beronar" stieß sie hastig hervor, als sie auf den zu Boden stürzenden Dhûne zu eilte. Sein fahles Gesicht und seine eingefallenen Züge zeugten von der gefährlichen Attacke des Blutsaugers. Mit fester Stimme und ein heiliges Symbol in die Luft über Dhûne beschreibend ließ sie die Kraft ihrer Göttin in ihn fließen, und augenblicklich schien Dhûne sich wieder besser zu fühlen, seine leicht graue Haut nahm wieder Farbe an, dennoch wirkte er immer noch benommen und hagerer als zuvor, als er vorsichtig aufstand.

"Schnell, das andere Mausoleum!" rief Jonathan. Natürlich, daher musste diese Brut der Hölle hergekommen sein. Baal und Jonathan liefen schon auf die vermörtelte Tür zu und drückten heftig dagegen, während alle aufgeregt in die kalte Nacht traten. Nach wenigen Momenten gab der Mörtel nach, bröckelte heraus und die Tür schwang auf, um den Blick auf einen kleinen Raum mit zwei reich geschmückten Sarkophagen freizugeben. Dicker Staub lag dicht auf dem Boden und den steinernen Särgen, die mit edlen Gravuren eines Mannes und einer Frau auf der Steinplatte verziert waren. "Hier" rief Jonathan, als er den Deckel des mit der Mannesgestalt verzierten Sages anlangte und anhob, während jeder unwillkürlich einen Holzpflock herbeiwünschte, als er seine Waffen bereithielt. Doch der Sarg war leer, und der Deckel glitt polternd zu Boden.

Dunkle Flecken waren vor dem anderen Sarg zu erkennen, anscheinend Schmutz oder dunkle Erde. Wissend nickten sich die anderen zu, und ich konnte nur vermuten, dass das ein Anzeichen dafür sein musste, dort nun endlich den verruchten Vampir zu finden. Ich machte einen Schritt zurück Richtung Tür und machte meinen Bogen bereit. Auf ein Zeichen hob Baal den Deckel, doch statt einem gut gekleideten Mann lagen dort, Seite an Seite, zwei in schmutzige Reisekleidung gewandete kleinere Männer. Aus ihren schimmernden Augen blitzte Hass, und als einer den Mund öffnete und in leichten Plauderton anfing zu sprechen, sah man seine blitzenden Spitzzähne. "Na, da habt Ihr wohl gedacht, Ihr könntet die Toten ausrauben? Haben wir auch gedacht..."

Tiriel wurde es zu bunt. Noch bevor die Vampire reagieren konnten, stieß sie dem sprechenden ihr Schwert zwischen die Rippen, und Baal hieb dem anderen seinen Zweihänder durch die Brust. Sofort schrieen die beiden mit einer höllischen Stimme auf, und in blitzartiger Geschwindigkeit wurden sie von heißen Flammen verzehrt, die dann so schnell verschwanden, wie sie gekommen waren. Zwei rauchende Häufchen Asche verblieben.

Ich war verdutzt. Noch mehr verdutzt war ich allerdings, als ich plötzlich selbst in blauen Flammen zu stehen schien, ein mächtig kribbelndes Gefühl breitete sich auf meinem gesamten Körper aus, und ein ohrenbetäubendes Brutzeln erklang in meinen Ohren, und meine Hände zuckten unkontrolliert.
Dann konnte ich mich wieder bewegen, und unter Schmerzen dreht ich mich herum. Da stand er, der bleiche Edelmann, und grinste voller Hohn, seine rechte Hand auf mich gerichtet. Den aufgelegten Pfeil ließ ich fahren, aber ungeschickt verfehlte ich den nur wenige Meter entfernt stehenden Vampir.
Hinter mir geriet alles in Bewegung. Plötzlich umgaben den Vampir glitzernde Teilchen, sine Kleidung und sein Kopf waren über und über bedeckt mit fröhlich glitzerndem Leuchtstaub. Ein weißer Strahl gleißenden Lichts schoss kurz danach in die Brust des Mannes und warf ihn zwei Schritt zurück. Ungläubig starrte er hinter mich, als Horken auch schon an mir vorbeirannte und einen gewaltigen Satz mit seiner Axt machte und ihn am Bein traf. In dem Moment wurde er wieder zu Rauch, und die glänzenden Staubpartikel fielen an der Stelle zu Boden, wo er grade noch gestanden hatte. In der Dunkelheit konnte man die Bewegung des Rauchs nicht ausmachen, und Horken zog sich wieder zurück in das Mausoleum.

Unvorsichtigerweise blieb ich draußen stehen und beobachtete die Schatten, während ich einen weiteren Pfeil auflegte. "Komm herein, Connavar" rief Tiriel aufgeregt, doch da war es schon zu spät. Ein weiterer Blitz schoss auf mich zu, diesmal sah ich ihn kommen, dort von oben auf dem großen Mausoleum, aber ich hatte keine Möglichkeit auszuweichen. Knisternder Schmerz warf mich zu Boden, und mein Blut kochte und waberte in meinen Ohren.
Nur entfernt hörte ich, wie Jonathan an mir vorbeirannte, und am Rande der Bewusstlosigkeit hörte ich Dhûnes sonore Stimme, die merkwürdige Worte skandierte. Wie im Traum, sah ich eine wild peitschende Gestalt und einen dunklen schnellen Schatten, der sich um jene Gestalt herumwirbelte und den Schnee aufstob, und dann eine plötzlich erschienene feurig leuchtende Form, die den Schatten zu verschlucken trachtete. Dann wurde mir schwarz vor Augen, und ich fühlte nur, wie mein Körper sich von selbst bewegte. Und dann, ganz leise, aber mit einer fast heiligen Intensität, eine starke Wärme.

Ich lag in der Grabkammer, und wieder einmal blickte ich in das lächelnde Gesicht von Andarell, die das Symbol von Beronar an ihrer Halskette um fasst hatte. Dankbar lächelte ich zurück und nickte leicht. Würde ich ihr jemals zurückgeben können, was sie nun so oft schon für mich getan hatte?

Von draußen erklangen noch wilde Rufe und Schreie, doch dann erstarben sie jäh. "Kommt, wir müssen hier weg", rief Dhûne auffordernd, als er den Kopf in das Mausoleum steckte. Hastig sammelte jeder seine Habseligkeiten aus dem anderen Gebäude auf, verstaute sie nur provisorisch und rannte dann auf das grosse Portal im Berg zu, dass Jonathan schiesslich hinter sich zuwarf. Dunkelheit und Modergeruch hatten uns wieder eingefangen, und mir wahr unwohl, es hatte so nach Flucht ausgesehen. "Ist er..." stellte ich die Frage in die Runde, aber Dhûne schüttelte nur den Kopf. Jonathan blickte bestürzt zu einer Wunde an seiner Brust, und Andarell kümmerte sich um den großen Mann.

Der Vampir war offenkundig entkommen, und auch Dhûnes herbeibeschworenes Feuermonster hatte nur verdutzt auf dem Dach gestanden und den Schnee geschmolzen, aber den Vampir nicht töten können. Eilig rollte ich meine Decke ordentlich zusammen und befestigte sie am Rucksack. "Was tun wir jetzt? Wollen wir in dem Raum mit den Löwen Ruhe suchen?"
"Wieder Särge, Connavar?" gab Jonathan zu bedenken.
"Da war noch diese andere Tür in dem Gang, vielleicht ließe sich dort.." sinnierte ich, und Tiriel stimmte zu. "Ja, lasst uns dort noch nachsehen."
Dhûne schien alles andere als begeistert. "Ich hatte nicht damit gerechnet, vor der Nachtruhe noch alle meine Zauber zu verschwenden." sagte er missmutig, kam aber dann doch hinterher, als die Gruppe den Gang zurückging bis zu der Tür, die sich auf der Westseite des nach Süden führenden Ganges befand.

Jonathan untersuchte kurz die Umrisse, und auch hier waren die Zwischenräume zu gemörtelt. Kurzerhand warf er sich gegen die Tür, zuckte dann aber unter Schmerzen zurück, als aus der Türmitte ein fahles grünes Licht auf ihn überging und ihn auf die Knie zwang. Heftig atmend und die Augen schmerzhaft zugekniffen zwang er sich wieder auf die Beine und holte tief Luft. "Eine gute Falle, hätte mich töten können" sagte er anerkennend, als er die Tür erneut betrachtete, dann Baal zu sich rief und mit gemeinsamer Anstrengung die Tür einfach nach innen eindrückte.

Der Blick wurde frei auf einen kleinen Raum, der dem großen Mausoleum draußen sehr ähnelte, mit vier geschlossenen Steintüren. Der auffallende Unterschied bestand jedoch in der Statue, die inmitten des Raumes stand und den Eingang anstarrte. Eine herrschaftliche dreinblickende Frauengestalt in einer weiten Robe und gebieterischer Pose. Ein erstaunlicher Anblick.
Schon wollten Jona und Baal den Raum gänzlich betreten, als die Statue plötzlich zum Leben erwachte, und eine unheimliche Präsenz ihre Lippen bewegte. Sie sprach unverständliche Worte in einer geisterhaften, aber sehr kraftvollen Stimme. Stirnrunzelnd stand ich links des Eingangs, und ausser Jonathan schien auch sonst jeder von der imposanten Gestalt und Sprache verdutzt. Die Statue schien immer noch belebt, aber war nun still und schaute weiter gebietend auf die Versammelten.

"Sie spricht Thorass" raunte Jonathan. "Sie will, dass wir verschwinden und ihr Grab in Ruhe lassen. Sollten wir das nicht tun und eindringen, so wird uns ein Fluch treffen."

"Ha, ein Fluch!" lachte Tiriel. "Was denn für ein Fluch?"

Jonathan wandte sich direkt an die Statue (was für ein merkwürdiger Anblick) und sprach kurz, aber offenbar kundig in dieser alten Sprache, dann antwortete wieder die steinerne Stimme.

"Sie wiederholt sich. Wir sollen verschwinden. Tun wir das nicht, dann wird uns ein Fluch treffen, und in sieben Tagen werden wir von Dämonen heimgesucht und gerichtet."

Ich schmunzelte leicht, und auch Tiriel schien diese übernatürliche Drohung eher eine Farce. Die anderen Gesichter schienen eher unentschieden oder auch eingeschüchtert, wenn nicht zumindest nachdenklich. Dhûne gab zu bedenken, dass er keine Lust hätte, in sieben Tagen gegen irgendwelche Dämonen kämpfen zu müssen.

"Bis dahin hast Du ja Zeit, Dich vorzubereiten" grinste Tiriel spöttisch und fügte hinzu, "Ich glaube nicht an den Quatsch, ich hab so was noch nie gehört!"
Damit trat sie in den Raum, bevor sie jemand aufhalten konnte, und im gleichen Moment machte die Statue einen Schritt nach vorne, wurde dann von einer geisterhaften Gestalt verlassen, die schnell auf die Gruppe zuschwebte.
Blitzartig ließ ich drei Pfeile in schneller Folge auf den Geist zufliegen, doch sie zogen nur kurze Fetzen des Seins hinfort, als sie einfach durch ihn hindurchschossen und krachend auf die Wand dahinter trafen.
Ein quälender Schrei des Horrors erklang, und ein geisterhaftes weibliches Gesicht verzerrte sich zu einer schrecklichen Fratze, die allen Todesfurcht einflösste, die sie sahen. Zitternd senkte ich meinen Blick.

Jonathans Peitschenhiebe und Baals Angriffe mit dem Zweihänder schienen jeweils nur dünne Fetzen aus der wabernden Gestalt zu ziehen, die sich dann aber wieder füllten. Tiriel rief ein arkanes Befehlswort, und ihre Umrisse waren schlagartig nicht mehr erkennbar, so als ob sie in einem Moment hier, im anderen Moment dort und im nächsten darauf gleich dreimal dort stehen würde. Ihr Gesicht, nur halb erkennbar, zeugte von einem plötzlichen Schreck, als sie dem Geist nun in seiner Daseinswelt gegenüberstand.

Andarell war sich der Macht des Geschöpfes wohl bewusst, und noch bevor dieses sich näher an ihre Gefährten heranmachen konnte, fasste sie mit der rechten Hand an ihren Stirnreif, rief laut "Lichtsturm" und entfesselte die Macht, die darin lag. Ein gleißender Strahl, noch heller als der, den sie dem Vampir entgegengeschleudert hatte, drang in den Geist ein, wurde vollständig von ihm verschluckt, um dann in einer unhörbaren Explosion dem Spuk ein Ende zu bereiten.

Blinzelnd schaute ich in den Raum. Tanzende Schatten und violette Lichter bewegten sich vor meinen Augen, Statuen fleckten hier und dort auf, und erst nach mehreren Sekunden beruhigten sich meine Sinne wieder.

Der Geist war verschwunden, und Tiriel blickte schuldbewusst zu Dhûne, als ihre Umrisse wieder zur Normalität zurückkehrten. Dieser schüttelte nur den Kopf. "Nun gut, wenn wir schon mal hier sind, den Fluch ausgelöst haben wir ja nun eh, dann lasst uns wenigstens den Raum weiter untersuchen."

Die vier Steintüren führten wie oben zu kleineren Räumen mit jeweils einem Sarkophag. Die Deckel ließen sich leichter anheben, und die Skelette darunter waren weniger furchteinflössend als die halblebenden Vampire. Grabbeigaben waren hier zu finden, und nur unter Protest ließ Dhûne zu, dass Diamanten und andere Edelsteine entwendet wurden. Besonders ein goldener Halsschmuck hatte es Tiriel angetan, und sie legte die Pektorale gleich um. Daraufhin bewegte sich der Mund des Skeletts plötzlich, auf und zu, und eine verstaubte Stimme sprach, anscheinend wieder in Thorass. Jonathan lächelte, "Wer immer mein Grab stört, wird in sieben Tagen von Dämonen heimgesucht."

"Na wunderbar" stöhnte der rote Magier.

"Ach komm, sei doch nicht so ein Angsthase. Schau mal, die Kette steht mir doch, oder?" entgegnete Tiriel mit blitzenden Augen.

Der Vorraum der Grabstätten barg immer noch die Statue. Ein breiter Sockel zierte die Füße des Frauenbildes, und Jonathan war sich plötzlich nicht sicher. "Vielleicht ist dort drunter noch etwas versteckt. Es sieht so aus, als ob die Statue AUF dem Sockel steht."
Prüfend legte er Hand an die Statue, sie war jedoch tonnenschwer und nicht zu bewegen. Baal und Horken halfen ihm, als er sich dagegen stemmte, aber auch diese Anstrengung verhalf den Männern nur zu Schweißtropfen. Baal hielt inne, dann zog er seinen Zweihänder vom Rücken und hackte auf den Stein ein, der geduldig nachgab.

Dhûne betrachtete die Szenerie ungeduldig. Es war nun schon weit nach Mitternacht, und er wollte verdammt noch mal unter die Decke und schlafen. Seufzend konzentrierte er sich, und dann entstand aus dem Steinboden hinter der Statue ein Wesen, formte sich aus dem Boden und wuchs aus dem Stein immer größer, bis es zu einem kräftigen gedrungenen Koloss geworden war. Der Magier befahl ihm, die Statue umzuwerfen, und fast ohne Anstrengung zerrte der Erdelementar an dem Gewicht, dass schnell zu schwanken begann und alsbald umfiel. Krachend und mit ohrenbetäubendem Geräusch landete es auf dem Boden, und die Erde erzitterte unter dem Gewicht. Kleine Steinteilchen flogen durch die Luft, und Steinstaub füllte den Raum.

Nach einigen Augenblicken sank der Staub hernieder. Der Sockel war jedoch massiv, und eine Untersuchung förderte keine Geheimfächer zu Tage. Grummelnd setzte sich Dhûne auf den Boden, breitete seine Decke aus und legte sich der Länge nach hin. "Schluss für heute, ich bin erschöpft." murmelte er matt, dann fielen ihm auch schon die Augen zu.

Mit den Schultern zuckend machte auch ich es mir gemütlich, so gut es ging. Der Steinstaub bedeckte den Boden, und so bettete ich meinen Kopf auf den Rucksack. Eine ungemütliche und nun viel kürzere Nacht stand bevor, das war gewiss. Ein würdiger Abschluss für das Fest der Toten. Vampire, Geister, Skelette. Meine Träume waren finster, und am nächsten Morgen erwachte ich in Dunkelheit. Nachtal, der Finstere, hatte begonnen.

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