Reisetagebuch
 
Connavar Winterstern,
Aufzeichnung 7. Nachtal 1359 T.Z.

Ich bin sehr froh, dass wir mit den fliegenden Teppichen reisen können. Ich habe keine Vorstellung, wie lang und beschwerlich die Reise durch diese dunklen Gänge wäre, wenn wir zu Fuß unterwegs wären. So aber schweben wir in gemächlicher, aber beständiger Geschwindigkeit und in einigen Metern Höhe durch die Dunkelheit und kommen unserem ersten Ziel, dem See der Schatten, immer näher.

Es ist zu dunkel, als dass ich etwas hätte sehen können, doch die letzten Stunden nach der Begegnung mit den Illithiden waren ereignislos verlaufen. Die merkwürdigen Geräusche der Unterwelt ließen mich jedoch ab und zu aufschrecken, und ich könnte schwören, irgendetwas hatte auch meinen Arm gestreiften. Ich gebe es ungern zu, aber mit jeder Minute mehr in dieser Schwärze spürte ich das Verlangen, eine Fackel zu nehmen und einfach anzuzünden. Würde das uns und unser geheimes Vorgehen nicht verraten, hätte ich es auch bestimmt getan. Aber so flogen wir weiter durch die Dunkelheit, bis Jonathan den Teppich plötzlich zum Stehen brachte.

Wir waren an eine Weggabelung gelangt. Beide Wege verliefen wohl zunächst parallel nebeneinander weiter, doch wer wusste schon, wohin sie sich schlängeln würden. Die Karte, die wir von den dunklen Zwergen erhalten hatten, sah dies jedenfalls nicht vor, allerdings lag der See südöstlich von Szith Morcane. Wenn wir uns nicht völlig täuschten, so müsste eigentlich der rechte Gang darauf zuführen - doch wer konnte schon wirklich sagen, in welche Richtung wir hier grade flogen.

vergrößernDennoch waren sich alle schnell einig, und so flog Dessa mit den Zwergen voraus, und wir folgten, bis Horken mit einem Mal "Halt" raunte. Auch Jonathan schien unruhig, denn er rutschte auf dem Teppich hin und her und schien seine Peitsche bereit zu machen. Zwei Kugeln waren in Sichtweite aufgetaucht, teilte er mir mit. Schnell wurden sie größer und kamen heran. Betrachterartige Wesen, ein großes Auge auf dem mit lederner Haut überzogenen runden Körper, doch statt den Augenstielen hatten diese Mäuler am Ende der Tentakelarme. Ich packte meinen Bogen fester und legte einen Pfeil auf, konnte jedoch nichts sehen. Das zischende Schnappen eines Mauls neben meinem Ohr jedoch legte nahe, dass die Biester sich schon sehr nahe herangetraut hatten. Jonathan lenkte den Teppich einige Meter rückwärts, während vom anderen Teppich ein dunkler Strahl auf eines der Augenwesen traf. Fast gleichzeitig zuckte vor mir ein Blitz durch das Dunkel und traf das selbe Monster, während der grelle Lichtblitz für einen kurzen Moment Bilder in meine Augen brannte. Peitschende Arme mit reißzahnbewehrten Mäulern und ein riesiges glotzendes Auge, nur ein paar Meter entfernt, und dann war alles wieder dunkel. Schnell ließ ich Pfeile auf das Untier fliegen, in der Hoffnung, es noch zu treffen, wo es grade geschwebt war, und tatsächlich hatten zwei Pfeile wohl ihr Ziel gefunden, konnte man Baals aufmunternden Rufen vertrauen. Dieser stürzte sich auch sogleich mit mächtigen Hieben auf die umherschwirrenden Tentakelarme. Er musste wohl getroffen haben, denn merkwürdige Spritzer einer unbekannten Masse landeten auf meinem Arm. Ich befreite mich von meinem Ekel und dieser Masse, als es schlagartig wieder hell wurde.
Baals schwerer Treffer hatte das Auge getötet, doch in dessen Tod schien sich die Energie in ihm nach Außen zu kehren. Blitze zuckten über die Augenkugel, wurden intensiver und heller und zuckten dann in alle Richtungen davon, und mit einem Knall zerbarst das Wesen in einer Blitzexplosion. Es roch nach verbranntem Fleisch, doch ich hatte keine Blessuren davongetragen.
Dessa und Horken bearbeiteten unterdessen das zweite Auge, und bei ihren Treffern zuckten auch dort schon kleine Blitze über die Waffen auf sie herüber. Doch so konnten sie Andarell schützen, die erneut den Stab der Zerstörung benutzen konnte, und diesmal schien es gewirkt zu haben, denn nun entluden sich auch hier Blitze, und bevor die Teppiche außer Reichweite gebracht werden konnten, explodierte auch dieses Auge und hinterließ schwebende Überreste.

Durch diese hindurch befehligten wir die Teppiche nach unten. Mir war nicht wohl bei der Sache, und die Dunkelheit machte mir sehr zu schaffen. Horkens freundliches Angebot, eine der immerwährenden Fackeln zu tragen nahm ich dankbar an. Ich verbarg sie zunächst unter meinem Umhang, doch sobald ich Anzeichen eines Kampfes wahrnehmen würde, konnte ich sie schnell hervorholen.

Die fliegenden Augen waren wohl auf der Durchreise, und so folgten wir ihrem Beispiel, nachdem wir die Umgebung ein wenig untersucht hatten. Einige Zeit später war es erneut Horken, der die Gruppe auf etwas aufmerksam machte. Ein goldener Armreif lag dort unten zwischen den Felsen. Schnell waren die Teppich auf den Boden manövriert, und bei näherem Betrachten schien dieser Armreif für einen wahrlich großen Arm gemacht zu sein. Mit einem Umfang von ungefähr einer Elle konnte er fast einem Riesen passen. Während Baal sich den Armreif als Bauchschmuck umlegte, ertönte ein donnerndes Grollen aus der Ferne. Horken und ich sahen uns verdutzt an. In dem Donnern war ein tiefes, polterndes Lachen zu hören gewesen.

Konnten dort hinten tatsächlich Riesen sein? Hoch genug waren diese Gänge und Höhlen ja, und der riesenhafte Fußabdruck, den Baal just in diesem Moment fand, war wohl der letzte Beweis für deren Existenz.

Dessa schien wenig begeistert über die Vorstellung, einem Riesen freundlich gegenüberzutreten. Den Armreif als Verhandlungsbasis zu nutzen schien ihr völlig unsinnig, sie würde lieber gleich ihr Schwert als Basis verwenden. Eine uralte Fehde bestand zwischen den Dunkelelfen und den Sklaven, wie sie die Riesen nannte.

Nichtsdestotrotz stiegen wir wieder auf die Teppiche und führten unseren Weg fort. Lange jedoch sahen wir nichts weiter als Stein und Gang, bis sich dieser unerwartet in eine größere Höhle öffnete, deren Decke von einigen natürlichen Steinsäulen getragen wurde. Ein ebenso unerwarteter Stein- und Staubregen hüllte uns plötzlich ein, aber die Ursache war schnell geklärt. Ein Steinriese hatte uns mit einem riesigen Felsbrocken beworfen, aber glücklicherweise nur die Wand über uns getroffen, doch nun stand er schon mit dem nächsten Felsen in den Händen dort und war bereit, ihn zu werfen.

Jonathan reagierte schnell und steuerte den Teppich auf den Riesen zu, und im Lichtschein der Fackel konnte ich nun auch eine weitere, verdutzt dreinschauende weibliche Riesin erkennen, die einige Meter hinter ihrem Begleiter stand und eine große Steinkeule schwang. Mehr als fünfzehn Fuß groß mussten sie sein, und ihre graue Haut wurde von einzelnen Rüstungsteilen bedeckt. Jona steuerte auf die Höhe des Bauches und ließ seine Peitsche vorschnellen, während Dhûne erst einmal selbst vom Teppich abhob und sich außer Reichweite brachte. Horken lud noch seine Armbrust, indessen ich Pfeile fliegen ließ, aber nur einmal traf. Dann ging alles viel zu schnell. Andarells weißwabernde Kugel, die zwischen den beiden Riesen explodierte, war wohl eine Geräuschexplosion, denn sofort ließen sie Fels und Keule fallen und hielten sich die Ohren zu. Baal nutzt die Situation und sprang vom Teppich, um zwar unsanft auf dem Höhlenboden aufzukommen, aber sich dann doch aufzurappeln und noch einen Streich mit dem Zweihänder vollführen zu können.

Jonas Hiebe, Dhûnes flammende Pfeile, Horkens und meine Geschosse, Dessas, Baals und Andarells Streiche... die Riesen hatten nicht den Hauch einer Chance, doch einzig Dessa schien glücklich über den Ausgang der kurzen Schlacht. Tot lagen sie auf dem Stein, und sie triumphierte mit dem schwebenden Teppich über ihnen. Andarells Gesichtsfarbe nach zu urteilen war es ihr höchst zuwider, auf demselben Teppich zu sitzen, geschweige denn in ihrer Nähe zu sein.

Gewiss konnte ich nachvollziehen, dass sie das Drowmädchen für unberechenbar und gefährlich hielt. So sind die Dunkelelfen, und ich fürchte, sie werden nie anders sein. Doch solange sich alles zum Guten wendet, ist mir fast jedes Mittel recht, um die Gefahren abzuwenden, und da stimmte ich mit Dhûne überein, Dessa würde uns hier unten von unschätzbarem Wert sein, je näher wir an Maerimydra herankommen würden. Die hitzige Diskussion wurde noch auf die Spitze getrieben, als Dessa uns erklärte, die Riesen hätten zuerst gefragt, was wir hier wollen. Ich hatte ihre kehligen grollenden Rufe für Kampfschreie gehalten, und Dessa grinste schmierig, als sie feststellte, dass keine Zeit geblieben war in dem Kampfgetümmel, um uns aufzuklären.

Bei Beronar, ich habe noch nie eine Zwergin so aufgewühlt gesehen, und das sie das Drowmädchen nicht gefesselt und geknebelt neben die toten Riesen gelegt hat, wundert mich fast. Ich war sehr unentschieden, was den weiteren Verbleib Dessas in der Gruppe betraf. Ich hatte nur unser Ziel im Auge, und vielleicht ist in solchen Momenten mein Urteilsvermögen durch meine chaotische Seele getrübt.

Andarell jedoch war standhaft wie der Felsen um uns herum, und ihr Einsatz für ihre Prinzipien und den Weg ihres Glaubens imponierte mir sehr.

Als es schien, dass keine Lösung für das Problem zu finden war, erschallte eine altbekannte Stimme hinter uns. Runath, der Unglücksvogel, beglückwünschte uns in seiner heiteren Art zu der Wahl des rechten Weges, und damit meinte er nicht den Weg zum See. Dass er diesmal nicht von brennenden Städten gesprochen hatte war mir ein Rätsel, stattdessen warnte er uns vor einer Gruppe Dunkelelfen, die in unsere Richtung unterwegs waren, bevor er schlagartig wieder verschwand.

Diese Neuigkeit war es Jonathan wert, unsichtbar und leise in den Gang zurückzuschleichen und die Sache genauer unter die Lupe zu nehmen. Eine halbe Stunde sollten sie noch entfernt sein, und so beratschlagte der Rest der Gruppe sich weiter, während Dessa gleichgültig die toten Riesen betrachtete. Ich schloss die Augen. Nein, natürlich konnte es so nicht weitergehen. Wir hatten alle Möglichkeiten vertan, mit den Riesen in Kontakt zu treten und sie möglicherweise als Verbündete zu gewinnen.

Ein lauter Knall aus der Richtung des Ganges ließ mich aus meinen Gedanken hochschrecken. Angst stand in den Augen geschrieben. War Jona etwas geschehen? Dhûne kam als erster zu einem klaren Kopf und drängte uns, ihm schnellstens in den Gang zu folgen und nachzusehen. Ein paar Minuten kletterten wir zwischen den spitzen Gestein, als Jonas Stimme mitten unter uns erklang. Er hatte die Dunkelelfen gesehen und mit einer der Feuerballkugeln seiner Kette abgelenkt. Es waren zehn Frauen und zwei Männer, unterwegs in der schwarzen Reisekleidung der Drow, doch ohne Abzeichen eines Gottes oder Hauses. Waren es Abtrünnige, Lloth-Anhänger, Spione oder ein Suchtrupp?

Wir entschieden, Dessa als Vorhut auf sie warten zu lassen und uns in der Höhle an strategischen Positionen zu verteilen. Das Drowmädchen nickte grinsend und stimmte dem Plan nur allzu bereit zu. Jonathan machte sich erneut unsichtbar und schlich hinter Dessa her, doch sie hieß ihn warten, als sie ihn bemerkte.

Einige Minuten vergingen, und die ankommenden Drow schienen freundlich gesinnt, als Dessa sie ansprach. Von meiner Position aus konnte ich kein Wort verstehen, doch ihren nickenden Köpfen und Gesten nach zu urteilen schienen sie übereinzukommen. Dessa winkte uns zum Zeichen, aus dem Schatten hervorzutreten, und so taten wir es, ahnungslos.

Als Jonathan nahe genug heran war, zog Dessa blitzschnell ihren Krummsäbel und ging auf ihn los. Mit Schrecken sah ich, dass sie sich zum Verbündeten der anderen Drow gemacht hatte und nun mit ihnen gemeinsame Sache machte, um uns loszuwerden. Sie zogen alle ihre Waffen wie auf ein vereinbartes Zeichen und überraschten uns mit ihrem Angriff. Welch ein Glück, dass wir durch das Heldenmahl Andarells noch gestärkt waren, denn sonst hätten ihre mit Gift überzogenen Klingen uns vermutlich sofort außer Gefecht gesetzt.

Der Kampf war heftig und schmerzvoll, und Dessa starb als eine der ersten. Dieses Problem hatte sich nunmehr von selbst erledigt. Wie konnte sie nur so überheblich sein und denken, sie würde uns einfach so vernichten können. Während die Anführerin der kleinen Gruppe Drow mit zwei ihrer Bewachern fliehen konnte, gesellten sich zwei weitere Steinriesen zu uns und griffen den Rest der Dunkelelfen an. Nach wenigen Augenblicken war das Scharmützel vorbei, und ich hoffte, die Riesen würden vermuten, die Drow hätten ihre Freunde getötet. Die Wunden konnten tatsächlich von den Schwertern der Drow stammen, mal abgesehen vielleicht von den Peitschenstriemen. Und selbst meine Pfeile, die ich verschossen hatte, waren von den Dunkelelfen. Es könnte klappen.

Andarell konnte durch die Kraft Beronars endlich die Sprache der Riesen verstehen, und so konnten wir doch noch mit ihnen kommunizieren. Offensichtlich dankten sie uns, dass wir ihnen bei diesem Angriff zur Seite gestanden hatten. Beklagenswert waren die Verluste, doch wir hatten alles getan und wären wahre Helden.

Niedergeschlagen blickte ich auf den Boden. Ehrenhaft war dies gewiss nicht, doch vielleicht nun die einzige Möglichkeit, hier unten weiter zu überleben. Mit Händen und Füssen versuchten wir uns zu verständigen, und sie boten an, uns zu den Ältesten ihres Stammes zu begleiten. Nachdem wir Dessa von unseren Habseligkeiten befreit hatten, stiegen wir
also auf die Teppiche. Ich hatte Jonathan bei den Befehlsworten gut zugehört, und nachdem er kurz erklärt hatte, wie es funktioniert, steuerte ich ihn hinter ihm in die nächste Höhle. Nach einem gellenden Pfiff des einen Steinriesen baumelte eine Strickleiter aus einem Loch in der Decke, die Sprossen meterweit auseinander. Wir schwebten hinter den beiden nach oben in eine weitere Höhle. Sechs Riesen saßen dort auf großen Fellen an einem Ofen, der Rauch füllte den Raum. Einer der Riesen spielte mit zwei riesigen angeketteten Schreckensbären, für ihn waren es mehr große Hunde.

Die Wachposten führten uns durch einen kleinen Gang in einen weiteren Raum. Ein Bett aus Fellen neben einem kunstvoll angelegten Steingarten beherbergte zwei edel aussehende Riesen, die sich uns als Turak und Gunda vorstellten.
Die Verständigung war immer noch schwierig, doch sie verstanden meist, was wir wollten. Wir erhielten nützliche Informationen über die Gegend, so waren wir bei der Weggabelung glücklicherweise einer Naga-Höhle entronnen, und auch vor kommenden Gefahren konnten sie uns aufklären. Der See beherbergt einen Teufelskraken, und eine Insel dort
beherbergt einen Stamm Kuo-Toa, mit denen sie im Waffenstillstand leben. Sie würden Reisende mit Flössen über den See bringen können, erzählten sie. Als Gegenleistung wollten sie uns etwas abschwatzen, und als wir auf die Teppiche zeigten, dachten sie, wir wollten sie dagegen eintauschen. Das verwirrende und etwas einseitige Gespräch konnte so nicht weitergehen.

Andarell bestätigte, dass sie nach einer Rast die Möglichkeit hätte, sie nicht nur zu verstehen, sondern auch mit ihnen sprechen zu können. So bedeuteten wir unseren Gastgebern, dass wir ihr Angebot einer ruhigen Nacht auf den im Nebenraum ausgebreiteten Fellen gerne annehmen würden.

Ich bin gespannt, was wir morgen früh noch von ihnen erfahren können. Vielleicht kennen sie sich soweit aus, dass sie uns etwas über Glauroths Schlucht erzählen können, oder möglicherweise können wir sie überreden, mit uns gegen Maerimydra zu ziehen. Jetzt, wo Dessa nicht mehr da ist, fühlt sich Andarell wieder besser. Sie betet grade auf ihrem Fell, und ihr Gesicht sieht entspannter aus als in den letzten Tagen. Ich hoffe, ich finde etwas Ruhe. Die Schreckensbären verbreiten einen abstoßenden Gestank, und der beißende Rauch dringt bis hierhin vor. Dhûne hat seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen und döst schon vor sich hin. Vielleicht sollte ich ihn fragen, ob er mir ein paar magische Tricks zeigen kann - wenn die Zeit reif ist. Morgen ist auch noch ein Tag, wenn man davon hier sprechen kann.