Reisetagebuch
 
Erinnerungen von Connavar Winterstern,
Aufzeichnung 10. Nachtal 1359 T.Z.

Schreckliches ist geschehen, und ich beginne schon, die Gedanken an den Morgen zu verdrängen. Wie muss es erst den anderen gehen, die Horken schon sehr viel länger kennen als ich. An jenem Morgen hatten wir sogar noch die Muße, uns um allzu weltliche Dinge zu kümmern. Wir trafen Lhaeo, den Schreiber von Elminster dem Weisen, der uns zunächst wie automatisch ein Autogramm geben wollte, dann aber von Elminsters Nichtanwesenheit berichtete. Der ehrwürdige Magier hätte uns bestimmt Informationen über den Schattendrachen geben können. 


Verschiedene Tempel und Händler suchten wir auf, um (wie Jona sagte) "den nutzlosen Kram endlich mal in etwas sinnvolles umzuwandeln". Nun schwirren kleine farbige Edelsteine um die Köpfe der anderen, und ich muss wirklich aufpassen, dass sie mich nicht treffen, wenn ich näher herantrete. Die Ionensteine (so hat sie der Tempelklerus genannt) sollen verschiedene magische Fähigkeiten haben, zumindest scheinen sie mir jedoch die Fliegen fern zu halten.


Ich begab mich zum Gewundenen Turm direkt am Alten Schädel, dem Sitz von Lord Mourngrym, Herrscher über Schattental und Anführer der Armeen der Schattentalschlachten. Der Turm, welcher dereinst unter Befehl des Dunkelelfen Azmaer stand, sitzt seit ewigen Zeiten über den geheimen Wegen ins Unterreich, tiefen Katakomben und dunklen Gängen. Grosse Flugreittiere landeten just auf dem Dach, als die Wache am Eingang mir eher widerwillig Informationen gab. Die versiegelten Eingänge waren jedenfalls sicher, so berichtete er. Und ja, man ist sich der Lage im Norden nur allzu bewusst. Und nein, es wäre viel zu gefährlich, ins Unterreich zu gehen, obwohl das ab und an einige wohl versuchen. 


Wenn er nur wüsste, wo wir grade herkamen. Unterdessen hatte der Rest der Gruppe einen Zwergenschmied und einen merkwürdigen Laden aufgesucht, der von außen viel kleiner aussah, als er von innen vermuten ließe. Dhûne erklärte, dass es sich wohl um einen Riss in der Ebene handelte. 


Jona ärgerte sich maßlos über die Preise, die die örtlichen Händler verlangten oder geben wollten. Einige kleinere Schutzringe, die er zunächst verkaufen wollte, hatte er wutentbrannt und mit rotem Gesicht in der Hand und war drauf und dran, sie an jeden dahergelaufenen zu verschenken oder in den Schattenbach zu werfen. "Für wen rette ich eigentlich diese Welt? Für diese Halsabschneider?" 

 

Mürrisch stapfte er hinter uns drein, als wir zurück zum Gasthaus "Zum Alten Schädel" gingen, um uns auf den Weg nach unten vorzubereiten. 


Dhûne sprach die magische Formel, und ich habe mir sogar einige Wortfetzen merken können, dennoch ist dieser Spruch viel zu schwierig für mich. Ich lerne viel, seit ich diesem roten Zauberer begegnet bin, und die seltsame Macht, die man Magie nennt und die auch schon in Sylimbe brannte, scheint sich zu verstärken. Ob das an seiner Gegenwart liegt? 


Die Welt verschwamm für den Bruchteil von Sekunden, Teile des mit Raums im Gasthaus wurden zu Stein, die Rüstungen auf ihren Ständern wurden matt und verschwanden ganz, und dann standen wir wieder in der kleinen Höhle im Unterreich. Glouroths Gefilde. 


Die Augen gewöhnten sich nur langsam an die Dunkelheit, und in den ersten Sekunden waren die anderen Sinne geschärft. Es roch nach Blut, und regelmäßig fielen kleine Tropfen auf den Boden oder die Schultern und Köpfe. 

 

Die immerwährende Fackel sorgte für Licht und Entsetzen. Der gesamte Raum war mit dem roten Blut überzogen, und die Abwesenheit Horkens ließ uns schlimmes vermuten. Selbst das zögerlich geflüsterte "Horken" Andarells blieb unbeantwortet, denn der Zwerg war nicht hier. Zumindest nicht in seiner früheren Form. Horror und Grauen beschlichen mich, und die Stille der Höhle lastete schwer. 


Ich kannte ihn nur sehr wenig, wortkarg und getreu, doch als ich in die Gesichter der anderen sah, war mir klar, dass sie hier einen guten Freund verloren hatten, und ich schwor mit ihnen, den Mörder erbarmungslos niederzustrecken. Glouroth sollte bald nur noch ein Schatten seiner Selbst sein, dafür würden wir sorgen. Andarell verzichtete darauf, einen Teil von Horkens Substanz auszusammeln und ihn in einem mächtigen Zauber wiederzuerwecken, und ich verstand das nur allzu gut. Möge er an Berronars Tafel sitzen und sein Bart wachsen bis in alle Ewigkeiten. 


Trauer und Entsetzen wichen Groll und Rache, und ein Schlachtplan war schnell gefasst. Gut vorbereitet und mit allerlei Schutz versehen flogen wir aus der Höhle in die Schlucht, vom Drachen keine Spur. Schnell trugen uns die Winde in die Höhe, und dort, fast schon am oberen Ende angelangt, eine weitere Höhle, größer als die anderen zuvor. 

Schatten quoll daraus hervor, Wogen der Finsternis empfingen uns und die uralte zischende Stimme des Drachen. "So, seid ihr also zurückgekehrt. Habt ihr Euren Freund gefunden?" 

 

Das widerliche Lachen sollte in seinem Schlund ersterben. Mit einem Kampfschrei auf den Lippen stürmten wir vorwärts, und sichtlich überrascht über unser Vorgehen überrumpelten wir den Drachen blitzschnell. Ob Berronar unsere Hand führte oder der Hass auf jenes Untier wissen nur die Götter, doch fest steht, dass Glouroth der Schändliche besiegt ist und sein Schatten sich ins Nichts verzog. Doch groß war die Freude über den schnellen Sieg nicht, der Schmerz des erlittenen Verlusts war immens, und so hatten wir auch wenig Freude an dem gesammelten Schatz des Drachen. Zumal auch der Ring oben auf einem kleinen Goldhaufen thronte, den Jonathan dem unglücklichen Horken zur Sicherheit lieh. 

 

Einige wenige Kleinodien wurden geborgen, der Grossteil der Münzen liegt jedoch unbewacht in der Höhle und wird unzweifelhaft bald von vorbeiziehenden Unterweltlern gefunden, die sich über die Abwesenheit des Schattens wundern. Doch Gold und Silber wiegen das Leben nicht auf, und wortlos verließen wir den Hort des Bösen, um weiter nach oben zu fliegen. 


Die Decke beendete unseren Flug, und ein Gang erstreckte sich nach Osten. Auch hier stand eine Glocke, so wie am Boden der Schlucht, und ein Schlegel hing an deren Seite. Niemand wird nun mehr auf den Ruf der Glocke antworten, dafür hatten wir gesorgt. 


Der zerklüftete und mit zackigen Spitzen ausgestattete Gang durchs Unterreich nahm wieder seinen Lauf, und wie zuvor halfen uns die Teppiche ungemein. Nicht auszudenken, wenn wir hier zu Fuß hätten laufen müssen. 


Die nächsten Stunden vergingen ereignis- und wortlos. Wenn ich mich nun an eben zurückerinnere, überkommen mich Schuldgefühle. Hätten wir früher zurückkommen müssen? Hätte es überhaupt etwas genutzt? Wie konnten wir nur jemanden zurücklassen... es ging nicht anders. Wir haben Horkens Tod gerächt, und zumindest Jona scheint darin eine gewisse Befriedigung zu finden, obwohl er nun wahrhaftig keinen Grund mehr für einen Kampf gegen das Unrecht sieht und nur noch bei uns ist, weil wir weitergehen, weiterwollen. 


Ich habe die Fackel weggesteckt, und in der Dunkelheit, die meine Augen nicht durchdringen, überkommt mich manchmal das Gefühl von Schatten auf meiner Haut. Die Eintönigkeit des Ganges trägt nicht zum Vergessen bei. Der Weg führt uns gradewegs in diesen Sumpf, der auf der Karte verzeichnet ist. Vielleicht finden wir dort etwas Ablenkung und Normalität.