Reisetagebuch
 
Erinnerungen von Connavar Winterstern,
Aufzeichnung 20. Nachtal 1359 T.Z.

Es ist noch keinen Monat her, seit ich mit diesen wagemutigen Helden ziehe, die schon so viel erlebt haben in dieser Welt. Und doch habe ich schon mehr gesehen, als ich in meinem zweiundvierzig Jahren zuvor gesehen habe. Und wahrscheinlich auch mehr, als mir lieb ist. 
Dabei denke ich nicht nur an die schrecklichen Gefahren, denen wir wieder und wieder gegenüber standen, sondern auch an die Orte und Gegenden, von denen ich zuvor weder gehört noch erahnt hatte, dass es sie gibt. 

Heute Nacht waren wir in Hlath, einem Ort an der Küste des Meers der fallenden Sterne, jedoch soweit von den Tälern entfernt, dass ich nicht mal genau weiß, wie viele Tagesreisen ich nach Hause benötigen würde. Dhûnes Zauber hatte uns zielsicher dorthin gebracht, weit entfernt von den Gefahren, die Andarell das Leben gekostet hatten. 

Jetzt, wo ich mit ihr alleine in einer kleinen Kammer sitze, kommt es mir so unwirklich vor, dass ich glaube zu träumen. Erst gestern ist sie gefallen, und doch sitzt sie nun hier, ihr grimmiger Blick eisern auf die Tür gerichtet, ihr Kopf auf der Axt ruhend. Geburt, Leben, Tod... ein ewiger Kreislauf, und doch gibt es Mächte in dieser Welt, die diesen Zyklus durchbrechen können, und es tagtäglich tun. 

So wie Irae, die aus den verdammten Drow noch verfluchtere untote Kreaturen erschaffen hat. Ich bin umgeben von all dem, was ich fürchte, was ich zutiefst verabscheue, das Herz des Bösen. Das merkwürdig geformte Schloss mit seinen zwei riesigen Stalaktiten beherbergt die Wurzel allen Übels, und wir sind die Gärtner, die sie ausreißen und vernichten müssen. 

Jona hat sich jedoch an einer Distel gestochen, scheint es. Nachdem wir das Ende des Schafts erreicht hatten, dass die einzelnen Ebenen miteinander verbindet, jedoch anscheinend die oberste noch längst nicht erreicht hatten, durchsuchten wir die Räume nach einer anderen Möglichkeit, weiter hinaufzugelangen. 

Eine auf Hochglanz polierte Küche beherbergte zwar eine Treppe, die jedoch wieder nach unten führte und so außer acht gelassen wurde. Eine andere Tür, massiver und aus anderem Material als die anderen, führte schließlich nach draußen auf eine Art Wehrgang, der den größeren der beiden Türme mit dem kleineren verband. Jona hatte, als wir das Schloss anfänglich betraten, entfernt schwache Lichter neben dem kleinen Turm im Nebel an der Decke ausgemacht. Vielleicht war dort etwas interessantes zu finden, und Irae musste sich aller Logik nach wohl ganz oben befinden. Den Turm zu wechseln und den Aufgang dort zu suchen lag also nahe. 

Noch während Jona zufrieden seine Dietriche wieder einsteckte und die Tür aufhielt, drangen merkwürdig klickende und knackende Geräusche an unsere Ohren. Bis auf diese war es jedoch auch gespenstisch still in der Dunkelheit, und der andere Turm lag einsam und ein wenig zu friedlich in etwa sechzig Fuß Entfernung. 

Die knackenden Geräusche wurden lauter und schneller, als wir auf die Brüstung traten, und dann konnten wir auch die Quelle der Laute ausmachen. Eine haushohe Spinne kletterte an der Seite des Stalaktits herab, ein riesiger schwarzer Körper, der sich perfekt in der Dunkelheit tarnen konnte, die Bewegung jedoch vernehmlich, als ihre acht meterlangen Beine mit einer Behändigkeit am Stein herabglitten, die man so einem riesigen Monster nicht zutrauen würde. 

Vor Schreck blieben alle einen Augenblick lang stehen, selbst die Spinne schien innezuhalten und uns aus acht leeren Augenhöhlen anzustarren, während aus ihrem Kiefer statt giftigem Speichel ein dunkles Nichts und Schatten tropfte. Der untote Arachnoide legte seinen Körper an den Turm, wie ein Raubtier, das sich auf einen Sprung vorbereitet, als Jona sich aus der Starre und zurück in den Raum lief, aus dem wir gekommen waren. Ich nahm die Augen nicht von dem Ungetüm, als ich neben Dhûne und Baal ebenfalls zurück wich. Ein schneller Pfeil von meinem Bogen traf fast gleichzeitig mit einem magisch grünen Geschoss aus des Magiers ausgestrecktem Finger auf die Chitinhülle, bevor das Untier tatsächlich sprang und hart auf der gewölbten Brücke landete. 

Der Stein unter uns erzitterte leise, und ebenso schien Andarell zu erzittern, als die Spinne sich geschickt auf sie zugbewegte und mit ihren Mandibeln in den Gang hinunterschnappte. Der Körper bedeckte den Gang gänzlich, und nur diese Tatsache und Andarells geistesgegenwärtiges Ducken verhalf unserer Klerikerin dazu, sich ebenfalls sicher in den Turm zu bewegen, bevor Jona blitzartig die Tür zuschlug und sie wieder fest verschloss. 

Vor der Tür erklang ein unheilvolles Zischen, dass vermutlich nicht nur von Dhûnes Säurepfeil herrührte. 

Dieser Weg war also versperrt, zumindest für den Augenblick. Wir zogen uns zurück, froh darüber, nicht zerquetscht oder von den unheimlich dunklen Mandibeln der Spinne aufgespießt worden zu sein. Nun sollten wir doch hier nach einem Aufgang suchen, falls es einen gäbe. In einer Kammer im südlichen Teil dieser fünften Ebene entdeckten wir tatsächlich eine hölzerne Treppe. Ein fortwährendes Leuchten lag auf den Stufen, eher ein Schimmern, dass jedoch ausreichte, den Raum nach all der Dunkelheit für unsere Augen hell zu erleuchten. Dhûne entdeckte außer einem Lichtzauber nichts auf der Treppe, und Andarell hatte zwar ein Gespür für Böses, dass jedoch nicht direkt von der Treppe ausging, sondern von etwas weiter hinten, möglicherweise am Ende der Treppe. 

Die Distel wartete jedoch schon auf Jona, der vor Baal die Treppe heranstieg und ihn plötzlich und unerwartet fast wieder rückwärts herunterwarf, um dann wirr faselnd und mit irrem Blick an uns vorbeizumarschieren. 

Er hatte sich an einer magischen Falle gestochen, einem arkanen Symbol, dass auf der Treppe eingelassen war und seinen Verstand vollkommen verwirrt hatte. Der Wahnsinn stand ihm ins Gesicht geschrieben, als er unzusammenhängende Sätze von "dem Flüstern der Herrin" und "der Flucht zurück an die Oberfläche" stammelte. Dhûne hielt ihn so gut es ging fest, und ich eilte ihm zur Seite, so dass Jona nun hilflos zwischen uns stand. Es war jedoch klar, dass er den Weg nach draußen suchen würde, sobald wir ihn losließen. Selbst eine Ohrfeige half nicht, ihn zur Besinnung zu bringen, noch hatten die anderen eine Möglichkeit, ihn zu heilen oder den Zauber von ihm zu nehmen. 

Niedergeschlagen schauten wir uns an. Es war noch nicht so lange her, dass wir an der Oberfläche nach Hilfe gesucht hatten, und nun schien es, als ob wir erneut dorthin müssten, denn ohne Jonas Fähigkeiten waren wir in diesem fallenübersäten Turm nicht sicher. 

Dhûne seufzte nur leicht, als ihn alle anstarrten. "Ich bin doch kein Kutscher" sagte er nur lapidar, bevor er sich dann doch die Ärmel hochkrempelte und den Teleportationszauber vorbereitete, der ihn und Jona diesmal alleine an die Oberfläche bringen sollte. 

So sitzen wir hier nun und warten auf die Rückkehr. Endlos scheinen die Minuten, und ab und zu hört man Schritte und dumpfe Geräusche über und unter uns. Baal scheint ein Nickerchen zu machen, Andarell hält eisern Wache. Ich halte einen Pfeil in den Händen und versuche, ihn schweben zu lassen durch die pure Macht der Magie... irgendetwas ist hier auch anders, ich spüre, was Dhûne gemeint hat, als er sagte, das Gefüge scheint hier unter der Erde stärker, intensiver zu sein. 
Hoffentlich kommen sie bald zurück. 

Erinnerungen von Connavar Winterstern
20. Nachtal 1359 T.Z., später am Tag 

Jona war wieder gesund und munter zurückgekehrt. Der mürrische Gesichtsausdruck Dhûnes und Jonas aufgerissene Augen hatten uns zuerst anderes befürchten lassen, doch es war nur der übliche Teleportationsschock bei Jona und die übliche Verdrossenheit Dhûnes über die "Nützlichkeit" seiner Reisezauber. 

Die Torm-Priester waren wohl sichtlich erstaunt, schon wieder einem von uns helfen zu müssen, und er scheint, als ob bald ein neues, größeres Gebäude für ihren Gott erschaffen wird, bei all den Spenden, die wir dort hinterlassen. Ein sehr viel größeres. 

Schlimmer als der Goldverlust schmerzte jedoch die Erkenntnis, dass wir wohl diese Treppe nicht heraufgelangen würden. Wir konnten uns nicht vor dem schrecklichen Zauber schützen, der den Verstand verdrehte, und aus der Entfernung hatte Jona keine Möglichkeit, sich an der Rune zu schaffen zu machen, um sie zu entfernen, da die Magie schon einige Meter vorher einsetzte. 

Wir beratschlagten uns und waren dafür, den Rest dieser Etage noch auszukundschaften. Im Westteil trafen wir auf vier untote Drow, die neben ihren dunklen Hellebarden auch noch nekromantische Magie wirken konnten. In ihren Rüstungen sahen sie furchterregender aus, als sie eigentlich waren, und nur das Symbol auf ihrer Brustplatte schien wirklich mysteriös. Ein weißes Viereck, mit feinen Linien, die dieses durchzogen wie zerbrochenes Glas. 

Diese vier hatten einen herrschaftlich eingerichteten Raum bewacht. Wandteppiche zeigten Kämpfe zwischen Licht- und Dunkelelfen, schwarzer Marmor war zu Bänken geformt, Büsten standen in Ecken. Wahrlich wertvoll, doch ebenso mysteriös wie die Symbole der Wächter war das magische Knistern, welches den gesamten Raum einnahm und hier und dort aufflackerte. 

Unter der Nordtür quoll bläulicher Nebel hervor, und Dhûne kniff die Augen zusammen, bevor er verblüfft die Lippen schürzte. "Pure Magie" stieß er zwischen zusammengedrückten Zähnen hervor. Selbst ich wusste, dass das nicht natürlich sein konnte. 

Als Jona die Tür aufstieß, wurde es schlagartig kühler im Raum. Todeskälte umfing uns, und das blauleuchtende Wabern ergoss sich ein paar Meter in den Vorraum. 

Inmitten des Zimmers schoss diese körperlich gewordene Magie wie eine Fontäne gegen die Decke, und daneben stand eine Gestalt, die mit der Magie zu verschwimmen schien, geisterhaft und plötzlich von schnell zuckenden bläulichen Fäden umringt, als sie einen Hast-Zauber wirkte. 

Dhûnes Vernichtungszauber manifestierte sich ungewohnt um ihn herum, schwoll um seine Hände an und schoss dann in einem nicht wie sonst grünlichem Strahl, sondern waberte in diesem bläulichen Schimmer auf die Kreatur zu. Ob es an der Magie lag, dass er nicht traf? 

Jona und Baal beharkten mittlerweile die durchscheinende Gestalt, schienen jedoch ebenso oft hindurchzuschlagen wie zu treffen. 
Das magische Leuchten umgab mich, und als ich einen Pfeil auflegte und den körperlosen Geist anvisierte, schien es sich wie Ringe um diesen zu legen, und als ich schließlich los ließ und der Pfeil auf den Feind zuhielt, schien er ebenso körperlos zu werden. Ich hatte etwas zu weit links gezielt, doch auf magische Weise schein der Pfeil seinen Flug selbst zu korrigieren und blieb zitternd in der körperlosen Hülle stecken. Erstaunt schoss ich zwei weitere Pfeile ab, die jedoch durch den Geist hindurchrasten und ein wenig von der Essenz mitrissen, bevor mein vierter Pfeil ebenso magisch aufleuchtete und zielsicher neben dem ersten stecken blieb. 

Andarell hatte schon ihr heiliges Symbol betastet, als der Geistmagier unheilvolle Worte murmelte. Rings um uns herum erhob sich die Magie auf seinen Befehl, und aus dem blauen Leuchten formten sich Schläuche, die ihre Köpfe nach oben reckten, um dann auf uns zuzurasen und in unsere Körper zu dringen. Alle Flüssigkeit wurde aus uns herausgesaugt, und die Tentakel überführten sie in die magische Wolke. 

Ich fühlte mich schwach und elend, und hinter mir war Dhûne zu Boden gesunken. Auch die anderen sahen sehr mitgenommen aus, innerhalb von Sekunden waren Wangen eingefallen und Haut trocken wie Papyrus geworden. Andarell reagierte und rief Berunar um Hilfe an, die einen heiligen Kreis der Heilung schickte. Magiefünkchen wirbelten um unsere Körper und setzen sich nacheinander auf uns, um dann in uns überzugehen und uns unsere Lebenskraft wiederzugeben. Dhûne rappelte sich wieder auf und schaute angesäuert in die Richtung seines Feindes. 

Der Kampf war dann jedoch schnell vorüber. Die Gefahr war so groß, dass alle angespornt waren, ihr bestes zu geben, und so hagelte es auf die Kreatur ein, bevor sie sich auch nur mit einem einzigen weiteren Zauber wehren konnte. Als sie schließlich tödlich getroffen war, explodierte ihre Essenz und verteilte sich im ganzen Raum. 

In der Kälte schauten wir uns verdutzt um, und während Andarell die Wunden versorgte, staunte Dhûne nicht schlecht, als er das Zimmer genauer unter die Lupe nahm. Die Residenz eines Erzmagiers schien es, und tatsächlich gaben die Bücher im Regal Auskunft darüber, dass hier Duneth Warreil, der höchste Magier Maerimydras, sein Lager aufgeschlagen hatte. Eben jener Magier, der im Zerborstenen Turm nördlich des Schlosses gehaust hatte und Irae dazu verhalf, dieses Schloss einzunehmen. 

Sollte sie ihn zum Dank dafür in diese schreckliche untote körperlose Gestalt gezwängt haben? 

Neben dem Zauberbuch fand Dhûne auch eher zufällig in der blauen Suppe am Boden eine schwarze, dunkle Perle, etwa faustgroß, ungefähr dort, wo die Gestalt im Raum geschwebt hatte. "Die ist nicht zum Identifizieren, Connavar" sagte er zwinkernd. "So eine große Eulenfeder muss man auch erst mal finden" murmelte ich grinsend, während er den Stein einsteckte. 


Es gab keinen weiteren Weg aus dieser Ebene. Entweder kämpften wir uns nach unten vor und versuchten den Weg über die untere der drei Brücken, die wir schon am Eingang des Schlosses gesehen hatten, oder wir versuchten hier den Übergang, vorbei an der untoten Spinne. 
Der Weg über die Treppe blieb uns verwehrt, und als Dhûne vorschlug, eine Rast einzulegen, womöglich noch an der Oberfläche, gingen die Meinungen vollends auseinander. 
Nach einer schier endlos dauernden Debatte, die tatsächlich zeigte, wie sehr diese Dunkelheit und die ständig lauernden Gefahren und Bedrohungen auf unsere Gemüter schlug, entschieden wir uns dafür, unser Glück bei der Spinne zu versuchen. Ein wenig angekratzt hatten wir sie ja schon, und nun waren wir vorbereitet und wussten um das Monster. 

Unser Plan war simpel: Die Tür öffnen, und wenn die Spinne noch da wäre, sie aus der Ferne zu beharken. Gottlob war es auch so, und die Spinne hing am anderen Ende der Brücke und wurde von unseren Angriffen überrascht. Pfeil um Pfeil schlug ein, Zauber um Zauber, bevor sie sich auch nur in unsere Richtung bewegen konnte, und blitzschnell war sie tödlich getroffen. Der ohnehin schon leblose Körper sackte in sich zusammen und fiel klanglos von der Brücke hinunter in das Nichts. 

Wir überquerten die Verbindung nicht ohne Stolz. Die andere Seite war ebenso von einer massiven Tür gesichert, die Jona jedoch ohne Probleme aufbekam. Dahinter erwarteten uns altbekannte, und doch jedes Mal schrecklich anzusehende Gestalten. Gehäutete Dunkelelfenpriesterinnen, ihre Muskeln und Sehen von einem schmierig ätzenden Saft umgeben, ihre Knochen an manchen Stellen weiß hervorschimmernd, ihre Augenbälle wild rollend, ihre nackten Ohren wie Teufelshörner über dem Schädel thronend. 

Diese sechs waren offensichtlich eingeteilt, den Zugang zum kleineren Turm zu verwehren, doch uns konnte nun nichts aufhalten, und so steckten wir die Waffen nach einigen heftigen Augenblicken wieder fort. Besonders Baal hatte sich in diesem Kampf hervorgetan, denn die Spinne hatte er eben nicht erreichen können. So grinste er nun, als er sein mit Säure und Blut verschmiertes Schwert an einem Tuch einer Kommode abrieb. 

Der zweite Turm. Kleiner im Durchmesser, doch bestimmt nicht geringer in der Bösartigkeit der Bewohner.