Reisetagebuch
 
Erinnerungen von Connavar Winterstern,
Aufzeichnung Mittwinter 1360

Das Rad des Harptos dreht sich weiter, und wir schreiben nun schon einen Monat lang das Jahr 1360 in den Talländern.

Mir kommt es vor, als wäre der Hammer mit seinen kalten Nächten nur so an mir vorübergeweht, und nun ist es schon fast wieder Alturiak. So viel ist in den letzten Monaten geschehen, nicht nur mit mir, sondern auch mit der Welt um mich herum. Vielleicht komme ich noch dazu, all die Geschehnisse genauer aufzuschreiben, doch allein - es fehlt mir die Muße dazu.

Denn der Feind ist besiegt, und die unheimliche Bedrohung, die sich unter den Füssen der Talländer zusammengebraut hat, ist zerschlagen. Irae T'sarran, die Albinopriesterin der Kiriansalee ist nicht mehr, und mit ihr ist auch das Portal für Arshadalon gestorben. Wir haben sie schließlich in ihrer Festung aufgefunden, mitten in der Burg, die sie sich unter ihre Klauen gerissen hatte. Dort hatte sie ein dunkles Konstrukt errichtet, einen Turm, der halb auf unserer Ebene, halb in irgendeiner von den Göttern verdammten anderen Ebene existierte. Nur mit Glück und Geduld konnten wir diesen Turm überhaupt betreten, und es kostete mehr als nur Schweiß und Tränen. Unnötige Tode sind wir gestorben, und vor allem Dhûne ward schmerzlich vermisst, als wir schließlich die dunkle Königin in ihren merkwürdig verzerrten Gemächern auffanden.
Mit Wut und Verzweiflung besiegten wir sie, und durch den Einsatz eines Wunsches konnten wir verhindern, dass das schon ziemlich weit geöffnete Portal den grausamen Schreckensdrachen in unsere Welt ließ.

Plötzlich war alles so schnell vorbei. Das Ziel erreicht.

Noch mehr wahrscheinlich für meine Gefährten, die die Suche nach den Schlüsseln nun endlich beendet hatten. Für mich war nur eins wichtig: Die Bedrohung für meine Heimat war eingedämmt. Natürlich, Dämonen und Drow würden sich irgendwann wieder erholen, doch der teuflische Plan dieser Dunkelhexe war durchkreuzt.

Die Welt hier oben scheint ruhiger geworden. Die Angriffe der Zhentarim im Norden haben nachgelassen oder gar ganz aufgehört. Ob es am Winter liegt, oder an unseren Taten, wer weiß das schon. Randall Morn, und sicher jeder Bewohner der Länder, war sichtlich erfreut, als die Geschichte unseres Sieges zu ihm Vordrang. Es scheint sicher zu sein, für eine kleine Weile.


Wenig Worte für eine solche Tat, fürwahr. Doch ebenso wie Jonathan, der sich in den letzten Tagen sehr verändert hat, fühle ich, dass das Böse nicht lange auf sich warten lässt. Dhûne war sichtlich geschockt, als er schließlich zum Leben erweckt wurde, und seither schaut er finsterer drein als üblich. Während unsere Zwergenklerikerin Andarell auf dem Weg in ihre Heimat ist, überlege auch ich, ob Misteltal mich braucht. Jetzt jedoch sind wir in Mulmaster, und die Ereignisse haben sich wieder einmal überschlagen. Es scheint, Jona hat Recht. Die Talländer sind nicht die einzige Heimat, die überfallen wird, denn auch hier geschehen unheilvolle Dinge, und während Dhûne einige private Dinge klären muss in Thay, ist Lohental fast vollständig niedergebrannt worden, die Einwohner als Sklaven verschleppt und Richtung Mulmaster entführt.

Die Spuren führen zu den Roten Magiern, und ich weiß nicht, wie Dhûne zu der ganzen Sache stehen wird. Sklaven scheinen dort alltäglich und sogar notwendig zu sein, wo er herkommt. Doch alle Zeichen deuten auf ungeklärte Verhältnisse hin, diese Menschen werden nicht nach Thay verschifft. Drei von ihnen konnte Tiriel retten, unter ihnen wohl auch eine ehemalige Freundin von Jonathan. Seinem zerknirschten Lächeln nach zu urteilen erfreut er sich jedoch nicht, dass ein anderer der Geretteten ihr Ehemann zu sein scheint.

Die Bronzene Stadt, eine uralte Legende, taucht plötzlich wieder auf, die Geschichten eines Efreetis und seinem fantastischem Schwert, mit dem er alle unterjochen konnte.
Und ein Heerführer verlangt nach Horden von Sklaven, und Thay liefert sie.

Dhûne ist mittlerweile zurückgekehrt, und seinen Schädel ziert eine merkwürdig geformte Tätowierung. Er scheint fröhlicher und befreiter zu sein, und tatsächlich konnte er wohl alte Streitigkeiten beilegen. Vielmehr, er ist nun offizieller Botschafter seiner Heimat, was ihn sichtlich mit einigem Stolz erfüllt. Dennoch beklagt er die ihm fehlende Zeit, die er gerne für Studien aufbringen würde. Die Nachforschungen, die Jona und ich in diversen Hafenspelunken angestellt haben, betrachtet er mit einem gewissen Stirnrunzeln.

Die Sklaven sind unter merkwürdigen Umständen heute Mittag weggebracht worden über den Seeweg. Die "Heulende Teufel" hat an diesem Feiertag abgelegt, was allein schon unglaublich für die Seemänner scheint. Der ungewöhnlich heftige Wintersturm und die Tatsache, dass die "Teufel" eigentlich nicht für die offene See gebaut zu sein scheint, lässt uns aufhorchen.

Dennoch, es scheint, dass wir hier nichts weiter ausrichten können. Selbst die drei Geretteten haben sich noch Lohental begeben, entgegen unserer ausdrücklichen Warnung.

Dhûne wurde soeben vom Obersten der Mäntel aufgesucht. Offensichtlich kannten sich die beiden, denn Dhûne hat hier seine Lehrzeit abgesessen. Überrascht und erfreut über das Zurückkehren seines nun ungleich erfahreneren Studenten hat ihn der Hochmagier um ein Gespräch gebeten. Eigentlich sogar eher befohlen. Eine Anstellung im Rat scheint ihm gewiss, und unser Magier scheint einerseits erfreut (so hätte er vermutlich Zeit für seine Studien), andererseits verärgert über die Behandlung und die mögliche Freiheitsberaubung, die solch ein Posten inne hätte.

Jona scheint gewillt, nach Yhaunn zu reisen, seine Heimat, die er unter schmerzlichen Umständen verlassen hat. Kossuthpriester haben dort ein Zentrum ihrer Macht errichtet, was ihm ein Dorn im Auge ist.

Baal scheint Mulmaster nervös zu machen. Die Andeutungen über das "Erbe" und die "Hochklinge" lassen mich vermuten, dass er möglicherweise ein gern gesehener Gast wäre - in Ketten, oder zumindest unter Beobachtung.

Ich für meinen Teil bin gewillt, jedem aus der Gruppe zu helfen, sofern sie mich benötigen. Meine Heimat wurde von einem schrecklichen Übel befreit, die Dunkelelfen und vermutlich eine noch viel schlimmeres Böses wurde zurückgedrängt, hoffentlich auf eine lange Zeit. Während die Kriege im Winter pausieren, ziehe ich gerne mit Jona nach Yhaunn und schaue mir die dortige Lage an. Oder helfe Baal, in seiner Heimat wieder Fuss zu fassen. Oder Dhûne - nun, ob Dhûne meine Hilfe benötigt, ist mir nicht bewusst. Wenn ich ihm jedoch beibringen könnte, wie man die magische Aura von Gegenständen identifiziert, würde ich es tun.
Schließlich haben sie mein Zuhause befreit, mein Leben gerettet, und das so vieler anderer. Wie könnte ich da nein sagen. "Töricht", so hör ich den Roten Magier in seinen Bart brummeln. "Notwendig", ruft Jonas neuer Lebensmut.

"Heimat", denke ich bei mir.