Reisetagebuch
 
Andarell Balderk
3. und 4. Marpenot 1359 T.Z.

Bei allem was mir heilig ist! Seit dem ich die Spur meiner Gefährten wieder aufnehmen und schließlich auch zu ihnen stoßen konnte, sind derart seltsame Dinge vor sich gegangen, dass ich manchmal nicht sagen konnte, ob ich wache oder träume.

Überhaupt schienen es gerade die Träume aller zu sein, die sich zu düsteren Vorahnungen in unseren Köpfen verdichteten. Dhûne und Baal erzählten von einem schrecklichen Nachtgespinst in dem sie von schwarz vermummten Gestalten verfolgt worden waren. Wir taten dies zunächst als phantastischen Streich ab, den ihnen ihr Bewusstsein gespielt hatte, hatten wir doch alle mit den Anstrengungen der vergangenen Tage zu kämpfen.

Jetzt war erst einmal die Zeit gekommen, uns richtig feiern zu lassen.

Nachdem wir Brindinfurt von den bösartigen Kultisten befreit hatten und ich endlich die Gelegenheit gekommen sah, mich mit meinen Gefährten bei reichlich gefüllten Trinkhörnern darüber auszutauschen, wie es Ihnen während der Zeit unserer Trennung ergangen war, trat Eriana, die Schwester des Barons an unseren Tisch.

Sie entschuldige das Fernbleiben ihres Bruders wegen dringender Verpflichtungen und überreichte uns in seinem Namen jedem eine silberne Brosche mit dunkel-violettem Amethyst. Nun, die waren ganz hübsch anzusehen, diese Broschen, aber dafür dass wir uns bei fremden Angelegenheiten derart in Gefahr begeben hatten, doch eine recht magere Entlohnung. Aber ich will nicht klagen. Um der Frauen und Kinder willen, die wir so vor den dunklen Mächten haben dank Berronars Beistand retten können, habe ich die Gefahren auf mich genommen.

Für den nächsten Tag sollten wir eine Audienz beim Baron erhalten. Doch dieser Abend war unser und so wurde erst einmal kräftig gefeiert. Hätte ich geahnt, was uns auf dem Heimweg erwarten sollte, hätte ich den einen oder anderen Krug schmackhaften Gesöffs wahrlich beiseite gelassen.

Ausgelassen verließen wir als letzte Gäste das Gasthaus „Im steinernen Blick“. Gemeinsam mit Baal versuchte ich mich an ein paar fröhlichen Liedern, als plötzlich eine 3 Meter große Gestalt vor uns auftauchte. Hässlich anzusehen und massig in ihren Ausmaßen. Eine Ogerfrau versperrte uns den Weg und damit nicht genug: Neun vermummte Gestalten kamen auf uns zu und unter Ihnen befand sich eine seltsame, 2 Meter große knorrige graue Gestalt. Assassine! Und sie schienen uns irgendwie merkwürdig vertraut.

Vielleicht hätte dieser Kampf uns nicht an den Rand der Erschöpfung gebracht, hätte das Elfenmädchen sich einmal zurückhalten können und wäre nicht auf eigene Faust in ihre neuen Spinnenklettererschuhe geschlüpft. Zeit für Schelte und Strategie blieb uns indes nicht. Dhûne war glücklicherweise in der Lage, seltsame Tentakeln aus dem Boden wachsen zu lassen, die eine gute Anzahl der Feinde in ein wildes Ringen buchstäblich verwickelte, so dass uns die Möglichkeit blieb, die Ogerfrau aus dem Weg zu räumen. Tiriel indes wurde schwer verwundet und es grenzte an ein Wunder, dass sie dank Dhûnes enormen Einsatz noch unter den Lebenden weilt. Berronar sei Dank! Der Kampf hat enorm an unseren Kräften gezehrt. Müde schleppten wir uns zu unserem Gasthaus und zu unseren Lagerstätten.

Viel Zeit zum Ruhen hatten wir nicht. Früh wurden wir am nächsten Tage von Trompeten aus dem Schlaf gerissen und während wir noch schlaftrunken unsere Glieder streckten, erzählte diesmal der sonst so unerschütterliche Jona von einem schrecklichen Traum, der ihn offenbar ernsthaft entsetzt haben musste. In diesem Traum hörte er eine schreckliche bizarre Stimme die einer Prophezeiung gleichenden Worte sagte, wie „Die Glocke schlägt, das Tor schwingt weit auf“. Wir hatten keine Zeit mehr, um über die Bedeutung dieses weiteren Traumes zu rätseln. Diese Träume, die uns nacheinander heimzusuchen schienen.

Der Baron hatte sämtliche Einwohner Brindinfurts zusammentrommeln lassen und so eilten auch wir zum Silberhügel, um zu hören, was er uns mitzuteilen haben würde. Ein seltsamer Anblick bot sich uns, als wir zu den Menschen der Stadt stießen. Der Baron wirkte auf eigenartige Weise unbewegt. Kein Gottesglaube war in ihm zu erkennen. Kalt und grau war sein Antlitz. Mir schien er, wie von einer fremden Macht besessen. Er nahm unseren nächtlichen Zusammenstoß mit den Assassinen zum Anlass, grausame Edikte zu erlassen. Die Stadttore wurden geschlossen, niemand durfte mehr Waffen tragen und sollte bei Zuwiderhandlung mit dem Tode bestraft werden. Ebenso wurde der Lathander-Tempel für unzugänglich und seine Priester zu Gesetzlosen erklärt. Gegen alle Lathander-Priester waren bereits Haftbefehle erlassen worden. Sämtliche kriegstauglichen Bürger hatten sich in der Garnison einzufinden, um in der neu eingerichteten Miliz ihren Dienst zu leisten. Eine grässliche Kreatur tauchte neben dem Baron auf. Dürr, nahezu skelettiert und mit einem skorpionartigen offenkundig giftigen riesigen Stachel ausgestattet. Bald drei Meter groß war es und schien dem Baron zu Diensten zu sein.

Auf unserer Rückkehr zum Gasthaus berieten wir uns und entdeckten bald an jeder Straßenecke Steckbriefe, die ganz augenscheinlich die Ergreifung eines gewissen Dhune Nevier zum Ziele hatten. Ein recht detailreiches Bild ließ zumindest für mich augenfällig unseren Begleiter erkennen. Zornesröte stieg mir ins Gesicht. Also doch ein Verräter! Wie konnte Berronar mir nur die Gefährtenschaft mit diesem Schurken als richtig aufgezeigt haben! Doch Dhûne versicherte mir, es handele sich um ein Missverständnis und er könne mir dies erklären. Wir hatten dringlichere Dinge zu bereden und so beließ ich es dabei – behielt den jungen Magier jedoch durchaus argwöhnisch im Auge.

Plötzlich schoss im Nordosten eine riesige Flammensäule in den Himmel empor. Sie musste ihren Ursprung dort haben, wo einst der Lathander-Tempel gewesen war und Tiriel wusste zu berichten, dass in diesem Augenblick das Tor zu einer anderen Ebene geöffnet worden war. Immer weniger gefielen mir die Begebenheiten in diesem zunächst so harmlos erschienenen Städtchen. Hier waren keine guten Mächte am Werk. Die ganze Stadt schien vielmehr bereits von allen Mächten des Guten verlassen worden zu sein.

Während wir uns im Neunten Gasthaus in einem unserer Zimmer berieten, hörten wir plötzlich gellende Schreie aus der Gaststube heraufdringen. Wir stürzten hinunter und fanden den Wirt mit abgeschlagenem Kopf, das Schwert noch in der Hand, in einer Blutlache liegend. Draußen entfernte sich eines der schrecklichen Skorpionwesen. Hier war für uns kein Ort mehr zum Verweilen. Wir teilten die Schätze aus dem Kampfe der vergangenen Nacht auf, wickelten die großen Waffen in eine Decke, steckten die Armbrüste zerlegt in unsere Rucksäcke und machten uns auf den Weg zum Lathander-Tempel.

Das Straßenbild hatte sich komplett gewandelt. Die Menschen hatten Türen und Fenster verbarrikadiert. Vereinzelt huschte ein Bewohner der Stadt ängstlich geduckt durch eine Gasse. Sämtliche Gasthäuser und Geschäfte waren geschlossen. Nur die furchtsam scheinende Miliz patrouillierte in den Straßen, schien uns aber aus dem Weg zu gehen. Auf den Stadtmauern sahen wir hundegleiche, wenn auch weitaus größere schwarze Kreaturen patrouillieren – Höllenwesen, wie Jonathan erkannt hatte. Sogenannte Höllenhunde, wie Dhûne uns erläuterte. Wir entdeckten auch teufelartige Flügelwesen und so folgerte Dhûne, dass das Tor zu Baator, der Ebene der Hölle geöffnet worden sein musste.

Wir eilten weiter zum Lathander-Tempel. Immer wieder sahen wir Leichen am Wegesrand und als wir unser Ziel erreichten, erkannten wir, dass die Feuersäule tatsächlich von dort, durch die eingestürzte Kuppel in den Himmel emporragte. Die Türen des Tempels waren verschlossen und wir sahen keine Möglichkeit unbeschadet hinein, geschweige denn lebend hinaus zu gelangen.

Verwirrt von den Ereignissen irrten wir durch die Stadt. Vor der Garnison wachten Schreckenswölfe mit rot-glühenden Augen, deren Schultern sich sicherlich auf 1,50 Metern Höhe befanden.

Am Schrein des Helm fanden wir schließlich Thorea, die Paladinin. Es gab keinen Zweifel mehr: In dieser nunmehr gottlosen Stadt herrschte das uneingeschränkt Böse: Thoreas Kopf war vor dem Schrein aufgespießt worden – die Wände waren mit furchtbaren Runen beschmiert. Dieser Ort war von Wesen, die vor dem Leben keinerlei Respekt hatten, geschändet worden.

Wir begaben uns zu der Festung. Vorgeblich, um unsere Audienz beim Baron wahrzunehmen, aber vor allem in der Hoffnung, vielleicht dort Antworten zu finden.

Das Falltor stand offen. Wir gelangten zum Herrenhaus, auf dessen schwerer Eingangstür sich ein Wappen mit einem Adler befand. Auf unser Klopfen öffnete eine verwundert dreinblickende Dienstmagd, die uns breitwillig einließ und uns ängstlich bat, ihr zu folgen. Sie erzählte uns auch, dass Eriana, die Schwester des Barons nicht im selben Haus wohne. Wir wurden in eine große Halle geführt, in der uns der Baron auf einem throngleichen Stuhl empfing. In voller Rüstung und einen purpurnen Umhang tragend, der mit Zobel bestückt war, so trat uns der Baron gegenüber. Seinen Wappenrock zierte das gleiche Adlerwappen, das wir bereits an der Tür seines Hauses bemerkt hatten und in der Hand hielt er ein prächtiges Langschwert. Neben ihm, fast verborgen, stand eine ganz in schwarz gehüllte Gestalt. Sie trug einen silbern bestickten Kapuzenumhang und zu Baals Entsetzen waren an jeder Hand nur vier Finger!

Nachdem der kühne Jonathan das Gespräch eröffnet hatte, antwortete der Baron mit derselben leblosen Stimme, die uns schon am Morgen bei seiner Rede aufgefallen war. Seltsamerweise willigte er nach kurzem Verhandeln ein, dass wir die Stadt mit unseren Waffen würden verlassen dürfen. Die Stadtwachen seien darüber bereits informier, wenn wir an einem der Stadttore einträfen. Wir hatten uns als Gefangene gewähnt, statt dessen wollte man sich unserer auf bequeme Art entledigen!

Wir hätten also von diesem verfluchten Ort einfach davon spazieren können, aber nein, einer meiner treuen Gefährten bat um ein Gespräch unter vier Augen. Ausnahmsweise nicht Tiriel. Nein. Der mir zumindest klug erschienene Dhûne musste sein und unser Schicksal unbedingt herausfordern. Baal, Tiriel, Jona und ich verliessen die Halle, um Eriana aufzusuchen. Währenddessen zeigte Dhûne dem Baron einen der überall verbreiteten Steckbriefe und stellte ihn zur Rede.

Wie auf lautlosen Befehl erschien noch während der Erörterungen ein Oger, dem der Baron zurief „Das ist der Mann, der Dein Weib gestern Nacht niedergestreckt hat!“ Zur gleichen Zeit, als unser Magier gerade dazu ansetzte, die Situation zu erklären, hallte eine schreckliche Stimme in seinen Ohren „Hör auf Dich zu rechtfertigen“ und ein Schlag hämmerte in seinem Kopf, der ihn taumeln liess. Mit aller Macht gelang es Dhûne gottlob sich zu konzentrieren und die furchtbare Stimme zu bannen. Wie von Zauberhand erschien er plötzlich neben uns am Haupttor.

Jonathan muss die Situation augenblicklich erkannt haben. „Rennt um Euer Leben!“ schrie er uns zu und stürmte auf das Haus von Eriana und ihrem Mann Fridan zu. Als er die Eingangstür erreichte und diese weit aufstieß, hatte ich gerade einmal die Hälfte der Strecke hinter mich gebracht. Was denken sich meine Gefährten eigentlich, was eine voll gerüstete Zwergin an Wegstrecke hinter sich zu bringen vermag? Aber dieser vermeintliche Nachteil sollte sich als Vorteil erweisen. Im Türrahmen stand eine Gestalt in silbern bestickter Samtrobe – doch diesmal mit zurückgeschlagener Kapuze. Statt eines Gesichtes sprangen meinem Freund malvenfarbige Tentakeln entgegen und Dhûne und Jona wurden nahezu augenblicklich zu Boden geschleudert. Dann schwebte der Gedankenschinder über ihnen. Vom Tor aus stürmte der Oger auf uns zu. Es war ein erbitterter Kampf. Tiriel unterstütze uns mit einem ermutigenden Lied, dass mich im Kampfe umso mehr anspornte. Baal rief einen Habicht herbei, doch lange war der Ausgang ungewiss. Dank Deiner Unterstützung gute Berronar konnten wir das Blatt schließlich wenden und den Gedankenschinder vernichten. Doch wir hatten nicht verhindern können, dass er sich Baals bemächtigte hatte. Unser Freund hatte den Kampf nicht überlebt. Reglos lag er am Boden und kein Hauch entrann mehr seinen schwulstigen Lippen. Nachdem wir zu begriffen, was um uns herum geschehen war, bemerkten wir auch, dass die Flammensäule am Lathander-Tempel erloschen war. Ein gutes Zeichen?

Tiriel erklärte sich bereit, bei Baal zu wachen und so eilten wir zum Baron, den wir ohnmächtig am Boden fanden. Als er zu sich kam, erkannten wir zum ersten Mal ein menschliches Antlitz. Er wähnte sich noch vier Wochen vor Beginn des Jahrmarktes und so berichteten wir rasch, was sich in der Zwischenzeit ereignet hatte. Gemeinsam zogen wir zur Garnison. Wieder empfingen uns die Bürger der Stadt mit „Hoch“ -Rufen und „Die Dämonen sind verschwunden“. Tatsächlich befanden sich auch keine Höllenwölfe mehr vor der Garnison und sämtliche Kälte und Düsternis war Sonne und Unbeschwertheit gewichen. Die Edikte wurden aufgehoben und ein Fest –diesmal in der ganzen Stadt – gefeiert. Wir sorgten uns indes mehr um unseren Freund, den ich zwar Dank Deiner Allmacht große Berronar vor weiteren Verfall bewahren konnte, jedoch nicht ins Reich der Lebenden zurückgeleiten vermochte. Leider wusste der Baron auch keinen wirklichen Rat. Allenfalls bei den Druiden könnten wir unser Glück versuchen. So betete ich Tage und Nächte und schließlich gelang mir, zu Baals Seele Kontakt aufzunehmen. Er wollte als der zurückkehren, als der er diese Welt verlassen hatte und so hielt ich meine Gefährten auch davon ab, ihn den schwafelnden Naturgläubigen zu überlassen, die ihn womöglich als Regenwurm in die Welt der Wiesen und Bäumen eingefügt hätten.

Wir entschlossen uns also nach Hlath, der Küstenstadt aufzubrechen, um Baal bei einem Tempel der Selûne seine wahre Bestimmung zuteil werden zu lassen und zu uns zurückzuführen.
Gerade höre ich, wie Jonathan schon ungeduldig zum Aufbruch mahnt. Ich muss also rasch mein Zeug zusammen suchen. Horken, der Neffe der Schmiedin Schuma will sich uns anschließen, nachdem diese während der Herrschaft der Höllenwesen hingerichtet worden war. Ich bin gespannt, ob er sich unserer würdig erweisen wird. Sollte er zur Last werden, müssen wir uns von ihm trennen.