Reisetagebuch
 
Andarell Balderks Grüblerische Gedanken
16. Uktar 1359 T.Z.

D

unkelheit umgibt unsere Herzen, unsere Seelen, unser Gemüt. Keine Stunde war vergangen seit wir den despotischen Besetzern Yhaunns entkommen waren, als leichter Schneefall einsetzte, der nach und nach unsere Spuren verdeckte.

Die berittenen Stadtwachen schienen die Verfolgung aufgegeben zu haben. Dennoch trieben wir die von Dhûne herbeigerufenen Pferde weiter voran und erreichten bei Einbruch der Dämmerung die uns wohlbekannte Meeresbucht, wo wir erstmals auf die fürchterlichen Kossuthpriester gestoßen waren. Es war bereits später Nachmittag. Weit entfernt am Horizont konnten wir drei Schiffe ausmachen. Die Ankündigung der Harfner schien sich also zu bewahrheiten: Die Schiffe, die Yhaunn verließen nahmen tatsächlich nicht Kurs auf Thay.

Wir hatten keine Zeit zu verlieren und so trieben wir die Pferde weiter Richtung Süden. Auf Höhe der Schiffe konnte Baal im Schnee viele Spuren ausfindig machen. Es hatte den Anschein, als hätten an die hundert Personen diese Stelle vor kurzem in großer Eile in Richtung Flussbett und damit in Richtung Nachtzahn durchschritten. Wir berieten kurz, wie wir einerseits unentdeckt bleiben konnten, ohne kostbare Zeit zu verlieren und zugleich die Hintergründe dieser Prozession würden aufdecken können.

So entschlossen wir uns schließlich dazu, dass Dhûne mit Hilfe seiner magischen Fähigkeiten im Schutze der Dunkelheit und durch Jonas Ring der Unsichtbarkeit verborgen, vorausfliegen sollte, um zu ergründen was dort vor sich ging. Wir mussten uns schließlich Klarheit darüber verschaffen, mit welchen Gegnern wir es möglicherweise zu tun hatten und mit wie vielen! Wir würden Dhûne in geringem Abstand auf den Pferden folgen, um ihm gegebenenfalls zur Hilfe eilen zu können.

Als Dhûne schließlich wieder zu uns stieß und uns berichtete, was er entdeckt hatte, wurden unsere Befürchtungen bestätigt: Nur noch wenige Kilometer vor uns war ein Lager errichtet worden. An die 80 Menschen Frauen, Kinder und Männer, alle ungerüstet und mit verzweifelten Gesichtsausdrücken, kauerten dort am Boden und wurden von etwa anderthalb Dutzend Kriegern aus Thay bewacht. Am Rande des Lagers war ein Zelt errichtet worden, das vielleicht zehn Personen beherbergen konnte. Aus diesem Zelt hatte Dhûne leise Stimmen vernehmen können, die von einem langen Marsch durch die Dunkelheit, einem verborgenen Eingang, einer Hintertür und auch von Gulthias sprachen. Schon am nächsten Morgen wollte man aufbrechen. Auch fielen Sätze wie „ein Glück, dass der Schlüssel in vier Teile zerbrochen ist“ und „dass wir Arshadalon wieder huldigen können“.

Kaum hatte Dhûne seinen Bericht beendet, erhob sich hinter ihm aus der Dunkelheit eine krächzende Stimme: „Seid ihr bereit für den Abyss?“

„Den was?“ murmelte Baal und im gleichen Moment erschien eine drei bis vier Meter große Gestalt: Es war Runat, der Vrock.

Angeblich hatte er uns die ganze Zeit auf Schritt und Tritt beobachtet. Er erklärte sich bereit, uns am nächsten Morgen zum geheimen Hintereingang des finsteren Turmes führen zu wollen, damit wir uns in den unter dem Nachtzahn gelegenen Katakomben auf die Suche nach den Teilen des Drachenschlüssels machen konnten. Sein Wortschwall endete damit, dass er auf Dhûne zeigend ausrief „ Und du bist sowieso gezeichnet.“ Mit diesen Worten verschwand er.

Wir rätselten nicht lange über diese seltsamen Worte dieser immer noch misstrauenswerten Person, dafür war keine Zeit.

Nach dem was Dhûne berichtet hatte, zögerten wir nicht lange: Wir mussten den Angriff auf das Lager wagen. Zum einen wäre es viel zu gefährlich gewesen, es auf ein Zusammentreffen mit diesem unbekannten Gegner am Turm ankommen zu lassen, zum anderen würden wir Gulthias Pläne vielleicht stören, wenn wir die als Opfer ausersehenen Gefangenen befreiten. Zumindest würden wir uns mehr Zeit erkaufen. Außerdem konnten wir den Schutze der Dunkelheit zu unserem Vorteil nutzen, so lange man uns noch nicht entdeckt hatte.

Wir erstellten also einen Schlachtplan. Kurz bevor wir aufbrechen wollten, offenbarte Jona uns die Schätze, die er den besiegten Klerikern vor den Toren Yhaunns abgenommen hatte. Sie sollten uns im Kampfe dienlich sein, denn es handelte sich um mächtige Ringe, die uns auf magische Weise im Kampfe schützen sollten.

Leise schlichen wir uns an das Lager heran. Die Wachen waren mit Hellebarden und leichten Armbrüsten bewaffnet. Noch bevor wir unseren Angriff starteten, beschwor Dhûne fünf Schreckenswölfe, die uns im bevorstehenden Kampf unterstützen sollten. Zuversichtlich setzten wir dazu an, unseren Plan in die Tat umzusetzen, doch schon unsere erste Attacke schlug fehl: Während Jona die Wache vor dem Zelt überrumpelte, war es an Baal die hintere Zeltwand aufzuschlitzen, damit Dhûne mit Hilfe seiner magischen Kräfte die Personen im Zelt unschädlich machen konnte. Nach der von ihm belauschten Unterhaltung war er sich sicher, dass sich in dem Zelt mehrere Zauberwirker aufhielten, die als erstes außer Gefecht gesetzt werden mussten. Doch die Kleriker hatten vorgesorgt. Kaum holte Baal zum zerstörerischen Schlag aus, prallte sein gewaltiger Zweihänder an einer unsichtbaren Barriere ab, noch bevor er die Zeltwand überhaupt erreichte.

Dann überschlugen sich die Ereignisse. An die Einhaltung unseres Schlachtplanes war nicht mehr zu denken. Dhûne hetzte die Schreckenswölfe auf die Wachen. Sofort fielen die Bestien über diese her und setzten ihnen schwer zu. Davon ermutigt erhoben sich etliche der Gefangenen gegen ihre Bewacher und rangen sie, wo sie es vermochten, zu Boden. Glücklicherweise gelang es uns währenddessen, den aus dem Zelt heraustretenden Hexer und die ihn begleitenden Kossuth-Kleriker in kürzester Zeit unschädlich zu machen. Die Schreckenswölfe verfolgten die fliehenden Wachen und ließen keinen entkommen. Berronar sei Dank war es uns so gelungen, die Gefangenen zu befreien ohne das einer von ihnen zu Schaden gekommen war. Zu unserer Überraschung fanden wir in dem Zelt neben kostbaren Tränken und Schriftrollen auch die Panflöte des Rattenfängers, die Tiriel im Hafen von Yhaunn den Roten Magier von Thay verkauft hatte.

Nachdem sich die allgemeine Aufregung etwas gelegt hatte, machte sich Jona auf die Suche nach seiner Tante Arwene und fand sie gottlob nach kurzer Zeit zwar müde und verstört, aber wohlauf. Wir richteten währenddessen das Wort an die Befreiten und empfahlen ihnen, am nächsten Morgen so schnell wie möglich nach Trockensee aufzubrechen, wo sie in Sicherheit sein würden.

Schließlich begaben wir uns zur Nachtruhe; wir waren uns gewiss, dass wir für den nächsten Tag alle nur erdenklichen Kraftreserven würden gebrauchen können.

Ich verfiel sofort in unruhigen Schlaf und träumte mich weit weg von dem vor uns am nächsten Tag erwartenden Turm der Finsternis.