Reisetagebuch
 
Andarell Balderks Grüblerische Gedanken
17. Uktar 1359 T.Z.

A

m nächsten Morgen wurde ich durch ein sanftes Rütteln an meiner Schulter geweckt. Horken, der die letzte Wache übernommen hatte, hielt mich zur Eile an. Ich schüttelte den Schlaf aus meinen Gliedern. Leider war die Nacht viel zu schnell vorübergegangen. Die friedlichen Traumbilder meiner Heimat entglitten mir und ich stürzte in die kalte Realität zurück. Rasch klaubte ich meine Sachen zusammen.

Als die winterliche Sonne aufging, bat ich Berronar um ihren Segen für unsere Mission. Ich fürchtete mich vor dem vor uns liegenden Tag. Wir würden weit mehr als die Gunst der Götter benötigen, mehr als wir erflehen konnten.

„Seid ihr bereit für den Abyss?“ krächzte auf einmal eine Stimme hinter mir. Ich fuhr herum: Runat war zurückgekehrt. Mit einem höhnischen Unterton gratulierte uns der hässliche Dämon zu unserer Befreiung der Gefangenen und unserem Sieg über die Zauberkundigen von Thay. Seiner Stimme war deutlich zu entnehmen, dass ihm das Schicksal der als Opfer bestimmten Menschen aus Yhaunn keineswegs nahe ging. Mit einer auffordernden Handbewegung bedeutete uns Runat, ihm zu folgen. Er würde uns nun zu dem geheimen Eingang führen. Gemeinsam brachen wir auf. Während unseres Weges berichtete Runat von einem riesigen unterirdischen Girallonreich und endlosen Katakomben, die unterhalb des Turmes lägen. Ich wechselte einen Blick mit Jona und raunte ihm zu: „Daher die Girallonsklaven“. Ein kurzes Nicken von ihm bestätigte mir, dass wir den gleichen Gedanken gehabt hatten.

Schließlich blieb Runat vor einer Felswand stehen und bedeutete uns, dass sich dort direkt vor uns der verborgene Eingang befände. Bevor wir uns in die unbekannte Gefahr begaben, fragten wir Runat, ob er bereit sei, uns im Kampf gegen Gulthias zur Seite zu stehen. Der Vrock gab daraufhin ein verächtliches Schnauben von sich uns verschwand. Ärgerlich machte sich Jona sofort daran, nach der Geheimtür zu suchen. Auch ohne die Hilfe des Vrock sollten wir doch dazu in der Lage sein, den Weg ins Innerste des Turms zu finden! Doch Jona gelang es zunächst nur, die Umrisse der Tür in der Felswand auszumachen. Bevor wir uns daran machen konnten, den Zugang zu den Katakomben zu öffnen, schwang das verborgene Portal plötzlich zur Seite. Runat hatte den im Innern liegenden Öffnungsmechanismus betätigt – der Weg in die lange Dunkelheit lag direkt vor uns und Runat verschwand erneut.

Wir folgten dem langen, gerade Gang durch die Finsternis. Als wir dem künstlich geschaffenen Pfad vielleicht einen Kilometer gefolgt waren, ging dieser in einen etwa drei Meter hohen natürlichen Höhlengang mit zahlreichen Stalagmiten und Stalaktiten über. Gut vier Stunden hatten wir bereits unter der Erde verbracht, als sich der Weg vor uns gabelte: Nichts deutete darauf hin, welchen Weg wir wählen sollten und so entschieden wir uns dafür, zunächst in nordöstliche Richtung weiter vorzudringen.

Kurz darauf erreichten wir eine Höhle, die mit Pelzen und Knochen ausgelegt war. Der mir entgegenströmende Geruch schien mir vertraut, doch er hatte mich lediglich an Baals frühere Fellrüstung erinnert. Sechs wohlgenährte Girallons standen vor uns. Allerdings trug keiner von ihnen eine Maske, wie in den oberen Stockwerken des Turmes. Die Girallons wirkten nervös als sie uns erblickten und Baal gelang es glücklicherweise, sie mit einer Wegration zu besänftigen. Rasch durchquerten wir ihre Höhle und schlüpften durch die gegenüberliegende Metalltür, welche mit einem Drachensymbol verziert war. Sollten wir bereits am Ziel unserer Suche angelangt sein?

Hinter der Tür lag ein Raum mit Fliesen aus Marmor und Onyx. Sie zeigten in Flammen gehüllte menschliche Gesichter, die in Agonie verzerrt waren und aus denen Verzweiflung zu sprechen schien. Der Raum wurde von einem gewaltigen mit Runen verzierten Altar beherrscht, über dem eine metallene Drachenfigur zu schweben schien. Dhûne eilte an uns vorbei und beugte sich über den Altar, um die Runen zu studieren: „Ich kann es entziffern! Es ist Drakonisch!“ Ein Schauder durchlief mich, als Dhûne damit begann, uns Zeile um Zeile zu übersetzen:

„Was übertrifft Ashardalon,

ist widerwärtiger als der große Wyrm?

Die Armen besitzen es.

Die Reichen brauchen es.

Wenn man es isst,

tritt in Bälde der Tod ein.“

Ein Ruck durchlief die Drachenfigur. Meine Beine schienen mir nicht mehr zu gehorchen, ich taumelte und sank auf die Knie. Etwas schien eine Antwort auf diese Frage zu fordern. „Nichts“ entfuhr es mir, ein gewaltiger Lichtblitz durchzuckte mich und warf mich zu Boden. Als ich mich wieder aufrappelte, um nach meinen Gefährten zu sehen, sah ich, dass auch Jona und Horken zu Boden geschleudert worden waren. Donnernd erschallte eine entseelte Stimme in fremder Sprache: „Ihr seid in den Kult aufgenommen“ hauchte Dhûne tonlos.

Allmählich lösten wir uns aus unserer Erstarrung, doch was war mit Horken? Noch immer lag er reglos in einem Winkel des Raumes. Ich stürzte zu ihm. Kein Rufen und kein sanftes Schütteln half. Horken war von dem gewaltigen Blitz erschlagen worden. Kein Funken Leben regte sich mehr in ihm. Von Trauer übermannt, brach ich weinend über Horken zusammen. Laut klagend flehte ich Berronar um Hilfe an, betete und versuchte schließlich, als alle Hoffnung vergeblich schien, Horken vor einer Wiederkehr als grausiges Werkzeug des Kultes zu bewahren. Wir mussten Horken zurücklassen, uns blieb keine andere Wahl.

Von dumpfer Trauer betäubt, stolperte ich hinter meinen Gefährten her. Den Räumen, die wir durchquerten, schenkte ich kaum Beachtung. Wir waren umgeben von Zeichen des Todes. Sarkophage, die mit tödlichen Fallen gesichert waren und doch nichts von Wert beherbergten, Raum für Raum, Gruft an Gruft.

Schließlich öffnete Jona die Tür zu einer riesigen mit Steinplatten ausgelegten Halle. Ein übler Geruch schlug uns entgegen, der etlichen kleinen Ställen entströmte, die sich an den Wänden aufreihten. Inmitten dieses Raumes konnten wir einen Tisch ausmachen, auf dem Folterwerkzeuge und Masken lagen, wie sie die beherrschten Girallons trugen. Bevor wir den Raum näher in Augenschein nehmen konnten, knallte Jona die Tür auch schon wieder zu. Denn vier Girallonsklaven stürzten mit tierischem Grunzen auf uns zu. Wir machten uns bereit zum Kampf. Baal und Jona stellten sich den heranstürmenden Bestien, doch dann schrie Dhûne auf. Direkt neben ihm waren aus dem Nichts zwei grässliche Nachtvetteln aufgetaucht. Sie sahen aus wie abstoßend hässliche menschliche Frauen. Ihre Haut war von einem bläulichen Violett und übersät mit Warzen, Fisteln und offenen Geschwüren. Sie hatten verfilztes Haar und spitze gelbe Zähne. Die an ihren Gürteln hängenden Folterwerkzeuge zeichneten sie als die Foltermeister dieses Ortes aus. Wahrscheinlich war es ihre Aufgabe, die Girallons zu gefügigen Sklaven zu machen. Nach einem kurzen aber heftigen Schlagabtausch hatten wir die Girallons bezwungen. Die Nachtvetteln schenkten uns noch einen Blick aus ihren böse glühenden Augen und verschwanden dann wieder im Nichts.

Bis auf einen waren die Ställe im Nebenraum mit dreckigem Stroh ausgelegt. Dieser eine Stall jedoch war vollkommen leer uns sauber. Es schien augenfällig eine besondere Bewandtnis damit auf sich zu haben. Dhûne und ich vermuteten, dass hier Magie wirkte. Als Baal eine Handvoll Girallonexkremente aus einem der anderen Ställe klaubte und hineinwarf, verschwanden sie sofort. Offensichtlich handelte es sich um ein Portal. Wahrscheinlich gelangten die Girallonsklaven auf diesem Weg in die oberen Stockwerke des Turmes.

zum vergrössern anklickenVorsichtig setzten wir die Erforschung der Katakomben fort – jederzeit darauf gefasst, dass Gulthias Diener ein weiteres Mal über uns herfallen würden. Irgendwo mussten diese grausigen Nachtvetteln noch auf uns lauern. Wieder folgte ich meinen Gefährten mit den Gedanken bei Horken durch weitere Gänge und Türen. Schließlich gelangten wir in eine riesige Gruft mit mehreren Sarkophagen. Drei Girallonsklaven waren gerade damit beschäftigt Kampf-, Brand und Blutspuren zu beseitigen. In einer Ecke des Raumes lagen die zusammengekrümmten Körper mehrerer ihrer Artgenossen. Hier musste vor kurzem eine Schlacht zwischen freien und versklavten Girallons getobt haben. Sobald sie unserer ansichtig wurden, griffen uns die Kreaturen mit gebleckten Zähnen an.

Bevor ich ihn aufhalten konnte, begann Jona in einer Nachahmung der Worte und Gesten des Kossuth-Klerikers vor den Toren Yhaunns, mit dem dort gefundenen Stab auf den vordersten Girallon zu deuten. Zuerst schien nichts zu geschehen, doch dann ging der Girallon mit lautem Kreischen in prasselndem Feuer auf, das ihn innerhalb weniger Augenblicke vollständig verzehrte. Die beiden übriggebliebenen Feinde stellten keine Bedrohung mehr dar. Zur Freude meiner Gefährten entdeckte Baal in einer Ecke eine Truhe, die gefüllt mit Platinmünzen und sieben schwarzen Opalen war.

Doch würden alle Schätze dieser Welt Horken nicht zurückbringen. Von dieser Erkenntnis übermannt, wurde mir schlagartig bewusst: Ich musste zu meinem gefallenen Gefährten! Ich würde alles in meiner Kraft stehende tun, um ihn den Klauen des Todes zu entreißen!