Reisetagebuch
 
Andarell Balderks Aufzeichnungen
8. Nachtal 1359 T.Z.

M

ein Schädel brummt, als hätte ich heute morgen beim Heldenmahl den ganzen Stärkungstrunk allein zu mir genommen. Zwar lässt sich auf diesen wundersamen schwebenden Tüchern komfortabel durch die Unterwelt reisen, gleichwohl ist mir von dem sanften Auf und Ab ganz schummrig zu Mute. Ich fürchte, langsam machen sich auch bei mir die Anstrengungen der letzten Tage bemerkbar. Der sprichwörtlichen Zähigkeit der Zwerge zum Trotz. Zum ersten Mal seit langer Zeit, fällt die Anspannung ein wenig von mir ab. Endlich finde ich ein wenig Ruhe, während Dessa – dieses respektlose und undankbare Geschöpf – dem Wundertuch Höhe und Richtung befehligt. Im Rückblick erscheinen mir die vergangenen Stunden wie im Rausch. Bis zum Rande der Erschöpfung, ja bis zum Rande des Todes haben wir mit vereinten Kräften gekämpft. Und wähnten wir uns siegreich, wurden wir umgehend eines besseren belehrt und sahen uns erneut einer weiteren gottlosen und übermächtigen Kreatur gegenüber.

Berronar scheint mit dem Verlauf unserer Mission zufrieden zu sein. Wiederum fühle ich mich stärker mit ihr verbunden. Meine Gebete zeigen mächtige Wirkung und auch meine Gefährten scheinen sich mit Berronars Hilfe furchtloser ihrem Schicksal zu stellen, was immer  auch sonst für Kräfte sie leiten mögen. Das magere Drowmädchen zeigt sich wenig dankbar, dass wir sie vor dem Nichts bewahrt haben. Es fällt mir nicht leicht, mich zu beherrschen und ihr nicht ihre Unverschämtheiten mit einem Hieb aus dem Gesicht zu wischen. Ich hoffe, Jonathan und Dhûne haben Recht damit, dass sie sich uns über alle Frechheiten und Feindseligkeiten hinweg als nützlich erweisen wird. Der Handel mit den Magiern des Innwendigen Turms war zumindest schon mal ein guter Anfang. Da wir nun diese magischen Teppiche unser Eigen nennen können, bleiben Dhûne mächtige Zauber für die Begegnungen erhalten, die uns auf der Reise gewiss noch heimsuchen werden. Auf einen ungestörten Reiseverlauf vermag ich noch nicht zu hoffen.

Ich weiß nicht, ob es ein Fehler war, zum Tempel hinaufzusteigen. Ein grässlicher Anblick bot sich uns, als wir die große Halle erreichten. Überall lagen halb verweste Dienerinnen Lolth’ herum. Aufs blutigste niedergemetzelt und achtlos liegengelassen. Dem bestialischen Gestank vermodernden Fleisches waren meine Eingeweide nicht gewachsen. Während Dessa sich erschüttert abwandte und unten auf uns warten wollte, sahen sich meine Gefährten das Tempelinnere genauer an. Wir wollten nichts übersehen oder hinter uns lassen, was die Ausführung unseres Auftrags vereiteln könnte. Ich wurde weiterhin von heftigen Krämpfen geschüttelt, so dass ich mich nur auf den Boden kauern konnte und alles wieder von mir geben musste, woran ich mich des Morgens gelabt und gestärkt hatte. Zunächst vermochten meine Freunde nichts zu entdecken, außer diesem Schlachtfeld des Grauens. Doch dann nahm Dhûne eine gewaltige magische Macht wahr, die von dem Altar am Kopfe der Tempelhalle auszugehen schien. Schließlich machten meine Freunde eine weitere Entdeckung: Auf dem Altar lag augenscheinlich die Hohepriesterin dieses Tempels. Aufgebahrt und mit zwei Bolzen im Nacken, den starren Blick zur Decke gerichtet. Als Baal und Jona die leblose Gestalt gemeinsam von dem Podest zerrten, konnte ich nur tatenlos zusehen, wie sich der Geist der Hohepriesterin aus seiner körperlichen Hülle erhob und den Drow-Dienerinnen seinen unheiligen Todesatem einhauchte. Grässlicherweise richteten sich an die zwanzig der umher liegenden schleimigen Kreaturen auf und wankten meinen Freunden bedrohlich entgegen. Ein neuerlicher Schwall halb verdauter Nahrung ergoss sich vor mir auf den Steinfliesen. Viel schlimmer aber war, dass die geisterhafte Gestalt unvermittelt mit unheiliger Macht durch Jona hindurch glitt und ihm dabei fast die Seele raubte. Ich sah nur, wie sich seine Augen vor Entsetzen weiteten. Kreidebleich konnte er sich kaum auf den Beinen halten. Die Kreatur schien ihn nachhaltig geschwächt zu haben. Unfähig, ihm zur Hilfe zu eilen, schauderte ich bei dem Anblick, der sich mir bot. Hoffnungslosigkeit flackerte in mir auf, als ich diese Übermacht sah, die uns gegenüberstand. Glücklicherweise gelang es Baal mit einem gewaltigen Hieb seines Zweihänders das Geisterwesen in Fetzen zu reißen und zu vernichten. Kaum war der erlösende Schlag getan, fielen auch die untoten Priesterinnen wieder in sich zusammen. Stille verbreitete sich im Raum. Endlich ließ auch die Übelkeit nach und ich konnte mich wieder aufrichten. Mächtig war die unheilige Kraft gewesen, die Jonathan geschwächt hatte. An diesem Tag konnte ich nichts für ihn tun, um ihm zu seiner bewährten Stärke und Ausdauer zurück zu verhelfen.

Der hinter uns liegende Kampf muss unsere Sinne benebelt haben. Anders lässt sich mir nicht erklären, dass wir uns nach dieser schauerlichen Begegnung umgehend dem Gitter an der anderen Seite der Tempelhalle gegenüber dem Altar zuwandten. Die Stäbe des Gitters waren aufgebogen. Als ich sie etwas genauer betrachtete, fiel mir auf, dass ein Bannzauber auf ihnen lag. Doch bevor ich herausfinden konnte, was es mit diesem Zauber auf sich hatte, war Baal schon durch das Gitter in den dahinter liegenden Raum getreten. Mir kam es vor, als würde im gleichen Moment der ganze Tempel erzittern. Ein riesiger spinnenhafter Dämon nahm vor Baal Gestalt an. Etwas Derartiges habe ich nie zuvor gesehen. Selbst wenn man drei Zwerge aufeinander stellen würde, gelänge es kaum, an den Kopf des Externars heranzureichen. Verzweifelt versuchten wir, den Dämon mit unseren Waffen niederzustrecken. Aber sowohl Horkens zwergische Streitaxt, als auch Baals zuvor so wirkungsvoller Zweihänder schienen von der Kreatur abzuprallen, noch bevor sie auf dem Panzer auftrafen. Selbst mein schwerer Streitkolben wirkte wie ein Grashalm gegenüber einer Nussschale. Auch Dhûnes Magie schien dem Dämon nichts anhaben zu können. Glücklicherweise hatte diese Ausgeburt der Hölle mit uns auch nicht viel Freude. Einmal streifte sie Horken mit einem ihrer widerlichen borstigen Beine, aber die Wunde war nicht wirklich tief und ließ sich später gut verbinden. Nachdem das Ungeheuer Baal und mich durch ein festes halbrundes Netz von den anderen getrennt hatte, zog ich mit dem letzten Mut der Verzweiflung den Stab der Zerstörung hervor. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal derart verzweifelt Berronars Beistand erfleht habe, aber ich wurde von der großen Beschützerin erhört. Mit unbändiger Wucht schoss ein gewaltiger Strahl aus bläulicher und weißer Magie aus der Spitze des Stabes hervor und traf diese widerwärtige Kreatur genau zwischen ihren giftigen Mandibeln und fuhr in den gierigen Schlund hinein. Augenblicklich schien der Dämon in unzählige Teilchen zu zerbersten. Dann war es still. Baal hackte mit seinem Zweihänder ein Loch in das uns umgebende Netz und der Spuk war vorbei. 

Sicherheitshalber bemühte ich ein letztes Mal den Zauberstab, der es vermag, Magie aufzuheben und der Weg in den zweiten Teil des Tempels war frei. Enttäuschenderweise schien sich in dem Raum nichts Besonderes mehr zu befinden. Diejenigen, die in der großen Halle alles nieder gemetzelt hatten, schienen auch hier ganze Arbeit geleistet zu haben. Jeder von uns schaute sich eine Weile um. Wir suchten gemeinsam nach einem möglichen geheimen Raum, fanden aber nichts. Gerade betrachtete ich mit Horken eines der herumliegenden Räuchergefäße, als ein grauenerregender gellender Schrei den Raum erfüllte. Glücklicherweise trug ich mein Haar an diesem Tag offen, so dass dieses Geheul lediglich gedämpft an meine Ohren drang. Ich wandte mich um und sah, dass vor Baal, der sich dem Podest am Ende des Raumes genähert hatte, eine geisterhafte Gestalt erschienen war. Augenscheinlich war sie es, die diesen ohrenbetäubenden Lärm verursachte. Jona krümmte sich zusammen und ich fürchtete schon, er würde ohnmächtig werden. Immerhin war er seit der Begegnung mit der ersten geisterhaften Erscheinung nicht mehr in bester Verfassung. Rasch murmelte ich eine klerikale Formel und Stille trat ein. Leider erwies sich auch dieses Geschöpf als zäher Gegner. Nur mit vereinten Kräften und dank des Stirnreifs, der einen Lichtsturm auf Befehl hervorzubringen vermag, gelang es schließlich, den Geist zu vertreiben. Atemlos blickten wir uns an. Das waren weit mehr gefährliche Begegnungen, als wir erwartet hatten. Wir schleppten uns durch den Gang zurück zu unserem Ausgangspunkt, wo Dessa betont gelangweilt auf uns wartete. Baal erinnerte uns daran, dass hinten noch eine Geheimtür auf uns wartete. Ich unterdrückte ein Seufzen und herrschte auch Horken an, sich zusammen zu reißen. Wir hatten keine andere Wahl. Wir mussten zumindest wissen, was sich in dem dahinter liegenden Raum verbarg. 

Den Mechanismus der Geheimtür entdeckte Jonathan auf Anhieb. Sein „Handwerk“ versteht er wirklich gut. Die Tür glitt auf, als wir uns zu viert gleichzeitig gegen die vier Steine stemmten, die Jonathan uns gezeigt hatte. Dahinter befand sich ein großer weißer Raum, in dessen Mitte ein großer Steinsarkophag stand. Der Sarkophagdeckel stellte eine schöne Dunkelelfe dar und war rundum mit breiten Kupferbändern versehen. Wir hatten Dorinas ehemalige Ruhestätte gefunden. Als Jona sich die Skulptur der Dunkelelfe ansah erkannte er nicht nur, dass dieser Sarkophag mit einer Falle gesichert war, sondern auch, dass sich mehre kleine Löcher an Nase, Mund und Ohren befanden. Wir beratschlagten, ob wir riskieren sollten, die Falle auszulösen. Nach all den Strapazen war es Jonathan nicht zu zumuten, die Falle zu entschärfen. In seinem Zustand war das Risiko dafür auch viel zu groß. In der Hoffnung, die Falle dadurch nicht auszulösen, beschloss ich zu versuchen, von der Ätherebene aus nachzusehen, was sich im Innern des Sarkophags befand. Hier also hatte Dorina ihre Schätze verborgen: Zwei Schriftrollen und ein Zauberstab lagen dort. Wir mussten am nächsten Tag zurückkehren und den Steinsarg öffnen.

So beschlossen wir, für den Rest des Tages zu rasten. Wir konnten wahrlich ein wenig Ruhe und Erholung gebrauchen. Zugleich blieb uns endlich einmal Zeit, unser weiteres Vorgehen abzustimmen. Nachdem ich Jonathan mit Berronars Hilfe am anderen Morgen einen Teil seiner verlorenen Kraft wiedergeben konnte, bereitete uns das Öffnen des Sarges keine besonderen Schwierigkeiten mehr. Es war an der Zeit, Szith Morcane hinter uns zu lassen und so machten wir uns auf den Weg.

Was sehen meine müden Zwergenaugen dort vor uns? Ein Licht flackert in der Dunkelheit. Wir sind also nicht allein auf dem Weg nach Maerimydra.