Reisetagebuch
 
Dhune Nevyhr, Reisetagebuch
30. Eleint 1359 T.Z.

Ich habe wieder Zeit gefunden, einige Dinge niederzuschreiben - leider eher unfreiwillig. So wie es aussieht ist es das letzte mal dass ich überhaupt schreibe. Ich sitze in absoluter Dunkelheit, es ist stickig und ich bin in einem kleinen Raum aus Stahl, ca. drei mal drei Schritt groß. Ein Zauberspruch befähigt mich, wie das Zwergenvolk aus dem Norden im dunkeln sehen zu können. Ich vermute dieser Raum ist nicht luftdicht geschlossen, so fange ich besser von vorne an zu berichten.

Wir verließen Mulmaster um in den Lindwurmturm zu gelangen - ein Schriftstück, welches wir in dem abgebrannten Harfner-Versteck in Lohental fanden, deutete auf einen geheimen Zugang bei den Klippen außerhalb der Stadt hin. Es warnte außerdem vor Wächtern...

Nach stundenlangem Suchen tief in der Nacht und bei stürmischem Wetter fanden wir eine Höhle auf Meereshöhe - dank meiner Magie - ohne sie hätten wir nur auf dem Seeweg dorthin gelangen können und bei all den Kriegsschiffen im Hafen wär das alles andere als eine Spazierfahrt geworden.
Wir entdeckten einige vertäute Ruderboote und eine Tür, die in den Felsen gehauen war.

Hinter der Tür stießen wir auf eine verlassene Wachstube und weitere Räume. Wir durchsuchten alles und machten dabei einen grausamen Fund:
Ein Leichenberg, aufgeschichtet und in fortgeschrittenem Stadium der Verwesung.
Die Toten konnten wir an der Kleidung als Priester der Selûne identifizieren. Jona war leider etwas unvorsichtig und näherte sich den Toten bevor wir weitere Untersuchungen vornehmen konnten - plötzlich lösten sie sich voneinander und griffen uns an - Zombies oder Ghuls die unser lebendes Fleisch wollten.
Offenbar hatte schon jemand einen Zauber auf die Leichen gelegt.
Wir überstanden den Kampf, zwar verwundet, aber lebendig.

Ich hatte ein sehr ungutes Gefühl - laut den Informationen auf dem Schriftstück der Harfner sollte hier unten ein Tempel des Tyrannos sein... Ich muss zugeben dass Andarell sehr in unserer Gruppe fehlte - ihre klerikalen Kräfte waren immer von großem Wert.

Ich trieb die Gruppe weiter an unser Ziel zu verfolgen - den Jasil von Thay zu finden!
Wir folgten einem langen Tunnel, der mit diversen raffinierten Fallen versehen war, die Jona jedoch ausschalten konnte.
Dann gelangten wir erneut an eine schwere Tür. Leises Murmeln von tiefen Stimmen war dahinter zu vernehmen - es klang wie eine Beschwörung!
Wir handelten schnell und bereiteten uns vor den Raum zu betreten und den Überraschungseffekt zu nutzen.
Jona öffnete die Tür und wir stürmten in den Raum. In dem Raum konnten wir mehrere Priester des Tyrannos und einige untote Skelettwächter erblicken. Die Priester vollführten tatsächlich ein Ritual, was wie eine Beschwörung aussah.

Doch der Überraschungseffekt lag diesmal auf unserer Seite. Lieder von Tiriel, ein tänzelnder Jona, mein mittlerweile beachtliches Zauberrepertoire und natürlich Baals Kraft, die der eines Ogers gleicht, in Verbindung mit seinem mächtigen Schwert machten den Priestern den Garaus; nach einem kurzen heftigen Gefecht lagen auch die untoten Schergen danieder. Die Halle sah aus wie der Hauptraum des Tempels - leider gab es keine Hinweise was die Priester beschwören wollten, aber es muss ein machtvolles Ritual gewesen sein.

Die Präsenz Tyrannos' war deutlich zu spüren. Aber auch etwas anderes konnte ich spüren - der Yasil von Thay musste hier ganz in der Nähe sein! Ehrfurcht erfüllte mich als mir noch einmal meine Aufgabe bewusst wurde. In Lohental habe ich mit Naglatar, der roten Magierin, ein geheimes Ritual durchgeführt und mich von ihr tätowieren lassen.

Meine Gefährten haben das noch nicht bemerkt, denn das Tattoo ist auf der Rückseite meiner rechten Wade, wo ich es gut mit meinen Roben verhüllen kann. Ich spüre wie seine Macht pulsiert. Somit bin ich ein roter Zauberer von Thay - Endlich! Nur den Zeitpunkt des Rituals wo ich offiziell das Erscheinungsbild eines roten Zauberers annehme, muss ich noch abwarten - meine Aufgabe ließ mir noch keine Zeit neue Gewänder zu kaufen... Ich freue mich jetzt schon auf das Gesicht, was Tiriel machen wird. Von dem Raum in dem wir uns befanden zweigten mehrere Türen ab und wir entschieden uns für die erste zur Rechten.

Wir gelangten in einen Raum, der über und über mit grotesken Zeichnungen versehen war, teilweise obszöne Darstellungen von Tyrannos und Selûne beim Akt. Ich hatte ein ungutes Gefühl denn ich erinnerte mich an die Geschichten und Legenden über ein finsteres Bündnis der beiden Götter... Zu unserer Verwunderung konnten wir keine Geheimtür entdecken, doch eine weitere Tür führte aus diesem Raum, eine Stahltür. Dahinter befand sich ein kleiner Raum, ungefähr drei mal drei Schritt groß, ganz aus Stahl - Wände, Boden, Decke.

An der rechten Seite im hinteren Teil des Raumes war so etwas wie eine Tür - aber der Öffnungsmechanismus war nicht zu erkennen. Jona untersuchte den Raum und stellte fest, dass sich etwas in diesem Raum verbarg, eine Funktion, dessen Bedeutung er jedoch nicht verstand. Er beschloss den Raum allein zu betreten. Es geschah alles blitzschnell - die Tür schloss sich, es rumpelte - Stille. Wir versuchten die Tür so schnell wie möglich wieder zu öffnen aber es dauerte bis das Rumpeln vorüber war. Die Tür öffnete sich und Jona war verschwunden.

Verstört und erschrocken riefen wir Jonas Namen und klopften an die Wände, doch wir vermochten zunächst keine Anzeichen eines Lebenszeichens zu vernehmen.
Wir berieteun uns was zu tun sei und stellten Spekulationen darüber an womit wir es zu tun hatten.
Ich hatte die Theorie dass es sich um einen Aufzug handeln musste. Wir befanden uns ja ungefähr auf Meereshöhe, was mich dazu brachte, anzunehmen dass Jona wohl nach oben gefahren ist.
Dies sollte sich als ein schrecklicher Irrtum herausstellen.

Plötzlich vernahmen wir gedämpfte Klopfgeräusche und wir glaubten auch ein Rufen zu hören! War es Jona? Ich fluchte dass ich mir keinen passenden Zauber eingeprägt hatte, aber die Situation war festgefahren. Ich traf eine Folgenschwere Entscheidung - ich wollte den Aufzug benutzen und Jona hinterherfahren - er schien in Schwierigkeiten zu sein - evtl. in einem Kampf!

Ich vereinbarte mit Baal und Tiriel, dass sie nicht mit den Raum betreten sondern erst mal eine Weile warten sollen. Ich sagte ihnen, dass, falls sie nichts von Jona und mir hören, sie nach eigenem Ermessen handeln sollen und entweder den Rest des Tempels erforschen, um nach einer Möglichkeit suchen uns auf anderem Wege zu finden oder ihre eigene Haut zu retten und den Tempel und Mulmaster zu verlassen.

So betrat ich nun den metallenen Raum, nickte vorher Tiriel kurz zu (ich vermied es bewusst irgendeine Art von Abschied anzudeuten) und schon schloss sich blitzschnell die Tür und es ging -- abwärts.
Es rumpelte, mir wurde flau im Magen, dann ein Ruck, und alles war still -- nein, ein Aufschrei -- irgendwo unter mir! Es klang wie Jonas Stimme - von Panik erfüllt!
Ich sah mich um - metallische Wände - auch da wo vorher die Tür und der Eingang gewesen waren.
In der Falle.

So sitze ich hier nun, meine Laterne erloschen, im Dunkeln und schreibe mit Hilfe des Dunkelsichtzaubers diese meine vermutlich letzten Zeilen.