Reisetagebuch
 
Dhune Nevyhr, Reisetagebuch
Hochernte 1359 T.Z.

Ich lebe!

Was ich in den vergangenen Tagen erlebt habe, übertrifft meine kühnsten Erwartungen.

Aber ich will dort beginnen, an jenem finsteren Ort, wo ich mich schon auf das Sterben vorbereitet hatte.

Als die Wirkung meines Zaubers nachließ, und Dunkelheit mich einhüllte, verstaute ich meine Schreibutensilien und legte mich auf den kalten Metallboden des Aufzugs.
Vielleicht würde es mir ja gelingen einzuschlafen und meine Gedanken würden endlich aufhören zu rasen...

Ich öffnete die Augen. Dunkelheit.
Warum, bin ich erwacht? Wie lange habe ich geschlafen?
Was war das? Eine Stimme! Unglaublich leise aber da rief definitiv jemand um Hilfe!
Es schien von unter mir zu kommen. Ich richtete mich auf und konzentrierte mich. Es war Jonas Stimme! Er lebt also noch!
Ich rief zurück und es gelang uns, uns zu verständigen.

Jona befand sich in einem Raum unter mir, der diesem hier exakt zu gleichen schien. Zu meiner Enttäuschung war er genauso gefangen wie ich und hatte auch keine Möglichkeit etwas zu unternehmen.
So verebbte unsere Aufregung allmählich sowie unsere Gesprächsthemen.

Mein Zeitgefühl war längst verloren. Waren es Stunden oder Tage, die ich hier nun festsitze? Hunger habe ich keinen, aber Durst. Die Luft ist immer noch stickig, aber es wird nicht schlimmer. Hermetisch scheint dieser Raum nicht abgeriegelt zu sein. Ich begann mich darauf vorzubereiten, elendig zu verdursten und nicht zu ersticken...

Doch dann geschah etwas. Der Aufzug bewegte sich. Wieder abwärts. Kurz darauf fing Jona an aufgeregt zu rufen. Panik war in seiner Stimme.
Er teilte mir mit das Wasser in seinen Raum eindringen würde - Salzwasser. Und es stieg stetig.

Minuten vergingen und es schien als würde ich tatenlos miterleben müssen wie Jona ertrinken wird.

Doch dann geschah etwas unglaubliches. Ich hörte plötzlich Stimmen über mir - es waren die Stimmen meiner Gefährten - ganz nah! Wie war das möglich? Dann erhellte ein Licht mein Stählernes Gefängnis von der Decke. Ich musste die Augen schließen so sehr blendete es mich. Blinzelnd versuchte ich zu erkennen was der Ursprung dieser Lichtquelle war. Verschwommen konnte ich Gestalten erkennen die durch die Decke in meinen Raum sprangen - ich wich zurück doch dann erblickte ich Tiriel, die grinsend mit einer Fackel in der Hand vor mir stand. Meine Augen gewöhnten sich an das Licht - unglaübig starrte ich sie an. Baal sprang durch die Decke und landete geschickt neben Tiriel auf dem Boden.
Ich blickte nach oben und sah dass eine dunkle Fläche die Decke erfüllte - eine tiefe, unnatürliche Dunkelheit die ins Nichts zu führen schien. Baal Griff nach oben und nahm die Dunkelheit von der Decke ab und hielt ein schwarzes Tuch in den Händen.
Ich versuchte Worte zu finden wie ich meine tausend Fragen formulieren könnte doch dann fiel mir Jona ein. Ich unterrichtete schnell meine Freunde über die Situation und wir handelten rasch.
Tiriel breitete das Tuch auf dem Boden aus, legte sich bäuchlings davor und tauchte mit Armen und Kopf in den Boden ein. Ein gruseliger Anblick - aber jetzt begriff ich dass mächtige Magie im Spiel war.
Tiriel sprang wieder auf und redete aufgeregt auf Baal ein - dieser tat es Tiriel gleich und legte sich auf den Bauch und tauchte in den Boden, um Sekunden später Jona durch den Boden in unseren Raum zu ziehen, triefend nass und nach Luft ringend.

Mit Hilfe dieses tragbaren "Lochs" gelang es uns, wieder nach oben zu gelangen. Während der Kletterpartie, die aus Räuberleiter, Sprüngen und Kriechen bestand, erzählten uns Tiriel und Baal, dass sie sich durch den Tyrannostempel gekämpft hatten um nach einer Möglichkeit zu suchen, wie sie uns retten könnten. Beide waren von zahlreichen Kämpfen zerschunden und verwundet. Im Zimmer eines Priesters entdeckten sie schließlich dieses Artefakt.
An dieser Stelle war ich froh über Tiriels Amateurwissen was Magie angeht - kombiniert mit ihrem Erfindungsgeist wusste sie das Artefakt zu benutzen. Welch mächtige Magie dieses Tuch birgt!

Unsere Aufgabe, den Yasil von Thay zurückzubekommen, konnte fortgesetzt werden.
Als wir den Keller des Lindwurmturms verlassen wollten, hörten wir allerdings ein Tumult jenseits der Treppe nach oben.
Die Wachen waren alarmiert! Jona versperrte das Schloss der Tür zur Treppe, was uns etwas Zeit verschaffen sollte.
Wir entschieden uns dafür, nochmal zu versuchen in den Raum hinter der Aufzugfalle zu gelangen. Mit Hilfe des Tuches (und einiger weiterer Kletterpartien) gelang uns das auch.
Dort lag er vor mir, tiefrot und wunderschön!

Es gab keine weiteren Ausgänge, außer einer Art Tor, das aber zugemauert schien. Dank meiner Magie (die fast erschöpft war) erkannte ich dass es sich um ein Portal handeln musste - ein magisches Tor, welches zu einer anderen Stelle im Turm, ans andere Ende der Welt oder sogar in eine andere Ebene führen könnte.

Ich nahm den Yasil an mich und wir überlegten, wie wir den Turm wieder verlassen sollten. Da bot sich als beste Möglichkeit der gleiche Weg an, über den wir auch hineingelangt waren.
Doch gerade als wir durch die Tür den Raum verlassen wollten hörten wir aufgeregte Stimmen und den Aufzug rumpeln. Es waren viele Stimmen - sehr viele.
Wir diskutierten aufgeregt, aber es schien wohl auf eine Schlacht hinauszulaufen. Tiriel konnte sich aber gar nicht dafür erwärmen und schritt kurzerhand durch das Portal, bevor noch jemand etwas sagen konnte.
Wie leichtsinnig! Das Portal könnte den sicheren Tod bedeuten! Oder schlimmeres...
Jona zuckte mit den Schultern und ging Tiriel hinterher. Baal winkte mir und folgte Jona.
Wütend und fassungslos blieb mir keine andere Wahl als meinen Gefährten zu folgen, denn ich hörte, wie sich die Tür öffnete. Kurz bevor ich das Portal betrat, blickte ich noch mal über meine Schulter und sah eine große sphärenförmige Kreatur in den Raum schweben. Mir war als würde ich Dutzende Augen an seinem Körper sehen... Dunkelheit.


Licht! Ich war kurz geblendet - Tageslicht!
Ich blinzelte und als sich meine Sicht klärte sah ich dass wir an einem mir unbekannten Ort waren. Meine vorangegangenen Gefährten waren alle anwesend und sahen sich auch verwundert um.
Verwittertes Gemäuer umgab mich und durch hohe Bögen und die fehlende Decke konnte man nach draußen sehen. Ein dichter, grüner Dschungel war dort zu sehen der sich bis zum Horizont erstreckte, beleuchtet durch die tiefstehende Abendsonne. Der Himmel war klar und die frische Luft angenehm warm. Die schwache Brise umwehte meine Nase und die Anspannung fiel von mir ab.
Nur um schlagartig zurückzukehren als mir wieder einfiel was eben noch geschah und wo wir eben noch waren. Ich wirbelte herum und sah - nichts. Kein Portal. Ich runzelte die Stirn - offensichtlich ein Einwegportal.

Meine Gefährten und ich machten uns darauf gefasst dass unsere Häscher uns durch das Portal folgen würden doch das taten sie nicht. Wir warteten einige Minuten doch nichts geschah.
Unter meiner Robe umklammerte ich den roten faustgroßen Edelstein mit Euphorie - wir hatten es geschafft!
Plötzlich fiel mir auf dass mir einige magische Gegenstände fehlten - nein alle! Genauso ging es meinen Gefährten. Das muss wohl eine Nebenwirkung des Portals gewesen sein. Naja, so große Verluste hatten wir nicht... Bis auf das unglaublich mächtige schwarze Tuch. Verdammt.
Etwas zerknirscht begannen wir die Ruine zu erkunden.

Wir kamen zu dem Schluss dass das hier einst ein Tempel gewesen sein muss, längst verfallen und von den Göttern verlassen.
Interessant war auch, dass wir keine Ahnung hatten wo wir uns befanden. Die Vegetation war völlig anders als in der Mondseeregion und auch das Klima war bedeutend wärmer. Wir mutmaßten dass wir irgendwo weit in den Süden Faerûns teleportiert worden sind, aber für eine genauere Bestimmung fehlten uns die Anhaltspunkte.
Ich war froh dass wir dem Lindwurmturm entkommen sind und das bekommen haben, was wir wollten, aber dieser riesige Dschungel der sich rings um uns erstreckt gab mir auch irgendwie das Gefühl komplett verloren gegangen zu sein...

Wir berieten uns gerade auf dem großen zentralen Platz der Tempelruine wie wir nun weiter vorgehen wollen, da geschah plötzlich etwas.

Ein dumpfes Grollen war zu hören, der Boden zitterte und in der Dämmerung schien die Luft plötzlich zu flimmern. Erschrocken machten wir uns kampfbereit, aber der Kampf um das Gleichgeweicht stellte sich als das Wichtigste heraus. Wir taumelten umher, während Steine von den Mauern bröckelten und Risse den Boden durchzuckten.

Was dann geschah lässt mich jetzt, wo ich diese Zeilen niederschreibe, immer noch schaudern.
Meine Erinnerung an dass, was geschehen ist, liegt wie hinter einer dichten Nebelbank. Trüb und verschleiert ist sie, doch ich versuche es zu beschreiben.

Es materialisierten sich zwei Gestalten vor uns. Humanoid. Riesig. Ein Mann und eine Frau.
Ich hatte plötzlich einen Kloß im Hals und meine Zunge fühlte sich geschwollen an. Meine Knie wurden weich und meine Hände zitterten. Meine Augen füllten sich mit Tränen und ich sah nur verschwommen wer da vor uns stand.
Aber ich wusste es trotzdem.

Die Frau sprach zu uns mit einer melancholischen Stimme, weich und angenehm. Die Worte wollen mir nicht mehr so recht einfallen, aber ich sah wie meine Gefährten in Demut auf die Knie sanken. Ich blieb stehen, aber meine Ehrfurcht war ungebrochen. Jona gab ihr irgendetwas. Bläuliches Licht umgab sie.

Dann sprach die männliche Gestalt. Metergroß überragte sie mich und ihre sonore Bassstimme dröhnte in meinen Ohren, klar und ohne jeden Zweifel entschlossen.
Sie sprach zu mir.
Sie verlangte etwas von mir.
Ich wusste schon vorher was es sein wird.
Ohne Zögern holte ich den Jasil von Thay heraus und legte sie der Gestalt zu Füßen. Ich tat es gerne. Aus freiem Willen.
Die Gestalt hob den Stein auf. Rötliches Schimmern umgab sie.
Dann waren beide plötzlich fort.

Ich blinzelte - und da standen wir nun im glutroten Licht der untergehenden Sonne, vier junge Abenteurer, die in etwas hineingeraten sind dass sie kaum zu begreifen vermögen, mitten im Nirgendwo, allein und unglaublich winzig.