Reisetagebuch
 
Dhune Nevyhr, Reisetagebuch
5. Nachtal 1359 T.Z.

Was für eine Reise.
Es kommt mir vor, als wenn ich schon Wochen hier unten bin, dabei reisen wir gerade mal wenige Tage durch das Unterreich.

Anstrengende Kämpfe liegen hinter mir; ich bin restlos erschöpft. Ich habe ein wenig Zeit gefunden eilig einige Dinge niederzuschreiben, bevor ich schlafen und mich ausruhen muss.
Wir haben es geschafft, in den Kiaransaleetempel einzudringen - Andarell entdeckte zufällig einen Zauberstab des Magiebannens unter ihrer Ausrüstung (wobei mir es auf ewig ein Rätsel bleiben wird, wie sie den Stab vergessen konnte). Mit ihm konnte sie das mächtige Kraftfeld aufheben und uns Zutritt verschaffen.
Wir stießen in den Tempelgängen auf heftigen Widerstand: Untote Bestien - ehemals Priesterinnen der Lolth, jetzt gehäutete Diener der Kiaransalee - fielen über uns her. Die vielen Kämpfe rieben uns auf und verbrauchten unsere Kräfte.
Wir drangen weiter und weiter in das Herz des Tempels vor und befreiten dabei eine gefangene Drow aus den Fängen zweier Vampire, ebenfalls Untergebene Kiaransalees. Ihr Name ist Dessa - eine Kämpferin mit dem alten Glauben Lolths.
Andarell heilte sie - Spuren der Folter entstellten ihren schlanken, muskulösen Körper. Nach einigen Überlegungen nahmen wir sie mit uns und gaben ihr Ausrüstung. Ihre Kenntnis des Unterreichs und ihre Verbindungen hier unten werden uns noch gute Dienste leisten. Ich bin trotzdem froh dass Baal sie nicht aus den Augen lässt.
Sie berichtete uns von zwei wichtigen Persönlichkeiten, die hier im Tempel wohnen sollen: Zum einen das Tempeloberhaupt Dorina - eine mächtige Kiaransaleepriesterin, und ihr Bruder Zedarr - ein gefährlicher und berüchtigter Drowkrieger. Ihm wird nachgesagt für die aktuellen Angriffe auf die Oberwelt verantwortlich zu sein.

Mit diesen Informationen und dem Wissen auf dem richtigen Weg zu sein begaben wir uns tiefer und tiefer in den Tempel.

Ich habe mich schon so an die Fähigkeit der Dunkelsicht gewöhnt, die mein Zauber mir verleiht, dass ich sie schon gar nicht mehr bewusst wahrnehme.

Außerdem haben mich die ständigen Kämpfe ziemlich abgestumpft, ich ertappe mich immer wieder versunken in einem Zustand der Leere und Emotionslosigkeit...

Dann stießen wir auf Zedarr. Wir hatten Glück im Unglück er war alleine - ohne Gefolgsleute, allerdings bis auf sein Haustier. Eine mächtige magische Kreatur, ebenso gefährlich wie selten. Ein infernalischer Tiger mit den Fähigkeiten einer Versetzer-Bestie.
Der Kampf war heftig, aber von recht kurzer Dauer. Baal ging zu Boden, wurde dann aber von Andarell geheilt, bevor er verblutete. Es gelang uns sowohl die Bestie als auch ihren Meister zu töten. Dessa kämpfte in einer Art Kampfrausch - jedes taktische Kalkül schien ihr abhanden gekommen zu sein, was sie aber mit schierer Gewalt und Wildheit wieder wett machte. Interessant.
Somit erfüllten wir einen Teil des Auftrags von Randal Morn - die Angriffe auf die Oberwelt sind wahrscheinlich für einige Zeit unterbunden und Dolchtal kann sich voll und ganz auf den Krieg konzentrieren.

Völlig erschöpft und ohne jegliche offensive Zauber in meinem Repertoire wies ich meine Gefährten darauf hin, dass es an der Zeit wäre zu rasten. Zu meiner Bestürzung entschieden diese sich im Blutrausch zum Weitermachen - nur Andarell zeigte Zeichen der Vernunft, wirkte aber nicht so durchsetzungsstark wie gewöhnlich. Ich ließ noch ein paar mal meine Einwände verlauten, stieß aber bei den dumpfen Kriegern auf taube Ohren.
Also lud ich verbittert meine Armbrust und wir gingen weiter.

Wir stießen auf eine gewaltige Doppeltür, welche mit einer magischen Falle versehen war, die Jona entschärfen konnte. Faszinierend zu beobachten wie er immer wieder über sich hinaus wächst - damit hatte ich nicht gerechnet. Die Magie der Schutzglyphen war sehr mächtig. Etwas sehr bedeutendes musste hinter dieser Tür liegen...

Was wir im schwarzen Turm richtig gemacht hatten, versäumten wir hier zu wiederholen - im Tempel eines der finstersten Mächte der Reiche.

Dorina erwartete uns.

Sie saß auf einem Thron, welcher auf einer mehrere Meter hohen Säule ruhte. Sie verspottete uns, lachte uns aus. Jona benutze seinen Blitzstab, aber ohne Wirkung. Connavar schoss Pfeile auf sie ohne sie zu verletzen. Ich feuerte meine Armbrust ab, aber auch ich konnte ihr keinen Schaden zufügen.
Plötzlich rief Andarell "Rückzug!" und rannte davon. Wir sahen uns alle kurz an, die Verunsicherung war groß - und folgten ihr.

Bei Azuth - wir waren völlig am Ende, unorganisiert und ohne Schlagkraft.
Wir zogen uns einen Gang weiter zurück und berieten uns kurz. Jona faselte etwas von einer Illusion... Dann viel mir auf dass Baal und Dessa nicht mitgekommen waren. Jona und ich liefen zurück und hörten schon Kampfgeräusche. Baal war nirgends zu sehen und um die Säule wirbelte ein Sturm aus Schwertern. Wahrlich machtvolle Magie! Dessa humpelte uns schwer verwundet entgegen und schrie wie am Spieß und beschimpfte uns als Feiglinge. Ich wusste nicht was ich tun sollte, also verschaffte ich uns erst mal etwas Zeit in dem ich einen Mephit beschwor und ihn in den Raum mit der Oberpriesterin schickte. Jona schrie wieder etwas von einer Illusion! Ich kniff die Augen zusammen aber ich konnte nichts entdecken. Was meint er bloß?
Wir liefen noch ein paar mal hektisch hin und her und plötzlich flimmerte der Thronsaal kurz und die Säule mit dem Thron verschwand.

Das Bild was sich uns bot, ließ das Blut in meinen Adern gefrieren. Dorina war über Baal gebeugt und schien Blut aus seinem Hals zu saugen - schon wieder ein Vampir! Jona, Dessa Horken und Andarell stürmten in den Nahkampf, während Connavar und ich die Kiaransaleepriesterin mit Pfeilen und Bolzen eindeckten.
Plötzlich gab es einen Flammenstoß genau dort wo Dorina stand und von Dessa war nicht viel mehr als ein Haufen Asche übrig. Mir wurde flau im Magen und ich schmeckte Blut auf meinen Lippen.
Verbissen schossen Connavar und ich Pfeil um Bolzen auf die Vampirfürstin. Ein grotesk ruhiges Gespräch entwickelte sich:

Dhûne: "Du weißt dass wir sie pflocken müssen."
Connavar: "Ja."
Dhûne: "Sie wird sich in Nebel auflösen und uns später wieder heimsuchen, wenn wir es nicht riskieren sie zu erledigen."
Connavar: "Ich weiß"
Dhûne: "Dann los."
Connavar: "Du hast recht."

Connavar schulterte seinen Bogen und sprintete auf das Kampfgetümmel zu. Ich wollte gerade einen weiteren Bolzen abfeuern, als ich sah wie die Vampirin Jona die Hand auf die Brust legte und ein unheiliges Gebet murmelte. Jona versuchte noch sich aus dem eisigen Griff zu winden aber er war nicht schnell genug. Jona wurde von einer Sekunde zur nächsten aschfahl im Gesicht und brach reglos zusammen. Baal lag immer noch hilflos zu Füßen der dunklen Fürstin.
Ich hatte einen Kloß im Hals und versuchte sauber zu zielen. Ich bemerkte dass Horken bereits mit einem Pflock auf die Fürstin einstach, als Connavar ebenfalls mit einem Pflock bewaffnet in den Kampf einstieg. Sie nahmen die Fürstin in die Zange und nach einem kurzen Handgemenge gelang Connavar ein glücklicher Stoß von hinten durch das Herz der Vampirfürstin.
Horken fackelte nicht lange und schlug ihr mit seiner Axt den Kopf ab, worauf Dorina zu Staub zerfiel.

Tödliches Schweigen erfüllte den Raum. Andarell fühlte den Puls von Jona und schüttelte nur den Kopf.

Baal kam auch wieder zu sich und heilte erst mal einige seiner Wunden, damit er sich überhaupt wieder bewegen konnte. Während ich Dessas Überreste in einen Beutel packte (ich war gerade wieder in diesem emotionslosen Zustand) vollführte Andarell ein mächtiges Gebet an Beronnar und hauchte neues Leben in Jonas toten Körper.
Annerkennend verneigten wir uns alle vor ihr und beglückwünschten Jona zum neuen Leben.

Wir plünderten noch Dorinas Habseligkeiten (es war nicht sehr viel) und zogen uns dann in Zedarrs Gemach zurück, um endlich zu rasten. Baal platzierte noch Zedarrs Leichnam vor der Tür als Abschreckung, welche Jona dann verriegelte. Ob sich Untote davon abschrecken lassen bezweifle ich allerdings.

Mir fallen die Augen zu, ich muss ausruhen.