Reisetagebuch
 
Dhune Nevyhr, Reisetagebuch
9. Nachtal 1359 T.Z.

Es gibt Kreaturen die finsterer und grausamer sind als ich sie in meinen schwärzesten Fantasien mir vorzustellen im Stande bin. Wo alleine der Anblick schon reicht, gegen den aufsteigenden Wahnsinn kämpfen zu müssen. Wo das eigene Leben, an das man sich krampfhaft festkrallt, wie das Licht einer Kerze im Sturm erscheint.

So einer Kreatur standen wir gegenüber. Wir konnten sie nicht besiegen, nur entkommen.

Ich sitze im Gasthaus 'Zum alten Schädel' in Schattental. Ein warmes Feuer brennt im Kamin, laute Stimmen und Konversationen bilden eine ungewohnte Geräuschkulisse. Überhaupt erscheint mir die gesamte Situation nach den vergangenen Tagen im Unterreich völlig irreal. Völlig geschwächt und fast unserer gesamten Lebenskraft beraubt harren wir nun in diesem Gasthaus aus, um am morgigen Tag Hilfe und Heilung im naheliegenden Lathander-Tempel zu erhalten.
Dass Horken, Andarells getreuer Gefolgsmann, nicht an unserer Seite sitzt, lastet schwer auf meinen Schultern. Ich hoffe er schafft es auszuharren, an jenem finsteren Ort den wir vor kurzem verließen, bis wir wieder die Kraft haben unsere Mission fortzusetzen und zu ihm zurückzukehren. Wären meine magischen Kräfte doch nur größer gewesen, dann wäre ich im Stande gewesen, ihn mit hierher zu bringen.

Nachdem wir die ersten geflügelten Wächter besiegt hatten, begannen wir die Schlucht hinauf zu fliegen. Unsere fliegenden Teppiche stellten sich aufs Neue als unschätzbaren Fund heraus auf unserer Reise durchs Unterreich.
Wir fanden die Lagerstätte der Kreaturen in einem Seitenarm des senkrechten Schachts. Wir untersuchten vorsichtig die kleine Höhle und fanden auch einige nützliche Gegenstände.
Auch hier in den Höhlen und Schächten war überall zu sehen, dass die Schattenebene mit der materiellen Ebene verschmilzt. Wabernde dunkle Flecken tauchten aus dem Nichts auf und verschwanden wieder. Die Präsenz des Drachen der Schatten, Glouroth, von dem uns die Steinriesen berichtet hatten, war deutlich zu vernehmen.
Wir erkundeten den Schacht weiter aufwärts und entdeckten einen weiteren Seitenarm. Gerade als wir ihn untersuchen wollten, tauchten aus ihm einige Gestalten auf.
Kampfbereit erwartete ich den Beginn einer weiteren der zahllosen Schlachten, die wir hier im Unterreich geschlagen hatten, doch eine der Kreaturen, es handelte sich wieder um diese geflügelten, Gargoyle-ähnlichen Wächter, sprach zu uns in der arkanen Sprache.
Da ich der einzige bin, der des drakonischen mächtig ist, wurde ich unfreiwilliger Wortführer.
Während die Kreatur, ihrer Stimme nach ein Weibchen, sich langsam auf ledernen Schwingen näherte, konnte ich dank meiner Dunkelsicht mehr Details von ihr erkennen. Sie war größer als ihre Gefolgsleute und ungleich hässlicher. Schwarze Schuppen bedeckten ihren Körper und zwei dämonische Hörner ragten aus ihrem reptilienartigen Kopf. Wabernde Schattenflecken hafteten an ihr -- die Schattenebene war Teil dieser Kreatur oder eher umgekehrt. Der Anblick ließ mir das Blut in den Adern gefrieren, doch ich biss die Zähne zusammen und versuchte einen kühlen Kopf zu behalten.

Das Gespräch brachte wenig. Sie stellte sich als die Tochter des Schattendrachens Glouroth vor. Ein finsterer Mischling, der mit ihren Anhängern diesen Teil der Schlucht verteidigte. Ich versuchte eine Geschäft mit ihr auszuhandeln, aber ihr Preis uns ziehen zu lassen, zwei unserer Leben, erschien mir etwas zu hoch. Ich diskutierte noch etwas weiter mit ihr und sie bot uns nach einer Weile an, wenn wir ihren Vater, den Drachen, den sie über alles hasse, töten würden, wäre uns freies Geleit sicher. Ich ging auf den Vorschlag ein, wohl wissend dass ich die Konfrontation mit Glouroth um alles auf Faerûn zu verhindern wissen würde. Leider hatte sie geblufft. Aus ihrem "Gesicht" waren aber auch keinerlei Gefühlsregungen oder Mimiken zu entnehmen. 
Sie griffen an.

Ein heftiger Kampf entbrannte, wobei sich dieses fiese Miststück mich als ihr Primärziel rausgepickt hatte. Ihr Angriff bestand aus einer Art Schattenodem, der einem die Lebenskraft entzieht. Sie erwischte mich leider einmal, aber Andarells Kräfte sind stark, bei der nächsten Rast kann sie hoffentlich Beronnars Kraft anrufen um mich zu heilen.
Uns gelang es, siegreich aus der Schlacht zu treten. Erwähnenswert wäre nur dass ich Horkens Leben mit einem Federfall-Zauber retten konnte, da er von einem der Geflügelten vom Teppich gerissen wurde. Mein Tentakelzauber erwies sich auch wieder einmal als äußerst effektiv. Ich überlege, ob ich, sollte ich in diesem Leben noch einmal Zeit für Studien und Forschung bekommen, den Zauber eventuell weiterentwickeln soll...

Wir untersuchten ebenfalls deren Lagerstätten, nachdem wir Horken vom Grund des Schachtes aufgelesen hatten. Die abgestürzten Leichname der Kreaturen bargen auch einiges an magischen Gegenständen.
Wir überlegten ob wir weiterreisen sollten, doch wir wussten das Glouroth ganz in der Nähe war. Jona zog als Späher los um die Lage weiter oben im Schacht auszuloten, während wir etwas unterhalb schwebten, allesamt unter Wirkung der Dunkelelfen-Flugtränke. Nach kurzer Zeit hörten wir eine dunkle, grollende Stimme etwas rufen. Die Stimme Klang wie das Verderben selbst. Jona kam kurze Zeit später aufgeregt zurückgeflogen und warnte uns, wir sollten zurück in die Höhle eilen. Er hatte die Aufmerksamkeit des Drachen erregt.

Wir zogen uns zurück und harrten in der Finsternis, wissend dass die Dimensionen des Ganges nicht genug Raum für einen Drachen boten. Wenig später hörten wir draußen das Schlagen von großen ledernen Schwingen. Und eine grollende Stimme: "Wie Ratten im Loch verstecken sie sich. Kommt doch heraus, dann können wir uns unterhalten." Die Stimme sprach drakonisch. Ich für meinen Teil hatte keine Zweifel, wer da zu uns sprach.
Ich hielt die Luft an und lauschte. In dem Moment fiel mir auf, dass mich alle anstarrten.
Das war das erste mal in meinem Leben, wo ich es bereut hatte, die Künste der Magie erlernt zu haben.
Ich seufzte kurz und begann eine Konversation mit dem Drachen.

Da dieses Gespräch mich an die Grenzen meines Verstandes getrieben hat, möchte ich nur erwähnen dass man es auf jeden Fall unter allen Umständen vermeiden sollte, überhaupt mit ihm eine sinnvolle Unterhaltung zu führen.
Die kurze Zusammenfassung ist, dass er wollte das wir herauskommen, wir es aber nicht taten weil wir ihm nicht trauten. Das ganze zog sich ungefähr eine halbe Ewigkeit hin (ca. zehn Minuten).
Dann ertönte plötzlich eine dunkle Glocke von weit unten. Wir erinnerten uns, dort eine große Eisenglocke gesehen zuhaben - die wohl für eine Art Transportsystem gedacht ist.
Der Drache rief etwas wie "Oh, Besuch, wer mag das wohl sein?" und wir hörten sich entfernende Flügelschläge.
Da wir alle seine Wächter getötet hatten und die Psyche des Drachen nicht die stabilste zu sein schien, war uns klar dass es durchaus möglich war, dass er tatsächlich nachschaut was da vor sich geht. Außerdem hatten wir ja noch eine Kompanie untoter Drow im Nacken.
Wir fackelten nicht lange und packten die Gelegenheit beim Schopfe, die Flugtränke wirkten immer noch.
Wir flogen los und lagen leider völlig falsch.
In den Bruchteilen von Sekunden, die uns noch blieben, kreiste in meinem Kopf noch der Gedanke umher, dass das Glockengeräusch wohl eine ziemlich billige Illusion gewesen sein könnte. Zwei große, grüne Reptilienaugen blickten uns am Rand des Abgrundes entgegen.

Der Kampf war ein Albtraum. Der Odem des Drachen war ähnlich dem seiner "Tochter", jenem abscheulichen Mischling, den wir kurz vorher noch getötet hatten. Schatten, schwärzer als die Nacht hüllten uns ein und ich spürte wie meine Kraft mich verließ. Worte von Zaubern auf meinen Lippen erstarben, es fühlte sich an als würde mich eine unsichtbare Last erdrücken. Im Augenwinkel sah ich Connavar seinen Bogen fallen lassen und auf die Knie sinken, Andarell benutze ihren Zauberstab und hüllte den Drachen in heiliges Feuer, doch ohne große Wirkung. Jona ließ die Peitsche knallen, doch diese prallte an der schuppigen Haut des Drachen ab. Mit letzter Kraft retteten wir uns zurück in die Höhle (ein Glück auch Connavar, ich dachte dass er mit seinem Leben abgeschlossen hatte) -- und versteckten uns wie Mäuse vor einer Katze.

Wir konnten kaum noch aufrecht stehen, nur Jona ging es noch verhältnismäßig gut. Draußen hörte man den Drachen wieder rufen und uns zu einer Diskussion ermuntern.
Die Lage sah nicht gut aus. Andarell war so geschwächt dass sie keinerlei Gebete mehr sprechen konnte, die unsere Kräfte hätten zurückkehren lassen. Wir saßen in der Falle.

Ich unterhielt mich noch eine Weile mit dem Drachen, aber das war so ziemlich das sinnloseste Unterfangen, dessen ich je meine Aufmerksamkeit gewidmet habe.
Irgendwann flog der Drache davon. Behauptete er jedenfalls.

Ich fing an unsere Möglichkeiten durch zu gehen. Ich grübelte und tauschte mich mit Jona aus. Schließlich offenbarten wir einen Plan. Ich hatte auf meinem Ring des Tyrannos noch eine Dimensionstür gespeichert. Dieser Zauber könnte uns -- wie er es zuvor schon einmal getan hat -- an die Oberfläche bringen. Wir haben sorgsam unsere Karten studiert und glaubten zu wissen, wo wir ungefähr sein würden -- südöstlich von Schattental, nicht mehr als 25 Meilen entfernt. Connavar, der aus der Gegend stammt, bestätigte dies. Luftlinie und fliegend könnten wir die Stadt schnell genug erreichen, Heilung empfangen und uns neu ausrüsten. Danach würde ich uns zurück an unseren Ausgangspunkt teleportieren und dann unter die Oberfläche. Wissentlich mit dem Dimensionstür-Zauber, da ich unangenehme Erfahrungen mit echter Teleportation in der Unterwelt gemacht habe.
Ein brillanter und verwegener Plan, der erst durch das Gespür der Zwerge in unterirdischen Gefilden realisierbar wird. Andarell und Horken konnten mir eine exakte Entfernungsangabe zur Oberfläche machen - ein wichtiges Kriterium für die Durchführung meines Zaubers...
Leider hatte der Plan einen Haken. Der Zauber war nicht stark genug uns alle nach oben zu bringen. Einer musste hier bleiben.

Kurz um, wir ließen Horken zurück. Zu meiner Überraschung gab Jona ihm seinen Ring der Unsichtbarkeit und wir ließen ihm einige Rationen -- mehr als genug für einen Tag -- wir hatten ja nicht vor länger weg zu bleiben. Da unsere Mission vom Scheitern bedroht war, hatten wir keine andere Wahl. Wir führten den Plan aus.

Er funktionierte.

Und jetzt sitze ich hier von fröhlichen Menschen, Elfen, Halblingen, Zwergen und Gnomen umgeben in einem Wirtshaus und kann an nichts anderes denken als daran, dass die Maus ihren Teil zu spielen hat und zurück in ihr Loch muss.