Reisetagebuch
 
Reisebericht von Jonathan Schreiber
26. Eleint 1359 T.Z.

Tymora sei Dank! Wir sind dem Steinzahn entkommen. Und bei Tymora, was für eine knappe Angelegenheit! Wie Ratten durch ein Abwasserrohr sind wir aus dem Berg geschwemmt worden und Nachtschuppe dabei nur um Haaresbreite entkommen.

Doch sollte ich wohl eins nach dem anderen berichten, damit die Nachwelt und meine verehrten Kollegen in Yhaunn den Ereignissen zu folgen vermögen. Ich befinde mich gerade mit meinen Gefährten in Lohental in der Gaststätte „Zum Greifennest“. Endlich haben wir wieder ein Dach über dem Kopf, sind in der Gesellschaft von Menschen, haben einen Krug Met auf dem Tisch und eine warme Mahlzeit im Bauch. Sarel, die gut aussehende Wirtin des Greifennestes, lässt uns einmal mehr die Gastlichkeit ihres Hauses spüren. Auch wenn die Umstände jetzt ganz anders sind, als bei unserem ersten Aufenthalt hier. Ich habe das Gefühl, dass Sarel meinen Avancen nicht ganz abgeneigt ist. Sie hat momentan zwar alle Hände voll zu tun, doch dieses Lächeln, das sie mir vorhin zugeworfen hat... wie dem auch sei, ich schweife ab.

Nachdem wir mit dem Drachen Nachtschuppe verhandelt hatten und er uns so einiges Interessantes über unseren Gefährten Baal mitgeteilt hatte, kletterten wir zuerst einmal wieder empor in die Zwergenbinge. Dort legten wir in der alten Bibliothek eine Rast ein. Nach dieser Rast schickten wir uns an, das Werk des Drachen zu begutachten. Er hatte nicht sehr erfreut auf die Nachricht reagiert, dass die Duergar uns beauftragt hatten, ihn zu töten. Er wollte den Dunkelzwergen dieses Ansinnen wohl mit gleicher Münze zurückzahlen.

Von der Bibliothek aus drangen wir durch einen schon zuvor entdeckten Geheimgang in das ehemalige Schlafgemach Durgeddins vor. Diesen Raum hatte Nimira, die Anführerin der Duergar, für sich beansprucht. Doch in diesem Raum fanden wir keine Spuren des Kampfes zwischen Duergar und dem Drachen. Der Raum war bis auf die uralte und halb zerstörte Einrichtung Durgeddins und Nimiras Schlafrolle leer... fast leer. Unsere immer neugierige Tiriel fand hinter Durgeddins altem Bett ein kleines Loch in der Wand. Als ich dieses Loch genauer in Augenschein nahm, fiel es mir nicht schwer einen alten Mechanismus zu finden, der ein Geheimfach freilegte. In diesem Fach konnten wir Durgeddins Streitaxt, einige Tonphiolen und einen merkwürdigen Stein finden – Andarell schien insbesondere über diesen Stein erfreut zu sein. Sie murmelte irgendetwas von „Schmiedestein“ und schien ihm regelrecht religiöse Andacht entgegen zu bringen... Zwerge!

Von dem ehemaligen Quartier Durgeddins aus gingen wir in Richtung Thronsaal und dort sahen wir das Werk des Drachen. Unseren Augen bot sich ein schrecklicher Anblick dar. Im Thronsaal lagen die Leichen mehrerer Duergar, kaum noch zu erkennen von der Säure des schwarzen Drachen teilweise bis auf die Knochen verätzt. Auf dem Thron saß die blutige Leiche Nimiras, die toten Finger immer noch um ihr Doppelklingenschwert gekrallt. Hier hatte der Drache gewütet und mit seiner Säure den Tot verspritzt. Auch die Säulen der Halle waren von diesem Kampf gezeichnet.

Wir folgten der Spur der Zerstörung in die ehemaligen Schmiedehallen, die die Duergar als ihre Wohnstätten benutzt hatten. Auch hier fanden wir die Leichen einiger Duergar und die verkohlten Reste Snorrevins, der in seinem Todeskampf in ein Schmiedefeuer gestürzt war. Auffällig war, dass eines der Schmiedefeuer nicht brannte. Wir untersuchten die erloschene Esse und fanden Snorrevins Wertgegenstände, die er dort wohl kurz vor seinem Tod verborgen hatte: ein Rubinhalsband, ein Glasfläschchen und einen Beutel mit Gold und Silber. Baal konnte in den Spuren des Kampfes wie in einem Buch lesen und uns so mitteilen, dass einige der Duergar vor dem Drachen fliehen konnten. Ich nehme an Garret war unter ihnen. Sie schien mir gerissen genug diesem Blutbad zu entkommen und vielleicht noch ihren Nutzen daraus zu ziehen... Die drei Durgeddin-Hämmer hingen noch an Ort und Stelle. Hatte der Drache sie für uns zurückgelassen? Oder hatte er einfach kein Interesse an ihnen gehabt?

Unser Auftrag in der Zwergenbinge war damit erledigt und wir standen vor einer schwierigen Entscheidung. Entweder könnten wir die Binge verlassen und nach Mulmaster zurückkehren, um Selfaril die Durgeddin-Waffen zu bringen und unseren Auftrag damit zu beenden. Dabei würden wir wahrscheinlich in die politischen Intrigen Mulmasters hineingezogen werden. Und außerdem würden wir immer noch einen Drachen im Nacken haben, der von uns in drei Monden die Auslieferung Baals erwartete. Oder wir könnten den Drachen jetzt sofort stellen. Zwar würden wir ihn dann in seiner eigenen Höhle bekämpfen müssen und er hätte den Heimvorteil. Doch wäre es gut möglich, dass er nach dem Kampf mit uns und den Duergar ziemlich geschwächt wäre.

Nach einer bestimmt zweistündigen Beratung entschlossen wir uns dazu, noch einmal zu dem Drachen hinabzusteigen und mit ihm zu reden. Das sollte fast der Anfang unseres Endes werden und uns in tödliche Gefahr bringen.

Lache niemals über einen Drachen, vor allen Dingen wenn er noch lebt.

Wir kamen also abermals an den unterirdischen See des Drachen und riefen ihn an: „Eure Nachtschuppigkeit, wir wollen mit euch reden.“, „Wollt ihr Baal tot oder lebendig“ und schließlich sogar „Wir haben Baal hier bei uns!“ Keine Reaktion des Drachen. Nur das Rauschen des Wassers. Da wurden wir wagemutig und Dhune legte einen Zauber auf Baal, so dass er fliegen konnte. So erkundete Baal die Höhle, fand zwar keine Spur vom Drachen, sehr wohl aber den Drachenhort. Von dieser Exkursion brachte Baal eine Zwergenstreitaxt, einen Zauberstab, einen verzauberten Zwergenschild, fünf Edelsteine, eine schwarze Perle und drei Phiolen mit. Oh, fühlten wir uns so gut und übermütig nach dieser Tat. Wir hatten es dem Drachen gezeigt. Wir hatten seinen Hort geplündert. Und die dumme Echse konnte nichts dagegen tun. Unser einziges kleines Problem war, dass wir, um wieder aus der Höhle zu gelangen, acht Stunden rasten mussten. So lange brauchte Dhune, um die Zauber zu memorieren, die uns aus der Höhle bringen würden.

Am Ende dieser Rast hörten wir ihn dann: den Drachen! Dhune hatte gerade sein Zauberbuch zugeklappt, da hörten wir ein Platschen und das Rauschen von Schwingen und dann die bösartige Stimme des Drachen. Er wisse, dass wir noch hier seien, wir erbärmlichen Diebe. Er könne unsere Angst riechen. Wir hätten uns mit dem Falschen angelegt und nun würde unser letztes Stündlein schlagen...

Und dann fing das Wasser um uns herum an zu steigen. Schein ein übles Hexenwerk von Nachtschuppe. Höhnisch rief er uns zu, dass wir jetzt wohl ertrinken würden, wenn wir nicht wie er Wasser atmen könnten. So schnell wie möglich wirkte Dhune auf jeden von uns Spinnenklettern und auf sich selbst Fliegen. Doch versperrte uns der Drache den Weg nach oben. Wir würden nicht lebend an ihm vorbeikommen. Verzweifelt machten wir uns auf den Weg in die Drachenhöhle, in der Hoffnung, dass es dort einen anderen Ausgang geben möge. Und tatsächlich konnten wir dort, wo das Wasser aus dem See geströmt war, bevor er gestaut worden war, einen unter der Wasseroberfläche liegenden Gang entdecken. Und dank Andarell konnten wir diesen Gang auch erreichen. Denn ihre Göttin verlieh uns die Fähigkeit unter Wasser zu atmen. Also folgten wir diesem Gang und fanden nach einiger Zeit unter den eiskalten Wogen den Grund dafür, dass das Wasser des Sees gestiegen war. Mit einem einfachen Holztor hatte Nachtschuppe den Abfluss gestaut. Baal zerrte dieses primitive Tor bei Seite und dann schien die Welt nur noch aus strömendem Wasser und schnell dahinschießenden Felsen zu bestehen.

Ich weiß nicht wie lange der eisige Weg in den strömenden Fluten dauerte. Irgendwo schlug ich mir böse den Arm an, hatte Mühe meine Ausrüstung an mir festzuklammern und nicht das Bewusstsein zu verlieren. Doch Tymora war uns gnädig. Wir wurden alle mehr oder weniger unbeschadet aus den Tiefen des Berges empor geflutet und fanden uns in einem Bergsee am Fuße des Steinzahnes wieder. Diesen Bergsee hatten wir schon vor Tagen vom geheimen Gang auf halber Höhe des Berges aus gesehen. Wir waren alle nass bis auf die Haut, doch lebten wir. Tiriel hatte in den eisigen Fluten ihren Rucksack und Andarell den Zwergenschild verloren. Sonst schienen alle soweit unversehrt. Nur Dhune war merkwürdig still und betrübt. Wir machten uns auf den Weg zu dem geheimen Seiteneingang in den Berg, den wir oberhalb des Sees vermuteten. Doch kam uns der Drache zuvor. Er folgte uns durch den Bergsee und zerschmetterte den geheimen Eingang. Auch den Haupteingang verschüttete er mit Steinen. Mit drohender Stimme rief er, dass wir nur noch auf seinem Weg zu ihm vordringen könnten und das er uns alle töten würde.

Dhune war erschüttert über die Nachricht, dass wir nicht mehr in den Berg konnten, da sein Rabe noch im Berg war. Er erklärte uns, dass er eine tiefe Bindung zu dem Tier habe und ein Teil seiner Lebensenergie in ihm stecke. Gerade als wir uns dem verschütteten Haupteingang näherten, brach Dhune zusammen. Sein Rabe war gestorben. Nun hielt uns nichts mehr hier.

Wir machten uns auf den Rückweg nach Lohental. Der Rückweg war ereignislos, auch wenn mich Drachen-Alpträume plagten. Als wir Lohental erreichten, sahen wir sofort, dass hier irgendetwas nicht stimmte. Der ganze Ort war voll von Flüchtlingen. Wir erfuhren, dass es sich um Flüchtlinge aus Mulmaster handelte. Es herrschte Krieg! Mulmaster war vor zwei Tagen von der Flotte Manchuns, eines Lords der Zentilfeste, angegriffen worden. Selfaril hatte die Zentarim in seinem Hochmut immer herausgefordert und die Menschen Mulmasters bekamen jetzt die Quittung für die Überheblichkeit ihres Herrschers.

Wir kehrten im Greifennest ein und ich war wirklich erfreut, Sarel wiederzusehen. Auch das Greifennest war mit Flüchtlingen und Verletzten angefüllt. Trotzdem bekamen wir dort noch einen Platz und etwas zu essen. Im Greifennest saß eine Gestalt, die nicht ganz zu den übrigen Flüchtlingen passen wollte. Eine in rote Gewänder gehüllte Magierin, die von einem Eunuchen beschützt wurde. Dhune bedeutete uns, dass er alleine mit dieser Gestalt reden wolle. Nach einiger Zeit gesellte sich Dhune wieder zu uns und berichtete. Die Gestalt war Naglata Nevyhr, eine rote Magierin aus Thay und entfernte Verwandte von Dhune. Unser guter Dhune also ein Thay – eine Nachricht, die Tiriel gar nicht gefiel. Diese Naglata wusste zum einen, dass ein großes Heer aus Thay in der Nähe von Mulmaster wartete, um der Stadt und Selfaril, dem möglichen zukünftigen Bräutigam der Prinzessin von Thay, in einem günstigen Moment zu helfen. Zum anderen hatte Naglata aufgrund Dhunes Fürsprache einen Auftrag für uns. Selfaril habe ein altes Familienerbstück der Familie Nevyhr unrechtmäßig an sich gebracht, einen großen roten Edelstein. Diesen sollten wir aus den Verliesen unterhalb des Lindwurmturmes holen. Als Vorschuss gab sie Dhune für jeden von uns einen Edelstein im Wert von 200 Goldmünzen. Nur ein kleiner Vorgeschmack auf die Belohnung, wenn wir den Auftrag erfolgreich erledigen würden.

So ich denke, es ist spät genug. Die Kerze ist fast niedergebrannt und Sarel scheint auf mich zu warten... bin ich wirklich schon wieder der letzte nicht schlafende Gast in der Gaststube? Nun es war ein langer Tag und morgen geht es gen Mulmaster.