Reisetagebuch
 
Reisebericht von Jonathan Schreiber
2. Marpenot 1359 T.Z.

Nach einer ereignislosen Nacht – in der mich nur die ungewohnten Nachtgeräusche des Waldes und meine allzu rege Phantasie im Hinblick auf große zahnbewehrte Echsen plagte – brachen wir wieder auf und folgten weiter dem kaum erkennbaren Pfad durch den Urwald. Ohne Baal hätten wir unseren Weg wohl kaum so leicht gefunden. Ich wundere mich immer wieder, wie nützlich mein großer, schweigsamer und manchmal recht geistlos wirkender Freund sein kann.

Schließlich, ich glaube es war gegen die Mittagsstunde, erreichten wir die Grenze des Waldes. Unser kleiner überwucherter Trampelpfad führte auf eine größere Handelsstraße. Und diese Straße führte zu einer nicht weit entfernt liegenden Stadt, die von einer großen Festung überragt wurde. Von einem Händler, mit dem ich mich auf Chondathan verständigen konnte, erfuhren wir, dass es sich bei dieser Stadt um Brindinfurt handelte und dort gerade der „Halblingsmarkt“ stattfand.

So machten wir uns also auf den Weg nach Brindinfurt, um uns dort ins Jahrmarktgetümmel zu stürzen und uns ein wenig von den Ereignissen der letzten Wochen zu erholen. Wenn ich gewusst hätte, was uns erwartet, hätte ich auf dem Absatz kehrt gemacht und wäre der Straße in der entgegengesetzten Richtung gefolgt. Doch nachher ist man immer schlauer.

Am Eingang der Stadt wurden unsere Waffen und die Zauberkomponenten des verdatterten Dhune mit einem sogenannten Friedensband verknotet. Denn in der Stadt war das Benutzen von Waffen und das Wirken von Zaubern verboten. Wir schlenderten vom Osttor am großen Glockenturm, dem Wahrzeichen der Stadt dessen Glocken alle drei Stunden schlagen, vorbei in Richtung Silberhügel. Dabei tauchten wir in das wahrhaft bunte Treiben des Marktes ein und genossen einige der feilgebotenen Speisen.

Plötzlich kam es zu einem großen Aufruhr!!! Ströme von Marktbesuchern trampelten uns in Panik fast nieder und schienen vor irgendeiner Gefahr zu fliehen. Geistesgegenwärtig schlüpfte ich in eine Seitengasse und entging so dem Tumult. Von Neugier getrieben, schlich ich wie ein Schatten auf den Ausgangspunkt des Tumultes zu. Und es bot sich mir ein wahrlich merkwürdiger Anblick. Auf einem größeren Platz fielen Riesenratten und auf zwei Beinen gehende Rattenwesen über die Marktbesucher her. Baal hatte sich ebenfalls zu dem Platz vorgekämpft und sich in den Kampf gestürzt. Zum richtigen Zeitpunkt griff ich ebenfalls in den Kampf ein und brachte die entscheidende Wende. Kurze Zeit später flohen die verbliebenen Ratten. Zu unserem Entsetzen verwandelten sich die erschlagenen aufrecht stehenden Rattenwesen in Menschen.

Kurze Zeit später erschien die von Dina, einer rothaarigen Offizierin, angeführte Wache und stellte die Ruhe wieder her. Von Dina erfuhren wir, dass Merdik Furn der Hauptmann der Wache, vor drei Tagen, also einen Tag vor dem Marktbeginn zur Hochernte, verschwunden war. Sie war uns sehr dankbar, dass wir den Kampf ausgefochten hatten und bat uns darum, der Stadt in der momentanen schweren Lage beizustehen. Wir stimmten zu, uns am Abend mit ihr zu treffen und sie riet uns, ein Zimmer im neunten Gasthaus zu nehmen. Dort sollte dann auch unser Treffen stattfinden.

So quartierten wir uns im neunten Gasthaus ein, dass einem wortkargen unglaublich dicken Wirt gehört. Dort konnten wir so einige interessante Gerüchte aufschnappen, von grausigen Morden im Südbankviertel und dem Lachenden Geist vom Westhügel. Außerdem hatten Dhune und ich eine interessante Begegnung mit Sidiria, der mannstollen Tochter eines Pastetenverkäufers. Schließlich traf Dina mit Einbruch der Dunkelheit ein. Sie bat uns im Namen der Stadtwache um unsere Hilfe. Momentan gebe es viele Übergriffe von Ratten und dunklem Gezücht. Sie riet uns dazu, unsere Nachforschungen bei Schuma, einer Zwergenschmiedin, der eigentlichen „Herrin“ des Schnattermarktes, zu beginnen. Es ginge wenig in der Stadt vor, von dem die alte Zwergin nichts wüsste.

Wir entschieden uns dazu, noch am gleichen Abend zu Schuma zu gehen und anschließend den Gerüchten über den Westhügel nachzugehen. Von der erwartungsgemäß mürrischen greisen Zwergin erfuhren wir, dass die Rattenplage damit angefangen habe, dass Turwen, der Sohn des früheren Glockenturm-Wächters, die Aufsicht über den Turm übernommen habe. Seitdem sei der ganze Turm voller Ratten. Daher machten wir auf dem Weg zum Westhügel einen kleinen Abstecher zum Glockenturm, jedoch ohne allzu viele Erkenntnisse zu gewinnen.

Anschließend schlenderten wir gemütlich in Richtung Westhügel, eher nicht erwartend einen Geist zu treffen und DANN veränderte sich alles!!! Plötzlich schien sich die Welt um uns herum zu verzerren und wir wurden von gar schrecklichen Wesen angegriffen. Riesenhafte Würmer mit zahnbewehrten Schlünden wanden sich aus dem Untergrund der Straße hervor. Nur mit Mühe gelang es uns, diese Monstrositäten zu bezwingen und dahin zurückzuschicken, wo sie hergekommen waren. Kurz nach diesem Kampf trafen wir einige Wächter, von denen wir erfuhren, dass solche Vorkommnisse in letzter Zeit nicht selten seien. Da hatte uns die gute Dina wohl eine „Kleinigkeit“ verschwiegen. SECHS METER GROSSE WÜRMER IN DER STADT!!! Und wir sollten uns um eine RATTENPLAGE kümmern!? Die Wachen verwiesen uns an Arlein, die Herrin des Helm-Schreines, der es zu verdanken sei, dass diese Würmer noch nicht mehr Unheil angerichtet hatten.

Jetzt überschlugen sich die Ereignisse dieser Nacht. Schnellen Schrittes eilten wir in Richtung Helm Schrein, nur um dort auf eine merkwürdige Nebelwand zu stoßen. Verhüllte Schattengestalten flohen bei unserer Ankunft am Schrein und entkamen uns im Nebel. Im Schrein trafen wir Torea, eine blonde Glaubenskriegerin des Helm, die uns verzweifelt berichtete, dass Arlein gerade eben von in Umhängen gehüllten Gestalten verschleppt worden sei. Torea enthüllte uns, dass es dabei um den Angriff eines Chaos-Kultes gehen könnte, der die Welt dem Nichts übergeben wolle. Die in letzter Zeit immer wieder auftauchenden „Dimensionswürmer“ seien Anzeichen des nahenden Unheils. Auf unsere Frage hin, wo die Keimzelle dieses Kultes sein könne, berichtete sie von merkwürdigen Vorkommnissen in der „Realitätsnische“, einer kleinen Buchhandlung am Arkanen Weg. Dort gebe es allerhand unheilige Literatur und der Besitzer Jelik sei ein merkwürdiger Bursche. Noch vor kurzem sei dort jemand gestorben und der Leichnam habe zahlreiche kleine Bissspuren aufgewiesen. Trotzdem habe Jelik behauptet, die Person sei nur „die Treppe heruntergefallen“.

Da wir keine andere Spur hatten, machten wir uns sofort zusammen mit Torea auf zum Arkanen Weg. An der „Realitätsnische“ angekommen, wollte uns der vierschrötige Besitzer Jelik zuerst nicht einlassen. Es sei schon zu spät und er habe uns nichts zu sagen. Zum Glück gelang es Tiriel, ihn mit einem Zauber zu belegen, so dass er sie plötzlich für eine gute Freundin hielt. Danach ließ uns Jelik sofort in sein Geschäft. Schon beim Überschreiten der Türschwelle fiel mir auf, dass irgendetwas nicht stimmte. Alles wirkte verzerrt, die Winkel verschoben, am Rande des Blickfeldes schien sich die Realität aufzulösen – „Realitätsnische“... nomen est omen, wie man auf Thorass zu sagen pflegt.

Zuallererst verhörten wir Jelik. Doch schien dieser halb wahnsinnig zu sein. Eher unzusammenhängend erfuhren wir von ihm Dinge wie „die Gesegnete hört die Stimme des Traumflüsterers“, „die Helm-Priesterin muss aus dem Weg, damit sich das Tor öffnen kann“, „wenn die Glocken die Stunde schlagen, wird das Ende der Zeit eingeläutet“ oder „wenn das Tor aufschwingt, wird unsere Welt ins Nichts fallen“. Ich wurde zwar nicht ganz schlau aus seinem Gebrabbel, doch schien es sehr wahrscheinlich, dass Arlein tatsächlich hierhin verschleppt worden war oder er mit ihren Entführern unter einer Decke steckte. Denn der Satz „die Helm-Priesterin muss aus dem Weg“ war alles andere als missverständlich.

Also schickten wir uns an, die „Realitätsnische“ weiter zu erforschen. Rückblickend erscheint mir alles, was wir dort noch erlebten, wie ein Alptraum. In einer kleinen Kammer unter der Haustreppe fanden wir eine Abnormität mit unzähligen schnappenden Mäulern und glubschenden Augen – ein Tausendmaul, wie Dhune zu berichten wusste. Als wir die oberen Stockwerke erkundeten kam ein weiteres mal Nebel auf... im INNERN des Gebäudes. Welch übler Zauber konnte dies sein? Andarell versuchte den Hexennebel mit der Kraft ihrer Göttin zu vertreiben, doch vergebens. So kam es in diesem Nebel zu einem erbitterten Gefecht mit den Kultisten, die sich tatsächlich in diesem Gebäude aufhielten. Im Keller fanden wir dann schließlich das Herz des Kultes. Die Realität schien dort komplett aus den Fugen geraten, eine üble Beschwörung war in vollem Gange und die hilflose Arlein lag gefesselt auf dem Boden. In einem kurzen und blutigen Kampf erschlugen wir die verbliebenen Kultisten und die Gesegnete.

Der Rest ist schnell erzählt. Wir befreiten Arlein, die Ratten flohen zusammen mit den Turmwächter aus dem Glockenturm und der Kult war zerschlagen. Und so kommt es also, dass wir im „Neunten Gasthaus“ sitzen und als Helden gefeiert werden.