Reisetagebuch
 
Reisebericht von Jonathan Schreiber
7. - 27. Marpenot 1359 T.Z.

7. Marpenot 1359 T.Z.

Heute sind wir, nach einer dreitägigen Reise über die Alte Straße, in Hlath der großen und emsigen Hafenstadt am Vilhongriff eingetroffen. Wir haben den Weg nach Hlath mit einem kleinen Eselskarren zurückgelegt, auf dem wir unseren gefallenen Gefährten Baal so gut wie möglich aufgebahrt haben. Andarell hat sich um unseren toten Freund gekümmert und jeden Tag Gebete und Riten zu Berronars Ehren an seiner Seite ausgeführt. Dies erklärt wohl, warum man an dem Halbork keine Spuren von Tod und Verfall sehen konnte und er auch nicht begonnen hat mehr als gewöhnlich zu riechen. Die Reise nach Hlath war, bis auf einige Begegnungen mit Handelskarawanen und Holzlieferungen aus dem nahe gelegenen Nonn-Wald, ereignislos.

Unser erstes Ziel in Hlath war der örtliche Selûne-Tempel. Wir hofften, dass dort endlich unser gefallener Gefährte zurück ins Reich der Lebenden geholt werden könnte. Nach einigen Verhandlungen mit den Priestern, die durchaus von unseren von Selûne gesegneten Waffen beeindruckt waren, und einer großzügigen Spende, erklärten sich diese bereit, Baal aufzunehmen und das von uns erwünschte Wunder zu wirken. Den Rest des Tages verbrachten wir in bangem Warten auf die Wiederbelebung Baals. Wir suchten uns ein Gasthaus in Hafennähe und ich verabredete mich dort für den Abend mit meinen Gefährten. Rastlos durchstreifte ich die Gassen der Stadt und versuchte die eine oder andere nützliche Information über die roten Zauberer und den vermaledeiten auf Dhunes Kopf ausgesetzten Steckbrief aufzuschnappen. Vor allem aber versuchte ich etwas über meine Heimat und damit vielleicht über das Schicksal meines Vaters zu erfahren.
Schließlich wurde es Abend und meine Wege führten mich zurück zu unserem Gasthaus. An diesem Nachmittag hatte ich wenig Nützliches in Erfahrung gebracht. Weder über die roten Zauberer noch über Schiffe von der Mondsee wusste man zu berichten. Der einzige lohnende Hinweis war der, dass Händler aus Yhaunn in der Stadt sein sollten. Vielleicht werde ich bei ihnen mehr über Gerüchte aus der Heimat und damit auch meinen Vaters erfahren können. Schon beim Betreten der Gaststube sah ich ihn. Baal wie er leibt und lebt, groß und immer noch ungewaschen. Ich muss zugeben, dass mich der Anblick unseres von den Toten auferstandenen Gefährten durchaus bewegte und erfreute. Nach einem großen Hallo und einem kräftigen Essen entschieden wir uns, einige Tage in Hlath zu verweilen, um Kräfte zu sammeln und uns über unser weiteres Vorgehen klar zu werden. Wir sind uns nicht einig darüber, wohin wir unsere Wege lenken sollen. Immer noch schwebt die Gefahr des Drachen und die unsichere Lage in Mulmaster über unseren Köpfen. Auch sind wir uns noch nicht einig, ob sich unsere Wege hier trennen sollen. Ich wäre betrübt darüber meine treuen Gefährten, ich würde sie fast Freunde nennen, zu verlieren. Doch „kommt Zeit, kommt Rat“ wie meine Großmutter zu sagen pflegte. Es bleibt abzuwarten, was die nächsten Tage bringen.

10. Marpenot 1359 T.Z.

Drei Tage lang habe ich jetzt die Gassen von Hlath durchstreift und es hat sich wenig ereignet, was einen Eintrag in mein Tagebuch gerechtfertigt hätte. Zwar war es durchaus angenehm, endlich mal wieder das Kopfsteinpflaster einer Stadt an Stelle eines staubigen Feldwegs unter den Sohlen zu spüren. Trotzdem drängt es mich fort von hier. Wenig genug konnte ich in den letzten Tagen in Erfahrung bringen und der heutige Abend hat die erste Abwechslung und schließlich auch eine Entscheidung gebracht. Mein Freund Dhune erschien zum abendlichen Schmaus in die roten Roben der Magier von Thay gewandet. Ich bin gespannt, welche Auswirkungen der auf seinen Kopf ausgeschriebene Steckbrief auf seine Aufnahme in den Magierorden hat. Wenn sie ihn tot oder lebendig fassen wollen, werden sie ihn möglicherweise direkt wieder aus ihren Reihen verstoßen. Das dürfte auf jeden Fall interessant werden und Dhune ist verständlicherweise sehr daran interessiert, das Missverständnis um den Yasil von Thay aufzuklären.

Die letzten Tage habe ich vor allem damit verbracht, nach Informationen zu suchen und über mein nächstes Ziel nachzudenken, welches mittlerweile klar vor meinen Augen liegt. Ich muss mir Gewissheit über den Verbleib meines Vaters verschaffen – sei es, dass er von den Zentharim versklavt wurde oder gemeinsame Sache mit ihnen macht. Unseren Informationen zu Folge schien es denkbar, dass sich mein Vater auf der Suche nach der Träne der Selûne zum Vilhongriff eingeschifft hat. Insofern war Hlath ein guter Ort, um mit meiner Suche zu beginnen. So habe ich mich in den letzten drei Tagen in der Hafengegend herumgetrieben und so manches Bier ausgegeben. Doch verliefen alle Spuren im Sand. Zwar raunten einige Seeleute davon, dass am ersten Marpenot ein großes Schiff der Zentarim in Hlath angelegt habe. Dieses Gerücht ließ sich jedoch nicht bestätigen. Schließlich erfuhr ich von einem Bettler, dass ein Forscher aus Yhaunn in der „Herberge zum schwarzen Schwan“ eingekehrt sein sollte. Jedoch handelte es sich bei diesem angeblichen Forscher nur um einen Jungspund mit Namen Waldemer, der ein rechter Taugenichts zu sein schien und aus dem keine interessanten Neuigkeiten über Yhaunn herauszuholen waren. Er wusste nur von den Unruhen in Mulmaster zu berichten, über die ich aus eigener Anschauung genauere Kenntnisse besitze.

Also bleibt mir nur eins übrig: Nach Yhaunn zu reisen, um dort die Spur meines Vaters aufzunehmen. Glücklicherweise konnte ich meine Gefährten dazu überreden, mich wenigstens bis Yhaunn zu begleiten. Dhune, Baal und Andarell bringt diese Reise näher an ihre Heimat. Insofern gab es für sie keinen Grund, jetzt schon auf getrennten Wegen zu reisen – auch wenn Andarell der Gedanke einer Schiffsreise nicht besonders zusagte. Tiriel ließ sich nur zu gerne dazu überreden, uns zu begleiten. Vor allem als ich ihr von der starken Präsens der Harfner in Yhaunn berichtete. Wir werden uns morgen am 11. Marpenot auf der „Katzenjammer“ einschiffen, die in Richtung Yhaunn in See sticht. Die Überfahrt soll zehn Tage dauern und kostet eine Silbermünze pro Tag, wenn man als Matrose mit anpackt, eine Goldmünze pro Tag, wenn man im Mannschaftsquartier nächtigt ohne zu helfen und zehn Goldmünzen pro Tag in einer eigenen Kabine. Was sich sonst noch in den letzten drei Tagen ereignet hat? Wie schon angedeutet, war es herzlich wenig. Eins wäre vielleicht interessant genug:. Bei meinen Streifzügen durch die Stadt habe ich in einem verborgen gelegenen Waffengeschäft eine meisterlich gearbeitete handlich-kleine Armbrust entdeckt, die ich inklusive 20 speziell gefertigter Bolzen für unter 500 Goldmünzen erwerben konnte.
Es erschreckt mich immer wieder, wie viel ich mittlerweile vom Kriegshand-werk verstehe. Viel mehr, als ein Gelehrter jemals über solche Dinge wissen sollte. Es ist so einfach, ein Wesen zu töten, indem man auf seine verwundbaren Punkte zielt. Meine mit Dornen besetzte Peitsche, die ich eher als Andenken von meiner Reise in die westlichen Herzlanden mitbrachte, liegt mittlerweile wie eine selbstverständliche Verlängerung meines Arms in der Hand. Auch der abgewetzte Griff meines Kurzschwertes fühlt sich mir keineswegs mehr fremd an. So scheine ich der erste Schreiber seit langem zu sein, in dem das Blut von Evendur Schreiber, der Seite an Seite mit den Elfen von Evereska in den Krieg zog, wieder erwacht ist.

20. Marpenot 1359 T.Z.

Hätten wir doch nur auf Andarells Einwände gehört und unser Schicksal nicht den unsteten Planken eines Schiffes überantwortet. Die grünliche Gesichtsfarbe der Zwergin während der Reise hätte uns Warnung genug sein können. Welch großes Unglück wäre uns erspart geblieben. Wir sind gestern nach neun Tagen Fahrt auf stürmischer See auf einem Felsen im Niemandsland gestrandet, scheinbar als die einzigen Überlebenden des Schiffsbruchs. Dabei fing unsere Reise zur See so gut an. Ich hatte mich dazu entschieden sparsam mit meinem verbliebenen Geld umzugehen und daher den Matrosen bei ihrer täglichen Arbeit zu helfen. Gerade fing ich an, das Leben als Seemann zu genießen, da kam dieser verfluchte Sturm auf und peinigte uns tagein tagaus. Schließlich übersah der Ausguck eine Klippe und alles verwandelte sich in ein riesiges Chaos.

Wir rannten zu unseren Habseligkeiten und rafften zusammen, was wir bekommen konnten. Dann eilten wir zu einem der Beiboote. Dhune konnte sich dank seiner magischen Kräfte dem Unheil fliegenderweise entziehen. Tiriel wandelte durch den Ring, den sie von Tyrannos erhielt, auf dem Wasser und klammerte sich dabei verzweifelt an der Reling unseres Bootes fest. Dann zerschellte unser Ruderboot auf einer Klippe. Nur mit Müh und Not gelang es uns, dem nassen Grab zu entkommen und die Klippe zu erklettern. Mit vereinten Kräften hievten wir unsere schwer gepanzerten zwergischen Begleiter in Sicherheit. Oben angekommen suchten wir Schutz vor dem Unwetter in einem nahe gelegenen dunklen Wald.
Heute morgen entdeckte Baal einen Pfad, der in nördliche Richtung durch den Wald führte. Diesem Pfad sind wir in der Hoffnung gefolgt, dass er uns zurück in die Zivilisation bringen möge. Der Wald, durch den wir den ganzen Tag gewandert sind, ist dunkel und abweisend. Unheimlich ruhig ist dieser Wald und ich vermisse die sonst üblichen Tierlaute. Auch Baal meint, dass er auffällig wenig Tierspuren entdecken könne und an Jagd nicht zu denken sei. Ich fühle jeden einzelnen Knochen in meinem Körper und hoffe, dass mir ein wenig Schlaf Linderung verschaffen wird.

24. Marpenot 1359 T.Z.

Fünf Tage lang sind wir jetzt dem kleinen Waldweg gefolgt. Mal scheint es tatsächlich ein von Menschenhand angelegter Pfad zu sein, mal nicht viel mehr als ein Wildwechsel. Der Wald drückt auf unsere Stimmung und selbst Tiriel ist auffällig ruhig. Ich habe mittlerweile jeden Richtungssinn verloren und hoffe, dass uns der Pfad schließlich aus dieser gottverlassenen Gegend führen wird.

Am frühen Nachmittag des heutigen Tages hat sich Fürchterliches ereignet. Endlich zeigte der Wald sein wahres Gesicht. Der Waldpfad hatte uns mittlerweile auf einen von Karren befahrbaren Weg gebracht. Da wurde die Stille des Waldes durch die herzzerreißenden Hilferufe eines Mannes und einer Frau unterbrochen. Laut um Hilfe schreiend kam ein Bauer auf uns zugerannt. Ihm dicht auf den Fersen war ein großer schwarzer Reiter auf einem fürchterlich anzuschauenden schwarzen Ross. Der Reiter war schwer gepanzert und schwang ein fürchterliches gezacktes Langschwert. Sofort versuchten wir dem Bauern zu Hilfe zu eilen. Doch waren alle unsere Bemühungen vergebens. Der geisterhafte Reiter streckte den Bauern mit einem einzigen Streich seiner fürchterlichen Waffe nieder und wurde dann von seinem Pferd in die Luft davongetragen, wo er verschwand.

Unweit der Stelle fanden wir einen Pferdekarren mit zwei weiteren Toten. Einem alten Mann und einer Frau. Beide ebenfalls einfach gekleidet und recht ausgezehrt. Auf dem Karren waren nur leere Mehlsäcke geladen. Sofort folgerte ich, dass diese Bauern wohl unterwegs waren, um Nahrung zu erwerben. Nach kurzer Suche gelang es mir unter dem Kutschsitz ein geheimes Fach zu finden, in dem eine kleine Truhe mit etlichen Gold- und Silbermünzen verborgen war. Dies müssten die Ersparnisse einer ganzen Ortschaft sein. Nachdem wir die Erschlagenen bestattet hatten, entschieden wir uns dazu, mit dem Karren weiterzureisen. Die ehemaligen Besitzer konnten mit dem Karren sowieso nichts mehr anfangen und für uns war er eine willkommene Erleichterung unserer Reise.

Am Abend kamen wir zu einem auf den ersten Blick verlassen wirkenden Bauernhof. Die umgebenden Äcker schienen schon längere Zeit nicht mehr bestellt worden zu sein und auf ihnen lagen die verwesten Überreste von zwei Pferden. Nach kurzem Zögern erklärte ich mich dazu bereit, den Bauernhof im Schutz der durch meinen Ring gewährten Unsichtbarkeit zu erkunden. Manchmal fühle ich mich ein wenig unwohl dabei, die Gabe Tyrannos’ zu benutzen. Ich fühle mich immer ein wenig hohl und nicht zu dieser Welt gehörig, wenn ich den Ring einsetze. Tiriel verwendete ihre bardische Magie und machte sich ebenfalls unsichtbar, um mich bei der Erkundung zu begleiten. Schon beim ersten Blick in das Bauernhaus stellte ich fest, dass es keineswegs unbewohnt war. Ich konnte durch die vernagelten Fenster einen alten in einem Schaukelstuhl zusammengekauerten Mann erspähen. So kehrte ich zu meinen Gefährten zurück, um ihnen Bericht zu erstatten. Tiriel tauchte auch nach einigem Warten nicht wieder auf. So entschieden wir uns dazu, uns ohne Tiriel dem Bauernhaus zu nähern.
Wir fuhren mit unserem Karren vor und klopften. Nach einiger Zeit öffnete uns eine junge Frau. Es stellte sich heraus, dass der Bauernhof von Tabe, einem sehr abweisenden und misstrauischen alten Mann, und seiner neunzehnjährigen rothaarigen Tochter Tanasha bewohnt wird. Sie ließen uns nach einiger Überredung ein und erklärten sich bereit, uns für die Nacht Gastfreundschaft zu gewähren. Von ihnen erfuhren wir, dass die Gegend schon seit einiger Zeit vom Geisterreiter und von Wildelfen heimgesucht werde. In der Nähe liege der kleine Weiler Ossingheim. Tabe riet uns dazu, uns nicht in Dinge einzumischen, die uns nichts angingen. Wenn wir nach Ossingheim kämen, sollten wir mit Murdo dem Dorfältesten sprechen. Als wir sie nach den toten Bauern fragten, sagten sie, dass es sich bei ihnen wohl um Brock, Mischa und Harad handele, die sich ebenfalls nicht in Dinge hätten einmischen sollen, die sie nichts angingen. Schließlich ließen wir uns, von den Neuigkeiten beunruhigt, zu unseren Schlafplätzen führen. Etwas später tauchte auch Tiriel wieder auf. Sie stolperte unsichtbar in die Bauernstube. Nur durch meine Geistesgegenwärtigkeit konnte ich Tabe und Tanasha beruhigen und somit Schlimmeres verhindern.

25. Marpenot 1359 T.Z.

Bei Tymora! In den letzten Tagen scheint ein Fluch auf mir zu liegen. Oder ist es der Fluch dieses Waldes, der mich in seinen Bann geschlagen hat? Ich schlief extrem schlecht und wurde von beunruhigenden Träumen geplagt, ständig auf der Flucht vor unheilvoll donnernden Pferdehufen. Plötzlich wurde ich aus diesem Alpdruck durch einen schmerzhaften Tritt in die Seite geweckt. Ein Angriff!? Bevor ich noch richtig zur Besinnung gekommen war, hatte ich auch schon meinen Dolch in der Hand und stach nach dem vermeintlichen Angreifer. Doch welch Unglück! Von meinem Dolchstoß niedergestreckt lag Tabe, unser greiser Gastgeber, in einem blutüberströmten Nachtgewand vor mir. Zwar konnte Andarell den alten Mann wieder heilen, doch wiesen uns unsere Gastgeber verständlicherweise sofort aus ihrem Haus. Dieses unglückliche Ereignis hat mich jetzt fast den ganzen Tag beschäftigt: Es ist etwas ganz anderes fast einen „Unschuldigen“ erstochen zu haben, statt sich im Kampf gegen Monster zu wehren. Das habe ich ganz bestimmt nicht gewollt. Ich gelobe in Zukunft vorsichtiger mit meinem Stahl zu sein.

Nach diesem unglückverheißenden Beginn des Tages setzten wir unsere Reise auf dem kleinen Karrenweg fort. Nach einiger Zeit kamen wir zu einer Kapelle, die von Urnengräbern umgeben war. In dieser Kapelle trafen wir Henwen, eine merkwürdige Priesterin mit einem Hopin auf der Schulter, einem Kobold der der Legende nach Kinder stehlen soll. Henwen erzählte uns von den neun Göttern, schien aber davon abgesehen der Welt entrückt zu sein. Etwa eine Stunde Reise auf der Straße weiter, wurde diese von großen Steinen gesäumt. Wir gelangten schließlich zu einem riesigen Steinkreis aus einundneunzig Steinen, die bestimmt zehn Schritt hoch und mit merkwürdigen Runen beschriftet waren. Innerhalb dieses Steinkreises lag ein kleinerer aus achtundzwanzig Steinen bestehender Steinkreis, in dessen Inneren eine kleine Ansiedlung lag. Wir hatten Ossingheim erreicht. Das Bild dieses kleinen Weilers wurde vor allem von einem Turm und einem zweistöckigen Gebäude auf dem Dorfplatz geprägt. Zwischen den Steinkreisen konnten wir brach liegende Felder sehen. Wenn ich mich nicht irre, müssen diese Steine uralt sein und wurden wahrscheinlich von einer längst vergangenen Menschenkultur – vielleicht von Druiden – aufgestellt.

Im Dorf kam uns die halb verhungerte Bevölkerung entgegen, die nicht gewillt schien, den inneren Steinkreis zu verlassen und vor allem Tiriel argwöhnisch beäugte. Zu unserem Glück gelang es einer bunten Gestalt, Kuckuck dem Lautenspieler, die aufgewühlte Bevölkerung zu beruhigen. Kuckuck führte mich und Dhune zu Murdo dem Dorfältesten. Der Rest der Gruppe wartet außerhalb des inneren Steinkreises. Murdo hieß uns in Ossingheim willkommen und wies uns freundlicherweise ein leer stehendes Gebäude als Lagerplatz zu. Da wir hier freundlich aufgenommen worden waren, schickte ich Kuckuck den Rest unserer Gefährten zu holen. Murdo klagte uns, dass es schlecht um das Dorf stehe und Ossingheim ohne den Schutz des Steinkreises wohl schon untergegangen sei. Doch auch so sei das Dorf dem Untergang geweiht, da die Lebensmittelvorräte knapp würden. Der Geisterreiter gehe schon seit drei oder vier Monden um, den inneren Steinkreis habe er jedoch noch nicht betreten. Schon längere Zeit als diese Gefahr, bestehe die Bedrohung durch die Grugach, die in den Wäldern lebenden Wildelfen. Diese bedrohten die Dorfbevölkerung schon seit einem Jahr, hätten sich jedoch bisher auch noch nicht in den inneren Steinkreis gewagt. Die Wildelfen seien zu keinen Verhandlungen bereit und haben die letzte Abordnung des Dorfes niedergeschlachtet. Seitdem sei Murdo der neue Dorfälteste. Murdo vermutete, dass dies alles mit den alten Monumenten in der Nähe des Dorfs zusammenhängen könnte: dem doppelten Steinkreis, der Kapelle der neun Götter, den Hütern der Stille, dem Hügel des roten Pferdes und dem großen Hügelgrab, in dem ein legendärer Kriegsfürst liege. Wenn wir mehr über diese Monumente erfahren wollten, sollten wir uns an Kuckuck wenden, der beschlagen sei in den Legenden und Erzählungen der Region. Sofort bot ich in dieser schlimmen Lage meine Hilfe an – man kann die armen Leute ja nicht ihrem Schicksal überlassen und außerdem habe ich etwas gut zu machen. Dhune ist nicht amüsiert über diese Entwicklung. Er fühlt sich für das Dorf nicht verantwortlich. Murdo riet uns dazu, als erstes Tully und Dyson aufzusuchen, die im Turm des Dorfes wohnen.

So verabschiedeten wir uns von Murdo und gingen zum Dorfturm. Dort trafen wir Tully eine Kriegerin und Dyson einen Forscher und Magier, der sofort Dhune in Beschlag nahm. Offensichtlich handelt es sich bei den Beiden um ein Paar. Sie berichteten uns, dass sie vor kurzer Zeit am großen Grabhügel waren, jedoch nach einem Kampf mit einem Gruftschrecken von dort geflohen seien. Tully habe dort ein hervorragend gearbeitetes Schwert erbeutet. Bei diesem Schwert handelte es sich um eine Durgeddin-Klinge, wie ich bei näherer Untersuchung feststellen konnte – welch merkwürdiger Zufall! Weiterhin erfuhren wir, dass in diesem Ort in früheren Zeiten Beorie die Erdgöttin verehrt wurde. Schließlich bot sich Tully an, uns bei unseren Erkundungen als Führerin zu dienen.
Nach einiger Zeit verabschiedeten wir uns von den Beiden und Tully führte uns in strömendem Regen zu unserer Behausung. Ich schritt vor dem Schlafengehen noch den inneren Steinkreis ab, ohne jedoch etwas Interessantes zu entdecken. So kam ich völlig durchnässt zurück – es lebe ein prasselndes Feuer. Während ich so beim Feuer sitze und mich wieder aufwärme, stellt sich mir die Frage, was wohl mittlerweile aus Sarel, der halbelfischen Besitzerin des Greifennests in Lohental, geworden ist. Zu gerne würde ich sie wiedersehen. Sobald ich mir über das Schicksal meines Vaters Klarheit verschafft habe, muss ich sie unbedingt besuchen. Vielleicht sollte ich ihr einen Brief schreiben und ihn ihr bei nächster Gelegenheit schicken.

26. Marpenot 1359 T.Z.

Am nächsten Morgen – der verdammte Regen hat noch nicht nachgelassen – gingen wir als erstes zu Tully und Dyson, um unsere Reise zum großen Grabhügel zu planen. Bei diesem Monument wollen wir unsere Nachforschungen beginnen, da wir vermuten, dass es sich bei dem Geisterreiter um den legendären Kriegsfürsten handeln könnte, der aus irgendeinem Grund in seiner Totenruhe gestört wurde. Bei den Beiden trafen wir Kuckuck, der uns einige Ossingheimer Legenden zu erzählen wusste. So erfuhren wir von Arshadalon dem roten Drachen, der vor Jahrhunderten das Dorf angegriffen haben soll und davon, dass im Hügelgrab Seitnar, ein sagenumwobener Kriegsfürst, seine letzte Ruhe gefunden haben soll. Der Kriegsfürst soll vor langer Zeit in zwei großen Schlachten feindliche Invasoren zurückgetrieben haben. In der zweiten Schlacht kam Seitnar ums Leben. Mit seinem Tod brach das Unglück in Form von Arshadalon über Ossingheim herein. Außerdem sang uns Kuckuck das Lied über die Hüter der Stille. Diese fünf druidische Ritualsteine sollen der Legende nach versteinerte Hexenmeister sein, die Seitnar verrieten und damit seinen Tod verursachten.

Gerade als wir aufbrechen wollten und Murdo der Dorfälteste uns verabschiedete, kam es zu einem Attentat auf den Dorfältesten. Murdo brach von mehreren Pfeilen tödlich getroffen zusammen. Gleichzeitig wurden wir von einer riesigen Eule angegriffen, die wir mit vereinten Kräften vertreiben konnten. Noch während des Handgemenges eilte ich zum Ausgangspunkt der Pfeile. Als ich mich näherte, floh vor mir eine vermummte Gestalt – ein Elf? Ich verfolgte den Fremden bis zum äußeren Steinkreis, doch war sein Vorsprung zu groß und so entkam er. Baal war mir gefolgt und machte sich daran, nach Spuren zu suchen. Er konnte zwar keine Spuren des Elfen finden, jedoch hinter einem Stein verborgen einige Zauberkomponenten. Dhune meinte, diese Komponenten würden für Illusionszauber benötigt.

Nachdem sich die durch den Anschlag aufgekommene Unruhe im Dorf gelegt hatte, entschieden wir uns dazu, so schnell wie möglich mit unseren Nachforschungen zu beginnen. Dyson wollte wegen der Unruhe im Dorf bleiben, da er vielleicht der neue Führer des Dorfes werden könnte. So machten wir uns mit Tully als Führerin auf den Weg zum großen Hügelgrab. Der Weg durch den unfreundlich wirkenden Wald verlief lange Zeit ereignislos. Dann hörten wir jedoch einen Schmerzensruf von Baal, der vorausgespäht hatte. Baal war in eine mit Speeren gespickte Fallgrube getappt, aus der wir ihn jedoch mit wenigen Verwundungen bergen konnten. Außerdem griff uns mitten im Wald der Geisterreiter an. Unter Aufbietung all unserer Kräfte konnten wir ihn in die Flucht schlagen, jedoch ein weiteres mal ohne diesen unheimlichen Feind zu besiegen.

Schließlich erreichten wir das große Hügelgrab und beschlossen, sofort mit seiner Erkundung zu beginnen. In der Vorkammer fanden wir die Überreste des „Gruftschreckens“, den Tully erschlagen haben will. Wir drangen tiefer in das labyrinthische Grabmal vor. Andarell und Horken bahnten uns unerschütterlich einen Weg durch etliche Gruftschrecken und tödliche Fallen. Dank des Orientierungssinns unserer Zwerge und eines Stücks Kreide von Tiriel konnten wir unseren Weg finden, ohne uns zu verirren. Zu allem Überfluss wurden wir dann auch noch von einem merkwürdigen Steinwesen bedroht. Da entschloss sich Tully, uns zu verlassen. Wir baten sie, bis zum nächsten Tag am Ausgang des Hügelgrabs auf uns zu warten. Immer weiter drangen wir in das Innere des Grabes vor und gelangten schließlich in die Grabkammer des Kriegsfürsten. Dort trafen wir auf den Geist von Seitnar, einer wahrhaft beeindruckenden Gestalt. Er nannte uns Grabräuber und forderte einen von uns zum Duell. Baal stellte sich wagemutig der Herausforderung, wurde jedoch von wenigen Streichen des geisterhaften Kriegsfürsten niedergestreckt. Da blieb uns nichts anderes übrig, als vor dem Zorn des Geistes zu fliehen. Jedoch wurde uns der Weg von dem Steinwesen versperrt. So kehrten wir, um Gnade bittend, zu Seitnars Geist zurück. Zu unserem Glück ließ sich dieser von Tiriel Milde stimmen. Von der mächtigen Gestalt des längst verstorbenen Kriegers beeindruckt, überreichte ich ihm einen Diamanten als Gabe. Der Kriegsfürst erzählte uns, dass Ossingheim von Duits Volk bewohnt würde. Vor langer Zeit habe nur die Druidin Duit eine große Bedrohung überlebt. Sie habe daraufhin die Tiere des Waldes gefragt, ob sie zu Menschen werden wollen, um Ossingheim wieder zu bevölkern. Die Tiere entsprachen ihrer Bitte und entschieden sich für ein Leben als Menschen. Seitnar selbst sei ruhelos, da er in seiner letzten Schlacht von Attentätern hinterrücks ermordet wurde.
Nach dieser Audienz versprach uns der Kriegsfürst freies Geleit aus seinem Grabmal. Das Steinwesen, die Fallen und die Gruftschrecken würden uns nicht mehr bedrohen, da sie seine Diener seien. So sind wir dem Grabmal unbehelligt entkommen und haben am Eingang des Hügelgrabs unser Nachtlager aufgeschlagen. Tully hat nicht auf uns gewartet, sondern scheint sich in Richtung Dorf davon gemacht zu haben. Leider hat uns das Hügelgrab keine Hinweise zur Lösung des Geheimnisses von Ossingheim gebracht. Vielleicht haben wir morgen mehr Glück.

27. Marpenot 1359 T.Z.

Heute Morgen haben wir uns dazu entschieden, uns als Nächstes den Hügel des roten Pferdes näher anzuschauen. Schließlich könnte dieses Monument mit dem Drachen Arshardalon und somit auch mit dem auf dem Dorf liegenden Fluch zu tun haben. Auf dem Weg zum Hügel des roten Pferdes sind wir in eine weitere Falle gelaufen, wahrscheinlich haben die Wildelfen diese Fallen gelegt. Baal wurde mittels einer Fußschlaufe von einem Seil in die Höhe gezogen. Gleichzeitig gerieten wir in einen Hinterhalt und wurden aus Verstecken heraus mit Pfeilen beschossen. Sofort erklomm ich den Baum, von dem Baal baumelte. Mir gelang es Baal zu befreien und schließlich zogen sich die Angreifer zurück. Die Pfeile, die wir finden konnten, waren von der gleichen Machart, wie die Pfeile, die den Dorfältesten niedergestreckt hatten. Wahrscheinlich sind sie von wildelfischer Machart. Etwas später kamen wir zu einer völlig niedergebrannten Lichtung, auf der eine ausgebrannte Köhlerhütte stand. Bis auf die verbrannten Skelette der ehemaligen Bewohner konnten wir dort jedoch nichts finden. Vermutlich sind auch die Köhler den Grugach zum Opfer gefallen.

Schließlich gelangten wir zum Hügel des roten Pferdes, einem höchst unerfreulichen Ort. Vor dem Hügel lag ein großer See, dessen Wasser lehmig war und an geronnenes Blut erinnerte. Tod und Fäulnis lagen in der Luft, alles schien wie ausgestorben. Die Erkundung des Hügels brachte uns keine neuen Erkenntnisse. Ich vermute, dass der See künstlichen Ursprungs ist. Wahrscheinlich wurden hier die Steine für den Grabhügel mit Langmeißeln und Stemmeisen abgebaut. Die Spuren am See deuten darauf hin. Ich vermute, dass der Hügel die einzige Quelle für Steine in der näheren Umgebung ist. Es ist anzunehmen, dass im Lauf der Jahrhunderte die Abbaustelle dann mit Wasser vollgelaufen ist. Gegen Abend hatten wir dann eine weitere, diesmal höchst seltsame, Begegnung mit dem Geisterreiter. Der schwarze Reiter näherte sich dem See, jedoch ohne uns anzugreifen. Vielmehr grüßte er uns mit dem Zeichen des Lathander und lenkte dann sein Ross auf den See. Wie durch ein Wunder trug es ihn über das Wasser. Mitten im See verschwanden dann Ross und Reiter in der Tiefe.

Wir haben uns dafür entschieden, die Nacht in der Nähe des Sees zu verbringen, um den Verbleib des Reiters beobachten zu können. Morgen werden wir die Erforschung der Monumente fortsetzen und uns den Ort des Gemetzels anschauen, wo die letzte Gesandtschaft des Dorfes von den Grugach niedergemacht wurde. Noch bin ich mir unschlüssig, ob wir den See nicht genauer untersuchen sollten. Möglicherweise könnte ich mit Andarells Wasseratmen-Zauber auf den Grund des Sees hinabtauchen. Vielleicht sind dort die sterblichen Überreste des Geisterreiters zu finden. Ich verstehe immer noch nicht, warum er uns heute Abend nicht angegriffen hat. Vor dem Einschlafen habe ich meinen Brief an Sarel noch einmal gelesen. Vollkommener Unsinn, was soll sie nur von mir denken! Ich habe den Brief zerrissen und in unserem Lagerfeuer verbrannt. Vielleicht mache ich mich jetzt noch daran einen Neuen zu schreiben.
Doch wie soll ich nur die richtigen Worte finden?