Reisetagebuch
 
Reisebericht von Jonathan Schreiber
28. Marpenot 1359 T.Z.

N

ebelschwaden lagen über der ruhigen Oberfläche des dunklen Sees. Mühsam durchdrangen die ersten roten Fühler der Morgensonne die Wolkendecke und gaben dem fauligen See die Farbe geronnenen Blutes. Wir haben die Nacht unbeschadet am Rande des verfluchten Sees verbracht. Mit den ersten Sonnenstrahlen weckte uns Andarell wie üblich mit ihrem Morgengebet – für mich als Mensch wirken ihre Gebete jedes mal aufs neue befremdlich ... die Zwergin betet auf eine mir ungewohnt martialische Art und Weise ... ihre Gebete wirken auf mich immer ein wenig bedrohlich.

Nach dieser Nacht in der Nähe des unheilschwangeren Gewässers, waren wir uns darüber einig, dass wir dem Geheimnis des dunklen Reiters im wahrsten Sinne des Wortes „auf den Grund“ gehen sollten. Als wir bei einem kargen Frühstück beisammen saßen, unterbreitete uns die Zwergenklerikerin, dass sie ihre Gottheit um ein Wunder gebeten habe. Ein Wunder, dass es uns ermöglichen sollte, den Grund des Sees zu erforschen. Und tatsächlich – nach dem morgendlichen Mahl begab sich Andarell, wie immer dicht gefolgt von Horken, zum Rand des Sees. Dort begann sie mit einer donnernden Intonation in ihrer rauen Sprache ... und der See begann sich zu bewegen. Zuerst kräuselten nur leichte Wellen die Oberfläche des Sees. Doch aus diesen leichten Wellen wurde bald ein mächtiger Strudel. Dieser Strudel reichte bis zum Ufer des Sees und durchmaß bestimmt 21 Schritt von einem Rand zum anderen. Sofort stieg Andarell in festem Glauben an die Macht ihrer Gottheit hinab in den See. Dicht auf dem Fuße folgte ihr die wie immer vorwitzige Tiriel. Und tatsächlich konnten die Beiden die Leiche des dunklen Reiters finden. Um seinen Hals entdeckten sie ein goldenes und vom Schmutz unberührtes Sonnensymbol – ein heiliges Symbol von Lathander dem Herren der Morgenröte. Wie konnte es kommen, dass der Leiche des Geisterreiters ein solches Symbol um den Hals hing?

Mit staunenden Augen brachte Tiriel das heilige Symbol an das Ufer des Sees. Diesmal dicht gefolgt von Andarell. Doch sollte aus dieser Tat großes Unheil erwachsen. Gerade als wir begannen, das Symbol zu untersuchen und Tiriel uns aufgeregt mitteilte, dass sie mit Hilfe des Amuletts unsere Gedanken lesen konnte, entstieg der Geisterreiter dem See. Er näherte sich auf seinem grausigen Pferd reitend mit fordernder Geste. Ohne sich beirren zu lassen, lenkte er sein Pferd bedrohlich auf Tiriel zu, die wie angewurzelt stehen blieb. Als das dunkle Ross einen seiner unirdischen Rufe ausstieß und mit den Hufen stampfte, verlor Dhûne die Nerven und floh. Mit einem weiten Satz war der Geisterreiter mitten unter uns und streckte Tiriel mit einem einzigen Streich nieder, entriss ihr das Amulett und kehrte wieder in den See zurück.

Nachdem Andarell die Bardin wieder auf die Beine gebracht hatte und unser junger Magier wieder zu uns gestoßen war, entschieden wir uns, den See zu verlassen. Wir machten uns auf den Weg zu dem Ort, an dem die Ossingheimer Abordnung in den Hinterhalt der Grugach geraten sein soll.

Durch die kundige Führung von Baal gelang es uns leicht den Schauplatz dieser Gräueltat zu finden. Dort hingen an einem Baum langsam im Wind hin- und herschaukelnd drei aufgeknüpfte und halb verweste menschliche Leichen. Baal untersuchte die Lichtung und konnte Spuren entdecken. Diese Spuren führten zu einer Talmulde, in der die Leichen von vielleicht 150 Elfen lagen ... Männer ... Frauen ... Kinder ... offensichtlich war das Volk der Grugach hier niedergemetzelt worden. Die Leichen waren von grausamen Biss- und Klauenspuren gezeichnet. Welchen Bestien waren die Elfen zum Opfer gefallen? Dieser Fund deckte sich in keiner Weise mit der Geschichte, die uns das Dorfoberhaupt und Dyson erzählt hatten. Immer mehr Hinweise passten nicht zusammen. Unser Misstrauen war geweckt.

Nach diesem erschütternden Fund hing jeder seinen Gedanken nach und dementsprechend schweigsam gingen wir zurück in Richtung Ossingheim. Als wir den kleinen Weiler erreichten, war die Nacht hereingebrochen. Ossingheim lag wie ausgestorben vor uns. Nur in der Versammlungshalle brannte Licht. Da die Funde dieses Tages unser Misstrauen erweckt hatten, schlichen wir vorsichtig zur Halle, um die dort wohl stattfindende Versammlung zu belauschen. Jedoch war die Versammlung schon beendet. So zeigten wir uns und traten in die Versammlungshalle ein. Beim Eintreten wirkte Andarell einen Zauber, um das Böse an diesem Ort zu entdecken. Zu unserem Erschrecken teilte sie uns mit, dass die meisten Einwohner des Ortes das Böse in sich trugen!!! Insbesondere Dyson, Tully und der Kuckuck strahlten eine starke böse Aura aus! Beim anschließenden Gespräch mit Dyson herrschte daher eine angespannte Stimmung und wir versuchten, möglichst wenig über unsere Vermutungen preiszugeben. Dyson versuchte ein weiteres mal uns davon zu überzeugen, dass der Geisterreiter der Kern des Übels sei und wir diesen so schnell wie möglich besiegen sollten.

Abends schlenderten wir mit geschärftem Blick und gespitzten Ohren durch Ossingheim, um mehr über das herauszufinden, was in dem kleinen Ort vor sich ging. Dhûne machte den mutigen Vorschlag, dass er in Dysons Studierzimmer eindringen könnte, um dieses zu untersuchen. Dort sollte am ehesten etwas über die Machenschaften des verdächtigen Zauberers herauszufinden sein. So trennte sich Dhûne von uns, um seinen Plan in die Tat umzusetzen. Wir begaben uns währenddessen mit einem unguten Gefühl in unser Gästehaus. Vielleicht hatte Dyson unser Misstrauen gespürt und bemerkt, dass Andarell einen Zauber gewirkt hatte. Vielleicht blühte uns jetzt ja ein ähnliches Schicksal wie den erschlagenen Elfen. Wir mussten mit dem Schlimmsten rechnen. Nach schier endlos erscheinenden Minuten des bangen Wartens klopfte es an unserer Tür. Die Tür öffnete sich und im Türrahmen zeichnete sich im Dämmerlicht des mondbeschienenen Dorfes die Silhouette von Dhûne ab. Mit einem schnellen Schritt trat er ein und schloss hastig die Tür hinter sich. Er berichtete uns, dass er in Dysons Studierzimmer gewesen sei und dort ein Tagebuch in einer ihm unbekannten Sprache an sich gebracht habe. Sobald Dyson das Fehlen des Tagebuchs bemerkte, würde dieser sicherlich schnell darauf kommen, wer es entwendet hatte. Unter Umständen würde es zu einem nächtlichen Angriff kommen. Nach kurzer Beratung entschieden wir, dass es das Beste sei Ossingheim so schnell wie möglich zu verlassen und uns im nahen Wald zu verbergen. Eilig packten wir unsere Sachen zusammen und schlichen uns im Schutz der Dunkelheit aus dem Ort. Der Mond lag hinter langsam dahinziehenden Wolken verborgen. In unsere Umhänge gehüllt schlichen wir durch den stillen Ort und wandten uns nach Norden. Mit einem unguten Gefühl betrachtete ich die dräuenden Steine des Doppelsteinkreises. Wie sie so über uns aufragten, wirkten sie auf mich wie unerbittliche Hüter. Nach etlichen bangen Momenten hatten wir den Rand des Waldes erreicht – ohne aufgehalten worden zu sein. Wir schlugen uns tiefer in den Wald. Dabei versuchte Baal unsere Spuren so gut wie möglich zu verbergen. Immer tiefer wanderten wir in den düsteren Wald. Die Zeit schien sich endlos zu dehnen und jedes Zeitgefühl kam mir abhanden. Schließlich öffnete sich der Wald und vor uns lag ein geschützt liegender Hain. Uralte Bäume umstanden eine kleine Lichtung. Der Ort strahlte Ruhe und Frieden aus. Dort schlugen wir unser Nachtlager auf. Viel Schlaf würden wir in dieser Nacht nicht finden. Gerade als wir unsere Schlafrollen ausgebreitet hatten und wir uns zur weiteren Beratung zusammensetzten, schreckte uns ein lautes Knarren auf. Die Bäume bewegten sich! Drei der riesigen Bäume traten mit langen Schritten auf die Lichtung. Erschreckt griffen wir nach den Waffen. Mit einer tiefen und brummenden Stimme forderte uns der größte der Bäume auf, wir sollten seinen Wald verlassen. Dann schlug er mit einigen Ästen nach mir und nur mit Mühe konnte ich dem Angriff ausweichen. Ohne zu zögern wirkte Dhûne einen Zauber und steckte den Baum mit einem Flammenpfeil in Brand. Zwar löschte Andarell das Feuer mit ihrer göttlichen Magie. Dennoch ergriff das Baumwesen um Gnade flehend die Flucht.

Nach dieser Begegnung setzten wir uns wieder zusammen, um Dysons Tagebuch zu untersuchen. Dabei huschten unsere Blicke immer wieder zum Rand der Lichtung, jederzeit auf einen neuerlichen Angriff gefasst. Mit Hilfe der Kraft ihrer Göttin konnte Andarell das Tagebuch entziffern und uns vorlesen. Die Seiten dieses Tagebuches offenbarten uns eine Verschwörung von erschreckendem Ausmaß. Dyson wollte uns zu Schachfiguren in seinem finsteren Spiel machen. Dyson ist in Wirklichkeit ein Abgesandter der Cathezar – einer Vereinigung unheiliger Dämonenfreunde. Er wurde ausgesandt den Zauber des Steinkreises zu ergründen. Mit Hilfe der Macht dieser Magie hat er fast alle Wesen der Umgebung unter seine Kontrolle gebracht und die Bewohner von Ossingheim gegen verwandelte Tiere ausgetauscht. Der Kuckuck ist ein Vrock – ein schrecklicher vogelartiger Dämon – der die Gestalt eines Spielmanns angenommen hat, um Dyson bei seinen finsteren Taten zu unterstützen. Tully ist eine Katze, die Dyson in eine Frau verwandelt hat, um ihm als Gespielin zu dienen. Die Grugach hat Dyson mit Hilfe seiner dämonischen Verbündeten vernichtet, da die wilden Elfen seine Pläne behinderten. Der Geisterreiter ist die ruhelose Seele eines Paladins, den Dyson getötet und dessen Leiche er in dem unheiligen See versenkt hat. In uns hat Dyson nur närrische Abenteurer gesehen, die er mit Geschichten von Gold und Gräbern dazu bringen wollte, ihm seine Feinde endgültig vom Hals zu schaffen. Sogar die roten Magier von Thay, oder Teile von ihnen, scheinen mit den Cathezar verbündet zu sein.

Doch ein Eintrag weckte mein besonderes Interesse und raubt mir den Schlaf. In Yhaunn soll ein Prinz der Finsternis weilen.