Reisetagebuch
 
Reisebericht von Jonathan Schreiber
29. Marpenot 1359 T.Z.

N

ach einer viel zu kurzen Nacht wurden wir unsanft aus dem Schlaf gerissen. Obwohl wir schon die ganze Nacht nervös einen Angriff erwartet hatten, wurde Baal, der die letzten Wache hielt, überrascht. Wie aus dem Nichts tauchte Henwen mit ihrem Hobjah vor Baal auf und griff an. Sie wirkte einen Angstzauber und Baal ergriff die Flucht. Kurz nachdem wir Henwen und ihre Kreatur besiegt hatten, erschienen fünf weitere Hobjahs, die kreischend über uns herfielen. Nur mit Mühe konnten wir uns die kleinen Biester vom Hals schaffen. Bei Henwens Leiche fanden wir zwei merkwürdige Gegenstände. Einen Platinring, bei dem es sich wohl um die Komponente für einen Zauber handelte und einen Knochenstab.

Nach diesem Kampf machten wir uns auf den Weg zu den Hütern der Stille, dem letzten der Ossingheimer Monumente, das wir noch nicht untersucht hatten. Vielleicht würden wir auf diesem Weg auch Verbündete gegen Dyson finden. Die Grugach oder der Geisterreiter sollten ein Interesse daran haben, uns in diesem Kampf beizustehen. Der Weg zu den Hütern der Stille erwies sich jedoch als äußerst beschwerlich. Mühsam kämpften wir uns durch den Wald und an einem abgestorbenen und halb entrindeten Baum wurden wir von gegenseitigem Misstrauen und Verzweiflung erfüllt. Auf einmal war ich mir sicher, dass Tiriel die Gruppe auseinander bringen wollte. Alle Anzeichen schienen dafür zu sprechen. Schließlich hatte sie schon immer versucht, uns gegen Dhûne aufzubringen. Baal, der uns bis dahin sicher durch den Wald geführt hatte, verlor sein Selbstvertrauen und glaubte nicht mehr daran, dass wir je zu den Hütern der Stille finden könnten. Unser sonst so stoischer halborkischer Begleiter weigerte sich, uns tiefer in den Wald zu führen. Zu allem Überfluss wurden wir dann auch noch von den Grugach angegriffen. Wir versuchten einen Kampf zu verhindern und die Wildelfen von unseren guten Absichten zu überzeugen. Doch stießen wir bei diesen Barbaren auf taube Ohren. Gegen ihre Pfeile aus dem Hinterhalt waren wir auf Dauer machtlos. Verzweifelt mussten wir unseren aussichtlosen Weg durch den Wald aufgeben.

So verließen wir den Wald gen Norden. Dhûne wollte die Hoffnung jedoch noch nicht aufgeben. Er schlug uns vor, dass er zu dem Monument fliegen könne und uns dann am Waldrand treffen würde. So trennten wir uns ein weiteres mal von unserem mutigen Magier. Eine Stunde später stieß er wieder zu uns. Er schien zutiefst beunruhigt zu sein. Zwar hatte er bei den Monolithen nichts von Interesse finden können, doch hatte er auf dem Weg zu den Hütern weit über sich die dunkle Silhouette eines Drachen gesehen – ist uns Nachtschuppe etwa auf den Fersen?

Unsere letzte Spur war im Sand verlaufen ... und auf Verbündete gegen Dyson konnten wir in diesem verfluchten Wald auch nicht hoffen. Wenn wir uns Dyson stellen würden, könnten wir wahrscheinlich nicht einmal auf die Dankbarkeit der Waldbewohner zählen.

Hätte ich doch bloß dieses Versprechen nie gegeben ...

Doch blieb uns keine Wahl. Dyson würde uns so oder so jagen, denn wir hatten durch sein Tagebuch zu viel erfahren – die Jagd hatte ja schon begonnen, wie der morgendliche Angriff durch Henwen gezeigt hatte. Dann waren wir doch lieber Jäger als Gejagte! So machten wir uns auf den Weg nach Ossingheim. In der Nähe des Ortes schlugen wir unser Lager auf, um Schlachtpläne zu schmieden und unseren Angriff frisch gestärkt noch vor Anbruch des nächsten Tages zu führen. Nachdem wir Kriegsrat gehalten hatten, erklärte ich mich dazu bereit, als Späher zu fungieren. Sobald es dunkel geworden war, machte ich mich im Schutz meines Unsichtbarkeitsrings auf den Weg in den Ort.

Der Ort lag in völliger Dunkelheit vor mir. Nur aus Dysons Turm schimmerte ein kränkliches Licht. Die übrigen Häuser kauerten sich wie lauernde Wesen um den dunklen Dorfplatz. Vorsichtig schlich ich durch die dunklen Gassen des Ortes. Der Blick in einige der Häuser bestätigte, was wir aus Dysons Tagebuch schon wussten. Die Dörfler hausten in ihren Hütten wie die Tiere. Sie hatten sich in den Hütten Schlafmulden, Höhlen und Nester gebaut. Vorsichtig schlich ich von Haus zu Haus. Dann schreckte ich zusammen und meine Nackenhaare stellten sich auf. Auf dem von einem unheimlichen Steintor gekrönten Dach des Turms machte ich eine Bewegung aus. Gegen den blassen Mond zeichnete sich die dunkle Gestalt von Kuckuck ab. Trotz meiner Unsichtbarkeit hatte ich das Gefühl, dass sich sein Blick in mich bohrte. Er schien jede meiner Bewegungen zu beobachten ... ob ich mir das nur eingebildet habe? Auf jeden Fall entschied ich mich, den Ort schnellstens zu verlassen. Ich hatte alles gesehen, was es zu sehen gab. Unser Feind weilte wohl noch in seinem Turm.

Auf dem Rückweg wurde ich noch Zeuge eines merkwürdigen Ereignisses. Als ich meinen Blick noch einmal über das Dorf schweifen ließ wurde ich gewahr, dass sich eine große Menschenmenge auf dem Dorfplatz vor Dysons Turm versammelte ... schätzungsweise die Hälfte der Dorfbevölkerung. In einem langen Zug verließen sie das Dorf und marschierten auf der Straße nach Süden.