Reisetagebuch
 
Reisebericht von Jonathan Schreiber
30. Marpenot 1359 T.Z.

E

ndlich ist es soweit. Dhûne hat sein Zauberbuch zugeschlagen und Tiriel ihre Meditation beendet. Unsere Waffen sind geschärft und die Rüstungen angelegt. Andarell hat ihre Göttin angerufen und Erfolg für den kommenden Tag erfleht. Auch ich schicke ein kurzes Gebet zu Tymora. Herrin des Glücks, steh uns bei in dieser dunklen Stunde. Möge das Glück uns hold sein. Wir sind nur zu sechst und schicken uns an Krieg gegen ein ganzes Dorf von Tiermenschen, Dämonen und dunklen Zauberern zu führen. Sollten wir diesen Tag überleben, wird dies sicherlich der Stoff für eine epische Ballade.

Noch vor Sonnenaufgang machten wir uns auf den Weg nach Ossingheim. Nun war die Zeit gekommen Dyson zu stellen und seinen bösen Machenschaften ein Ende zu setzen. Wir hofften ihn in seinem Turm zu überraschen. Langsam näherten wir uns dem Dorf, das im Halbdunkel des beginnenden Tages lag. Alles schien still und der Ort vermittelte den trügerischen Eindruck von Frieden. Das einzige Geräusch, das an unsere Ohren drang, war das Rascheln des Grases, durch das wir schritten. Kein Lebewesen war auf den Gassen des Ortes zu sehen. Vorsichtig näherten wir uns mit gezogenen Waffen dem Turm des Magiers. Immer höher ragte der Turm über uns auf, während  wir uns über den Brunnenplatz näherten. Dann begann der Kampf um Ossingheim!

Wie auf ein geheimes Signal hin strömten Menschen aus den uns umgebenden Häusern und Gassen. Wir hielten unsere Waffen fest umklammert und erwarteten den Mob. Unser Ziel musste darin liegen Dyson zu finden und zu besiegen. Diese Tiermenschen waren nicht unsere wirklichen Feinde, sie sollten nur als Bauernopfer für Dysons Schlachtpläne dienen und uns aufhalten. Sofort wurde mir klar, dass ich die Menschenmenge umgehen musste, um so schnell wie möglich zum Turm zu gelangen. Ich rief meinen Gefährten noch „Zum Turm!“ zu und machte mich unsichtbar. Mit wenigen Schritten hatte ich die vor mir aufragende Ratshalle erreicht und schickte mich an, ihr Dach zu erklettern. Von dort sollte ich mit einem gewagten Sprung den Turm des Magiers erreichen können. Aus den Augenwinkeln konnte ich noch sehen, dass Tiriel wohl einen ähnlichen Gedanken gehabt und sich ebenfalls von der Gruppe getrennt hatte, um sich in die andere Richtung davonzumachen. 

Sobald ich das Dach erklettert hatte, holte ich meine Handarmbrust von der Seite und begann sie zu laden. Der Mob schloss einen Kreis um meine Gefährten. Noch wenige Herzschläge, dann wären Baal, Horken und Andarell umzingelt. Doch hoch über ihren Köpfen konnte ich Dhûne ausmachen, der sich wohl mit Hilfe seiner Magie in die Lüfte erhoben hatte. Er schien etwas zu murmeln, formte arkane Gesten und zaubert schwarze Tentakel herbei, die nach den erschreckten Dorfbewohnern griffen. Das sollte den Rücken meiner Gefährten freihalten. Andarell hielt ihr heiliges Symbol wie eine Standarte vor sich und rief mit lauter Stimme eine Beschwörung. Sofort schien vor ihr die Luft mit einem ohrenbetäubenden Schlag zu explodieren, der etliche der Dorfbewohner umwarf. Baal und Horken machten sich daran Seite an Seite in die so entstandene Bresche vorzustürmen.

Da zeigte sich der Kuckuck. Auf dem Dach des Turmes zeichnete sich seine Gestalt gegen den eisengrauen Himmel ab. Mit beschwörenden Gesten und unheiligen Worten rief er seine dämonischen Diener die Tana'ri herbei! Vor dem Turm erschienen einige plumpe Humanoide mit schwammigen, fast haarlosen Körpern. Ihr Haut war fahl weiß bis beige und ging an manchen Stellen in ein kränkliches Blau über. Ihre hängenden, sabbernden mit vielen kleinen Reißzähnen besetzten Münder stießen gepeinigte Schreie aus. Dretche!!! Von der anderen Seite des Platzes hörte ich Tiriels glockenhelle Stimme und einige der Kreaturen wurden mit gleißendem Glitzerstaub bedeckt, der diese blendete. Ich legte meine Handarmbrust an und schoss auf eine der Kreaturen, die daraufhin winselnd zusammenbrach. Über mir sah ich weiterhin die Gestalt des fliegenden Dhûne. Meine Gefährten kämpften sich mühsam über den Platz, aufgehalten durch die neuen Gegner. Plötzlich verschwand der Kuckuck, nur um im selben Moment mit einem höhnischen Lachen direkt neben mir wieder aufzutauchen. Von einem Moment auf den nächsten schien sich sein Gesicht in die Länge zu ziehen und sein Körper durchlief eine grauenhafte Metamorphose. Seine Gliedmaßen verlängerten sich, feines graues Gefieder entspross ihnen und seine Fingernägel verwandelten sich in messerscharfe Krallen. Auf seinem Rücken wuchsen große Schwingen und aus seinem Kopf brach ein langer Schnabel hervor. Dabei wuchs er immer weiter. Schließlich überragte er mich um mehr als einen halben Meter. Er sah aus, wie die furchterregende Kreuzung zwischen einem Menschen und einem Geier. Mit einem grausamen Krächzen schwang er sich in die Lüfte, um mich zu attackieren. Ich hechtete in Deckung und zog meine Peitsche. Der Dämon bedeckte mich mit üblen Sporen. Ich ließ meine Peitsche vorschnellen, konnte jedoch keinen sichtbaren Schaden anrichten. Der Kampf erschien aussichtslos für mich. Wie sollte ich es mit einer derartigen Kreatur aufnehmen. Da kam unerwartete Hilfe! Hinter dem Vrock tauchte eine riesige Eule auf, die ihn mit ihren Klauen und ihrem Schnabel angriff. Diesen Verbündeten hatte ich wohl Dhûne zu verdanken. Doch hatte der junge Magier damit die Aufmerksamkeit des Dämons auf sich gelenkt. Der Vrock verschwand und tauchte direkt hinter Dhune auf – meiner Reichweite entzogen! 

In dem Moment hörte ich Baal wütend aufschreien und konnte noch sehen, wie er sich ein Wurfmesser aus der Seite zog. In einer Seitengasse konnte ich Tully ausmachen, die Baal mit Wurfmessern aus dem Hinterhalt attackierte. Die Dretche vermehrten sich immer weiter, da sie ihrerseits neue Dretche herbeiriefen. Es schien fast so, als ob für jeden Gegner, den Andarells Streitkolben, Horkens Axt oder Baals Schwert niederstreckten ein neuer dazukommen würde. Ich rief Baal eine Warnung zu und da hatte er Tully auch schon entdeckt. Mit einem Hieb seines Ellbogens stieß er den Gegner zur Seite, mit dem er gerade kämpfte und folgte Tully mit erhobenem Bidenhänder in die Seitengasse. Gerade als ich mich vom Dach der Ratshalle herabschwang um meinen bedrängten Freunden beizustehen, hörte ich einen Schmerzensschrei aus eben jener Seitengasse. Baal! 

Vor mir konnte ich Andarell und Horken ausmachen, die sich durch dichtes Kampfgetümmel schlugen, um Baal zu Hilfe zu eilen. Sofort stürmte ich ihnen hinterher. Da hörte ich das keckernde Lachen der Dretche und in einer Verhöhnung der Allgemeinsprache den Ruf „Stinkiwolke“. Um uns herum begann eine übelriechende Wolke zu wabern, die mir fast die Luft zum Atmen nahm. Direkt neben mit konnte ich zwei der Dorfbewohner ausmachen, die sich übergaben. Schließlich konnte ich zu Andarell und Horken aufschließen. Direkt am Eingang der Seitengasse lag Baal, von einem weiteren Wurfmesser durchbohrt und schwach röchelnd – von Tully keine Spur. Zusammen mit Horken zerrte ich Baal aus der Seitengasse und Andarell brachte ihn mit ihrer heilenden Magie wieder auf die Beine. Über uns konnte ich noch Dhûnes Warnruf hören und aus einem Reflex heraus warf ich mich zur Seite. Da brach hinter mir auch schon das flammende Inferno los. Mit einem lauten Krachen schlug mitten unter meinen Gefährten ein Feuerball ein. Alles schien in Flammen zu stehen. Über mir hörte ich Dhûne rufen „Er ist im Turm! Dyson ist im Turm!“ 

Ich warf noch kurz einen Blick auf meine Gefährten, doch schienen Baal, Andarell und Horken den Angriff überlebt zu haben. Dann stürmte ich los. Ich ließ meine Peitsche vorschnellen und zog mich mit ihrer Hilfe wieder auf das Dach der Ratshalle. Ich überquerte dies mit wenigen langen Schritten und wagte dann den Sprung zum Turm hinüber. Während des Sprungs holte ich aus und ließ meine Peitsche erneut vorschnellen. Sie wickelte sich um einen Wasserspeier. Mit einem Ruck schlug ich gegen die Seite des Turms, fand einen Halt und begann eilig damit an der Außenseite des Turms hinaufzusteigen. Direkt über mir konnte ich Dhûne sehen, der auf eines der Turmfenster zuflog. Während ich weiter emporkletterte konnte ich sehen, wie Dhûne vor dem Turmfenster anhielt und einen Zauber sprach. Eine Flamme bildete sich in seiner Hand, die er in den Turm schleuderte. Aus dem Turm konnte ich einen schrecklichen Schrei hören. Das musste Dyson gewesen sein. Unter mir konnte ich die kletternde Gestalt Tiriels ausmachen. Schließlich erreichte auch ich das Turmfenster und konnte einen Blick in das Innere des Turms werfen. Dort stand Dhûne über die brennenden Überreste eines Stuhls gebeugt. Ein zufriedenes Lächeln kräuselte leicht seine Lippen. Dyson war in Feuer und Rauch verschwunden. Damit hatten wir uns wohl einen Dämon zum Feind gemacht Nachdem ihr Anführer besiegt war, machten sich der Kuckuck und Tully aus dem Staub. Die Dorfbevölkerung ergab sich. Viele von ihnen schienen verwirrt zu sein.

Der Sieg war unser!

Der Rest des Tages ist schnell erzählt. Gerade als ich den Turm durch das Fenster betreten hatte, zog Dhûne in einem Anfall von jugendlichem Leichtsinn einen der Folianten aus Dysons Bibliothek. Ich wollte noch einen warnenden Ruf ausstoßen, doch da war es auch schon geschehen. Dhûne hatte eine Falle ausgelöst und die ganze Bibliothek ging in Flammen auf. Es überraschte mich keineswegs, dass der dämonische Magier seinen wertvollsten Besitz vor unberechtigtem Zugriff gesichert hatte. Dhûne stieß einen Ruf der Enttäuschung aus und ballte zornig die Fäuste. Doch es war zu spät. Für unseren jungen Magier war gerade ein Schatz von unermesslichem Wert den Flammen zum Opfer gefallen. Mir war es eigentlich egal, was mit den okkulten Schriften passierte ... obwohl einige der Wälzer sicherlich einen schönen Preis erbracht hätten. Nachdem die Bibliothek in Flammen aufgegangen war, setzte Dhûne voller Zorn den ehemaligen Magierturm in Brand. Wie ein warnendes Fanal konnte man die Flammen am Turm hinaufzüngeln sehen und es hatte etwas befriedigendes, als das Gebäude schließlich in sich zusammenstürzte.

So wird es jedem üblen Magier ergehen, der sich uns in den Weg stellt.