Reisetagebuch
 
Reisebericht von Jonathan Schreiber
17. Uktar 1359 T.Z.

H

eute hat sich Vieles ereignet. Vieles über das sich zu berichten lohnt. Wieder einmal sind wir nur knapp einem grausamen Tod entronnen –viel zu knapp. Vor uns liegt eine lange Nacht, der ich mit bangem Erwarten entgegenblicke. Doch Tymora sei dank sind meine Gefährten bei mir. Wenn ich mich in der flackernd erleuchteten Grabkammer umschaue, sehe ich die dunklen Umrisse meiner Freunde: Baal, der mit der ihm so eigenen Gelassenheit sein großes Schwert schleift und dabei die Blicke immer wieder wachsam schweifen lässt, Dhûne, der sich schon früh in seine Decke gerollt hat und sich im Schlaf unruhig hin und herwirft und schließlich Andarell, die über dem starren Leib Horkens kauert und ein einsames Gebet flüstert. Unsere sonst so unerschütterliche Begleiterin scheint von Horkens Tod schwer mitgenommen zu sein. Eine Veränderung ist mit ihr vorgegangen.

Es war heute, am späten Nachmittag. Wir waren schon seit Stunden in den Gebeinen der Erde tief unter dem Nachtzahn. Eine weitere dunkle Gruft lag vor uns. Andarell war seit Horkens Tod auffallend geistesabwesend gewesen. Sie war uns nur halbherzig gefolgt, immer wieder konnte man sie etwas in ihrer rauen Sprache murmeln hören. Dann, wir hatten gerade einen nicht zu verachtenden Schatz in dieser Grabkammer geborgen, blieb Andarell stehen und sagte mit heiserer Stimme: „Ich kann Horken nicht zurücklassen ... nicht in diesen verfluchten Mauern. Ich werde zurückgehen und nötigenfalls alleine bei Horken wachen. Geht ohne mich weiter... Ich werde mit all meiner mir verbliebenen Kraft zu Berronar beten. Vielleicht wird meine Herrin meine Gebete erhören und Horken aus dem Reich des Todes zurücksenden.“

Natürlich ließen wir unsere Klerikerin nicht alleine. Zu viel hatten wir schon gemeinsam durchgestanden. Nach kurzer Beratung kamen wir zu dem Schluss, dass wir für Horken eine provisorische Bahre bauen und ihn mit uns nehmen würden. Sofort lenkten wir unsere Schritte zurück zu dem Altarraum, in dem der wackere Zwerg gefallen war. Auf dem Weg hielten wir kurz in dem Raum mit den Stallungen, um einige Bretter für die Trage zu besorgen. Schließlich erreichten wir den Altarraum und Andarell stürzte vor. Horken lag noch so, wie wir ihn zurückgelassen hatten. Sein bleiches Gesicht sah friedlich aus und man hätte denken können, dass er nur schlief. Aus einer Schlafrolle, etwas Seil und den Brettern bauten wir eine Bahre auf die wir den leblosen Zwerg betteten. Ohne zu zögern nahm Andarell die Bahre auf und zerrte ihren zwergischen Begleiter hinter uns her.

So konnten wir die Erforschung der Katakomben fortsetzen. Dhûne wirkte unzufrieden und getrieben. Er schien mit unserem bisherigen Fortkommen alles andere als glücklich zu sein. Er gemahnte uns daran, dass es noch eine Ebene im Turm gäbe, in der wir noch nicht gewesen wären. Schließlich gelangten wir in einen weiteren großen Gruftraum von dem etliche Türen abzweigten. In der Mitte dieses Raumes ragten drei mit Schädeln und Ranken verzierte Krypten auf. An den Türen der Grabmäler prangten elfische Namen. Hier schienen ausschließlich Elfen zu ruhen. Ich fragte mich, wo die anderen Diener des Kultes begraben liegen? Dann rief Dhûne nach mir. Er hatte etwas entdeckt. Der rotgewandete Magier stand vor einem Portal mit zwei Türflügeln. Er bedeutete mir, näher zu kommen.

Als ich neben ihn trat sah ich sofort, was seine Aufmerksamkeit geweckt hatte. In der Mitte des Portals prangte ein großes Schloss, dass wage an ein Drachenmaul erinnerte. Vorsichtig untersuchte ich das Portal nach Fallen, wurde jedoch nicht fündig. Dann holte ich mein abgegriffenes Ledertäschchen mit den Werkzeugen hervor. Ich rollte es auf und nahm einige Dietriche zur Hand, warf noch einmal einen Blick auf das Schloss und wählte zusätzlich einen ösenförmig gebogenen Draht. Sorgfältig steckte ich einen der Dietriche in das Schloss, schob den Draht hinterher und versuchte mit viel Fingerspitzengefühl den Schließmechanismus zu bewegen. Erste Schweißperlen traten auf meine Stirn. Ich zog den Draht heraus, verbog ihn leicht und wählte einen weiteren Dietrich ... doch vergebens. Alle meine Bemühungen scheiterten. Dieses Schloss war sorgsamer angefertigt als jedes, welches ich bisher gesehen hatte. Ein meisterhafter Schlosser musste es erdacht haben. Enttäuscht wendete ich mich ab und zuckte mit den Schultern. Bei diesem Schloss müssten wir wohl tatsächlich nach einem Schlüssel suchen. Da trat Andarell, die geduldig neben Horkens Bahre gewartet hatte, neben mich und legte ihre Hand auf meine Schulter. Sie sprach einen kurzen Vers und ich spürte eine leichte Wärme durch ihre Finger auf mich übergehen. Diese Wärme breitete sich prickelnd in meinem Körper aus, schien meinen Geist zu beleben und meinen Blick zu schärfen. Auf das Portal deutend sagte sie: „Versuch es noch einmal.“

Und tatsächlich, mit Berronars Hilfe gelang mir das schier Unmögliche. Mit einem leisen Klacken sprang das Schloss auf. Ich verbeugte mich kurz vor Andarell und ließ dann die Doppelflügel aufschwingen. Vor uns lag ein großer Raum, der vollständig mit rotem Marmor gefliest war. In der Mitte dieses Raumes stand eine fast drei Schritt hohe Drachenstatue. In ihrem Maul konnte ich etwas glitzern sehen. Konnte es möglich sein und dies war der erste Teil des Drachenschlüssels? Ich bedeutete meinen Gefährten zu warten und untersuchte den Boden des Raumes auf etwaige Fallen. Alles schien soweit sicher zu sein. Als ich meinen Gefährten bedeutete näher zu kommen, trat Dhûne vor, sprach eine kurze arkane Formel und wies mit seinem langgliedrigem Zeigefinger auf das glitzernde Etwas im Drachenmaul. Es ruckte, schien sich in Dhûnes Richtung zu bewegen. Doch dann schnappte das Maul des Drachen mit lautem Krachen zu. Für einen kurzen Moment dachte ich an einen Mechanismus, doch dann kam Leben in die Statue. Es schien sich um einen Gargyl zu handeln. Die belebte Statue flog heran und griff uns mit Klauen, Maul und Schwanz an. Wir hieben auf die steinharte Haut des Wesens und mit einem gewagten Satz gelangte ich in den Rücken der Kreatur. Ein genauer Hieb meiner Peitsche in das Rückrat des Wesens lies es erbeben und dann brach es zusammen und zerfiel in etliche Steinsplitter. In den Trümmern konnten wir schließlich finden, wonach wir gesucht hatten. Im zerbrochenen Maul lag ein kleines glitzerndes Metallstück, geformt wie das Maul eines Drachen. Dabei könnte es sich um den Bart eines Schlüssels handeln. „Das war viel zu leicht,“ war alles, was Dhûne dazu mit gerunzelter Stirn sagte.

Nachdem wir einen weiteren Sarkophag geöffnet hatten, ohne darin mehr als einige Silbermünzen zu entdecken, entschieden wir uns dazu, die Ruhe der Toten nicht weiter zu stören. Hinter der nächsten Tür lag ein Raum, an dessen Ende ein großer Springbrunnen stand, der die Form eines auf den Hinterläufen stehenden Drachens hatte. Der Boden des Raumes war mit Schutt bedeckt. Als ich einige Schuttbrocken mit dem Fuß beiseite schob, kamen Fliesen zum Vorschein. Am Fuße des Brunnens, ebenfalls vom Schutt verborgen, konnte ich eine weitere Inschrift in einer mir unbekannten Sprache entdecken. Ich winkte Dhûne heran und dieser beugte sich mit konzentriertem Gesichtsausdruck über die Inschrift. Dann zückte er eine Feder und schrieb einen kurzen Satz auf ein Stück Pergament. Er reichte uns die Übersetzung mit der Warnung, die Worte nicht laut vorzulesen. Unsere Erfahrungen im Altarraum mahnten zur Vorsicht. Dort stand:

Zerbrich die Bande der Zeit,
bis dass Ashardalon zurückkehrt.

Daraus wurden wir nicht schlau. Am Rand des Brunnens entdeckten wir eine getrocknete Schaumschicht. Dhûne mutmaßte, dass es sich dabei wohl um einen eingetrockneten Zaubertrank handele.

Unverrichteter Dinge kehrten wir dem Springbrunnen den Rücken und wendeten uns einem bisher noch unerforschten breiten Gang zu, der von der Stallung abging. Dieser Gang führte durch zwei Doppeltüren und endete in einem leeren Raum. Die eine Ecke des Raumes wölbte sich halbrund vor. In der Mitte dieser Wölbung war ein leerer Torbogen. Dieser Torbogen schien jedoch nirgendwo hinzuführen. Denn zwischen den Pfeilern des Tores befand sich derselbe schwarze Stein, aus dem auch die Gänge geschlagen waren. Auch eine nähere Untersuchung förderte keine Hinweise auf eine Geheimtür zutage. Neben dem Torbogen war eine kleine Eisenkiste in die Wand eingelassen, in deren Mitte sich ein Schlüsselloch befand. Ich holte den Bart des Drachenschlüssels aus meinem Gepäck und verglich ihn mit dem Schlüsselloch. Von der Form her könnte der Schlüssel auf dieses Schloss passen. Vielleicht hatten wir ja den Eingang zum Herz des Nachtzahn entdeckt. Mit einem lauten Räuspern bat uns Andarell, diesen Raum zu verlassen. Sie habe hier das ungute Gefühl beobachtet zu werden.

Eiligen Schrittes verließen wir den Raum, folgten einigen uns schon bekannten Gängen um dann die Erforschung des noch unbekannten Teils der Katakomben fortzusetzen. Ein langer Gang führte uns zu einem Raum, in dem zwischen etlichen Trümmerteilen drei Sarkophage standen. Diese waren aufgebrochen und die Leichen, die sie einst beherbergt hatten, lagen geschändet im Raum. Zwischen den Trümmern verteilt lagen offensichtlich wertvolle Grabbeigaben. Ein weiterer Gang führte von diesem Raum in die Dunkelheit. Ich ließ mich auf ein Knie nieder, um einen unter einem Sarkophagdeckel verborgen liegenden mit Smaragden besetzten Kristallkelch näher in Augenschein zu nehmen. Im letzten Moment rettete mich ein Warnschrei von Baal.

Mit einem schnellen Sprung brachte ich mich in Sicherheit und zückte in der selben Bewegung meine Peitsche. Wo ich gerade eben noch gekniet hatte wurden die Trümmer mit schier übermenschlicher Kraft von einer knöchernen Krallenfaust zerschmettert. Aus der Deckung der Trümmer waren fünf Mohrgs hervorgesprungen, die erbarmungslos über uns herfielen. Sie wurden von einem verzehrenden Hass auf alles Lebende angetrieben. Nach unserer ersten Begegnung mit einer dieser Kreaturen hatte Andarell uns erklärt, dass es sich bei ihnen um die belebten Körper von Massenmördern oder ähnlichen Verbrechern handelte, die gestorben waren, ohne für ihre Taten zu büßen. Und jetzt standen fünf dieser fast skelettierten Leichname vor uns und versuchten uns mit ihren langen, knorpeligen und mit Krallen ausgestatteten Zungen zu erwischen. Drei der Kreaturen waren direkt neben mir aufgetaucht und setzten mir schwer mit ihren Hieben zu. Baal schrie wie ein Tier, als Klauen nach ihm griffen und schlug mit seinem Zweihänder zu. Am Eingang konnte ich Andarell mit hoch erhobenem heiligen Amulett stehen sehen. Sie strahlte eine mächtige Aura des Lebens aus. Doch prallte die Macht ihrer Göttin an diesen Wesen wirkungslos ab. Als die Kreaturen ihre Bemühungen nur mit höhnischem Lachen quittierten, stahl sich ein Ausdruck von Furcht auf das Gesicht der Klerikerin.

Der Kampf wütete und ich hatte genug damit zu tun, am Leben zu bleiben. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Baal betäubt von dem Zungenhieb eines der Mohrgs zu Boden stürzte. Neben ihm tauchte eine große mit einem Speer bewaffnete Salamanderkreatur auf. Wahrscheinlich war sie von Dhûne herbeigerufen. Trotz etlicher Schläge gingen die Mohrgs nicht zu Boden. Ich aktivierte meinen Ring und duckte mich unter den Hieben der mich umzingelnden Untoten durch, um in Baals Richtung zu gelangen. Der Mohrg, der ihn niedergestreckt hatte, begann den reglosen Körper des Halborks in den dunklen Gang zu ziehen. Dabei achtete die Kreatur wenig auf den Salamander, dessen Schläge ihr untotes Fleisch hatten in Flammen aufgehen lassen. Andarell beschwor einen mächtigen Lichtblitz, der in eine der Kreaturen einschlug. Der Gestank von brennendem Fleisch und Verwesung verpestete die Kammer. Ein Säurepfeil schoss aus dem Eingang, nur knapp an einem der Wesen vorbei. Schließlich war ich zu Baal gelangt und stellte mich schützend über ihn. Immer weiter hieb ich auf die Kreatur ein, die von Baal abgelassen hatte. Dann brach diese mit einem unirdischen Schrei zusammen und taumelte einen Schritt auf den düsteren Ausgang des Raumes zu. Da sie in Flammen stand, offenbarte sie mir ein erschreckendes Bild. Direkt an den Raum schloss sich ein riesiger Abgrund an, in den die brennende Kreatur hinabstürzte. Wie eine Fackel fiel sie bestimmt 30 Schritt in die Tiefe. Krachend erreichte der geschundene Leichnam den Boden des Abgrundes. Und dort schienen die Legionen des Todes zu hausen. Das Bild brannte sich in meinen Geist ein und wird mir sicherlich schlaflose Nächte bereiten. Denn dort sah ich im Schein des brennenden Körpers Hunderte von wandelnden Toten.

Obwohl wir eine der Kreaturen niedergestreckt hatten, schien sich der Kampf nicht zu unseren Gunsten zu wenden. Denn immer noch standen vier der Wesen, die ohne zu ermüden immer weiterkämpfen würden. Plötzlich traten drei der Kreaturen an den Rand des Raumes. Die Vierte offenbarte eine Kette aus kleinen goldenen Kugeln, die um ihren Hals hing. Sie nahm eine dieser Kugeln und warf sie in Richtung Dhûne und Andarell. Mit lautem Krachen explodierte die Kugel in einem Feuerball. „Benutze den Stab Jona,“ hörte ich Dhûne rufen. Sofort ließ ich mein Kurzschwert fallen und zog den Stab des Kossuth-Klerikers. Laut rufend beschwor ich seine magische Macht und eine der Kreaturen ging in Flammen auf und verbrannte zu Asche. Wie ein Bollwerk stand Andarell am Eingang des Raumes und erwehrte sich der wieder auf sie einstürmenden Kreaturen. Eine weitere ging von einem von Dhûnes Feuerpfeilen getroffen zu Boden. Ein weiteres Mal versuchte ich die Kraft des Stabes herbeizurufen, doch nichts geschah ... ich musste einen Fehler bei der Beschwörung gemacht haben. Noch einmal deutete ich auf den Mohrg, der Andarell bedrängte und die Kreatur wurde ebenfalls von göttlichen Flammen verzehrt. Sofort stürzte sich Andarell auf den letzten noch stehenden Mohrg. Ich schwang den Stab erneut, doch da durchzuckte mich ein Schmerz. Meine Hand schien in Flammen zu stehen und in meinem Kopf hörte ich das laute Prasseln eines gewaltigen Feuers. Mit einem Schmerzensschrei ließ ich den Stab fallen, während Andarell den letzten Untoten niederstreckte.

Nach dem Kampf sammelten wir uns und leckten unsere Wunden. Diese Auseinandersetzung hatte ihren Tribut gefordert. Nachdem ich Baal wieder auf die Beine geholfen hatte, sammelte ich alle wertvollen Grabbeigaben ein, die ich finden konnte. Die Toten brauchten diese Schätze schließlich nicht mehr. Bei einem der Mohrgs fanden wir eine unscheinbare Kette und einen Ring. Als ich meinen Gefährten von dem Grauen berichtete, dass sich an diese Kammer anschloss, wurde Dhûne von Leichtsinn gepackt. Er erhob sich mithilfe seiner magischen Kräfte in die Lüfte und flog von dannen, um die riesige Höhle zu erkunden. Kaum hatte er sich aufgemacht durchfuhr uns ein Schaudern. In der Tiefe der Höhle konnten wir ein leichtes Schimmern ausmachen. Vier Gestalten schwebten in der Dunkelheit direkt über einem 18 Schritt hohen Tafelfelsen. Diese Geister schienen direkt auf etwas zuzufliegen – Dhûne!? Augenblicke später hörten wir die Stimme unseres Freundes aus dem Gang, durch den wir in diese Kammer gelangt waren. „Flieht!“ rief er uns zu und das taten wir auch. Wir eilten durch den Eingang und schlugen die Tür hinter uns zu. Keinen Augenblick zu früh. In dem Gang stand der schwer atmende Dhûne, der uns berichtete, dass diese Geister ihn angriffen, nachdem er auf dem Tafelfelsen eine Drachenstatue mit dem zweiten Schlüsselteil entdeckt hatte. Müde schleppten wir uns zu einer nahe gelegenen Grabkammer, um dort zu rasten. Der zweite Teil des Drachenschlüssels musste bis Morgen warten. Dieser Tag hatte uns an den Rand der Erschöpfung getrieben. Bevor wir die Kraft aufbringen konnten noch tiefer in die Katakomben vorzudringen, mussten wir unsere Wunden versorgen.