Reisetagebuch
 
Reisebericht von Jonathan Schreiber
18. Uktar 1359 T.Z.

D

ie Minuten schienen sich wie Stunden dahinzuziehen. Endlich war ich in einen leichten Schlummer verfallen, da wurde ich auch schon wieder wach. War ich schon mit meiner Wache an der Reihe? Mühsam rappelte ich mich hoch und stützte mich auf den Ellbogen ab. Mit einer Hand rieb ich mir den Schlaf aus den Augen. In einer Ecke der kleinen Kammer sah ich Andarell neben Dhûne knien. Baal stand mit besorgter Miene neben den Beiden. Andarell wischte dem Magier mit einem feuchten Lappen über das schweißglänzende Gesicht. Auf einer kleinen Feuerstelle stand ein Topf, in dem Wasser zu kochen schien. Andarell wendete sich von Dhûne ab und befeuchtete weitere Lappen mit Wasser aus ihrer Feldflasche, die sie dann um die Waden des Magiers wickelte. Nachdem sie mit beruhigender Stimme etwas zu Dhûne gemurmelt hat, wendet sie sich dem Topf zu. Aus ihrer Heilertasche zog sie einige Kräuter, die sie in das kochende Wasser gab. Dem Topf entströmte ein leicht bitterer Duft, der die stickige Luft der Grabkammer vertrieb. Als ich mich endgültig von meinem Lager hochstemmte und Andarell mit gepresster Stimme fragte, was mit Dhûne sei, antwortete sie nur: „Es ist das Dämonenfieber. Heute können wir nichts mehr für ihn tun. Ich bereite ihm etwas zu, so dass er – so Berronar es will – wenigstens ruhig schlafen kann. Morgen werde ich meine Göttin darum bitten, mir die Kraft ihn zu heilen zu geben.“

Kaum war ich wieder eingeschlafen, da rüttelte mich auch schon Baal unsanft an der Schulter. Er schaute nur kurz, ob ich wach geworden war, und rollte sich dann in seine Felle zum Schlafen. So saß ich da, bemüht die Augen offen zu halten. Dhûne lag in seiner Decke zusammengerollt. Er schien fest zu schlafen. Baal jedoch wurde wohl von unruhigen Träumen geplagt. Er wälzte sich auf seiner Bettstatt hin und her und stöhnte im Schlaf. Dies war aber auch ein Tag gewesen, von dem man Alpträume bekommen konnte. Schließlich war meine Wachzeit vorbei und ich weckte Andarell. Sobald ich mich in meine Decken gerollt hatte, verfiel ich in tiefen und glücklicherweise traumlosen Schlaf. Endlich war die Nacht vorbei und Andarell weckte uns zu einem kargen Frühstück. Baal berichtete uns von schlimmen Träumen, die ihn in der Nacht heimgesucht hatten. Die Nachtvetteln waren ihm im Traum erschienen und hatten ihn die ganze Nacht gequält . War das vielleicht mehr als ein Traum gewesen?

Nach dem Mahl wendete sich Andarell jedem Einzelnen von uns zu, um unsere Schmerzen zu lindern. Dieser eine Tag in den Katakomben hatte an uns allen gezehrt. Gift und die Berührungen der Untoten hatten unsere Lebensgeister geschwächt. Doch Andarell gelang es unsere Vitalität wieder herzustellen. Nachdem sie uns alle mit der Kraft ihrer Göttin berührt hatte, waren unsere Leiden wie weggeblasen. Sogar Dhûnes Krankheit konnte sie heilen, so dass der etwas zerzaust wirkende Magier sich an seine Bücher setzen konnte, um Zauber für den kommenden Tag vorzubereiten.

Schließlich wandte sie sich Horken zu. Behutsam legte sie ihn zurecht und kämmte seinen Bart. Dann holte sie etliche Kerzen aus ihrem Rucksack, die sie um Horken herum aufstellte und dann mit ihrem Fidibus entzündete. Den Edelstein, den sie von mir für dieses Ritual erbeten hatte – meine ganzen Ersparnisse – legte sie auf Horkens Brust. Schließlich kniete sie neben dem Zwergenkrieger nieder und stimmte einen dunklen Gesang an. Der Gesang erinnerte mich an das Grollen des Donners und das Knirschen von Gestein. Lange Zeit verharrte sie so und wiegte ihren Körper vor und zurück. Dann schien sich ein Lichtschein in dem Diamanten zu spiegeln. Nein, der Diamant fing an von innen heraus zu glühen. Immer heller strahlte der wertvolle Stein und schien gleichzeitig von diesem Licht aufgezehrt zu werden. Andarell nahm eine kleine Zinnflasche aus ihrem Gepäck und entkorkte sie. Der süßliche Geruch von starkem Met erfüllte die Luft. Ein heller Lichtblitz durchfuhr die Kammer, Andarells Gesang schien zu einem Höhepunkt zu kommen und sie setzte die Zinnflasche an Horkens Lippen. Mit einem Husten bäumte sich Horken auf und nahm einen kräftigen Schluck. Dann starrte er Andarell mit weit aufgerissenen Augen an und krächzte: „Nichts war die Lösung ...“

Schließlich brachen wir wieder auf. Schweigsam eilten wir zu der kleinen Kammer, in der wir gestern fast den Tod gefunden hatten. Nun galt es den zweiten Teil des Drachenschlüssels an uns zu bringen. Dhûne versuchte es zuerst mit Magie. Zwar schnappte das Maul dieser Drachenstatue nicht zu, doch saß der Schlüssel fest. Baal beschwor einen Falken, der jedoch in einem Blitz aufging, als er auf dem Tafelfelsen landete. Als Dhûne sich schließlich dem Felsen fliegend näherte, tauchten wieder die vier Geister auf. Offensichtlich waren sie die Wächter dieses Schlüsselteils. Sie hetzten Dhûne durch die Höhle, bis es schließlich Andarell gelang die blass schimmernden Gestalten mit der Kraft Berronars zu vertreiben. Nachdem Dhûne eine Münze auf die Drachenstatue geworfen hatte, die erst in Funken aufging, als sie den Boden des Felsens erreichte, wagte er es. Er griff nach dem Schlüsselteil und ein Schmerzensschrei entrang sich seinen Lippen. Ein heller Blitz schoss durch seinen Körper und ließ seine Haare zu Berge stehen. Von dieser Falle schwer verletzt kam er zu uns zurückgeflogen und ließ sich keuchend neben Andarell nieder, die ihm sofort die Hand auflegte. Das Schlüsselteil hatte er dem Maul des Steindrachens nicht entreißen können. Es schien dort fest verankert zu sein.