Reisetagebuch
 
Reisebericht von Jonathan Schreiber
09. Uktar 1359 T.Z.

D

ie Klippen ragten bestimmt fünfhundert Schritt über uns auf. Die sowieso schon schwachen Strahlen der Wintersonne drangen kaum bis in die Schlucht hinab und es herrschte frostige Kälte. Es war der zweite Tag seit unserer Begegnung mit Sturm, als sich eine vielleicht neunzig Schritt hohe Turmruine vor uns in der Schlucht abzeichnete. Ursprünglich muss dieser Turm mindestens 120 Schritt in die Höhe geragt haben. Der Turm war in einer mir gänzlich unbekannten Bauweise vollkommen aus schwarzem Stein erbaut. Sein Äußeres war mit Wasserspeiern und unheiligen Fratzen verziert, deren Funktion ich nicht einmal ansatzweise erahnen konnte. Direkt an die Front des Turms schmiegte sich ein kleiner Vorbau. Wir hatten den Nachtzahn erreicht.

Die Sonne versank als wir uns näherten. Es gab keinen offensichtlichen Eingang in das Innere des Turms. Zunächst warfen wir einen Blick in den Turmvorbau. An den Innenwänden des Gebäudes wuchsen dunkle Ranken empor. Auf dem Boden bot sich uns ein grausiger Anblick. Dort lagen die zusammengekrümmten Kadaver von vielleicht einem Dutzend Menschen und Elfen, zwei Kojoten und einigen Geiern. Als wir das kleine Gebäude betraten offenbarte sich uns, warum die Leichen in diesem Gebäude lagen. Die Ranken begannen sich zu bewegen und griffen nach uns. Gleichzeitig erklang ein unirdischer Gesang, der unsere Sinne benebelte. Geistesgegenwärtig stimmte Tiriel ein Lied an, dass uns von dem Bann befreite. Mit kräftigen Schlägen ihres Schwertes durchschnitt sie die Ranken und zerstörte das Pflanzenmonster. Die Untersuchung des Vorbaus förderte zwar keinen Eingang in den Turm zutage, jedoch fand Tiriel bei einer der Leichen einen Elfenumhang, den sie sich sogleich über die Schultern warf. Nach dieser unliebsamen Überraschung setzten wir die Untersuchung des Turms mit noch größerer Vorsicht fort. Doch auch auf den zweiten Blick konnten wir keinen Eingang finden. Vielleicht könnte man über das eingestürzte Dach in den Turm gelangen?

Der Turm übte eine starke Anziehungskraft auf mich aus – vielleicht war es auch nur meine wissenschaftliche Neugierde. Die fremde Architektur zog mich in ihren Bann. So erkletterte ich das Dach des kleinen Vorbaus, zückte mein Schreibzeug und begann damit, Skizzen vom Turm und den in seine Seiten geschlagenen Fratzen und Gargylen zu machen. Dabei konnte ich meine Gedanken kreisen lassen und hoffte darauf, dass mir noch einfallen würde, wie wir in den Turm gelangen könnten. Nach einiger Zeit wurde ich gewahr, dass der Himmel sich mehr und mehr über dem Turm zuzog. In einem beängstigenden Schauspiel formte sich ein Mahlstrom dunkler Wolken direkt über dem Turm. Ich warf einen Blick hinab zu meinen Gefährten und sah, dass auch sie gebannt dieses Schauspiel beobachteten. Doch wo war eigentlich Tiriel? Da sah ich, wie sie mit ihren Spinnenklettern-schuhen die Seite des Turms erstieg – mal wieder auf eigene Faust. Ich wollte ihr noch etwas zurufen, doch sie war schon so weit emporgestiegen, dass sie meine Stimme nicht mehr vernehmen konnte. Als sie schließlich den Rand des Turmes erreichte und sich über die Brüstung beugte, schnellte ein schemenhafter Fangarm vor und zog sie ins Innere. Sie stieß einen lauten Schrei des Entsetzens aus. Meine Gefährten brüllten durcheinander. Sofort schickte ich mich an, Tiriel zu folgen. Würde ich den Turm schnell genug erklettern können, um ihr zu Hilfe zu eilen? Aus den Augenwinkeln sah ich Dhûne, der an mir vorbei in die Höhe flog. Als er die abgebrochenen Zacken der Turmspitze erreichte, wurde er von einem unförmigen Schatten überragt. Aus dem Turm erhob sich auf großen Fledermausschwingen eine überdimensionierte, aufgequollene Kreatur. Geifer troff aus ihrem mit langen Greifzähnen besetzten Maul. Um das Maul herum hatte das Wesen etliche lange Tentakel, die schlängelnd in Dhûnes Richtung vorschossen. Von Tiriel keine Spur. Die dunklen Wolken schienen immer schneller um die Turmspitze zu wirbeln und Blitze zuckten herab. Dhûne beschwor zwei fliegende Kreaturen, um dem Dämon zu trotzen. Doch konnten sie gegen diesen Gegner nichts ausrichten. Dann ergriff der Dämon Dhûne mit einem seiner Tentakel und der Magier verstummte. Wie eine zerbrochene Puppe schleuderte er Dhûne in die Dunkelheit des Turms. Dann wandte sich der Dämon uns zu. Wir hatten uns mittlerweile in den Turmvorbau zurückgezogen, um eilig einen Schlachtplan zu schmieden. Mit den Worten „Habt ihr schon Angst? Habt ihr geglaubt, ihr könntet Gulthias bezwingen? Weinen soll die Welt!“ wandte sich die Kreatur von uns ab und verschwand in die Dunkelheit.

Nach einigen Momenten fassten wir Mut. Wenn die Kreatur wirklich davongeflogen war, könnte dies unsere einzige Gelegenheit sein, nach Tiriel und Dhûne zu schauen. Zusammen mit Baal erkletterte ich die schwindel-erregende Höhe des Turms. Durch die abgebröckelte Mauerkrone der Turmspitze konnte man nicht ins Innere des Turms blicken, da eine magische Finsternis die Sicht behinderte. Doch das Leben unserer Gefährten stand auf dem Spiel. Also wagten wir den Sprung ins Dunkel. Das flackernde Licht von Andarells immerhwährender Fackel, die ich mir in den Gürtel gesteckt hatte, erleuchtete eine schaurige Szenerie. In einem runden Turmzimmer lagen die verwesenden Überreste eines schwarzen Drachens auf einem kleinen Schatzhort. Der Leichnam war in der Mitte zerrissen und wies etliche Biss- und Kratzspuren auf. Wirklich beunruhigend war jedoch, dass der Kadaver Fressspuren aufwies. Etwa menschengroße Kreaturen hatten sich an dem riesigen Leichnam gelabt. In diesem Raum lagen auch unsere Gefährten. Der leblose Körper von Tiriel lag unnatürlich verdreht auf dem Drachenkörper. Dhûne fanden wir verkrümmt in einer Ecke, wie eine Marionette mit durchgeschnittenen Fäden. Bei Tymora, beide waren tot!

Doch blieb uns kaum Zeit den Tod unserer Gefährten zu betrauern. Denn sowohl Baal als auch ich schreckten fast gleichzeitig zusammen, als wir von unten ein knarrendes Geräusch hörten. Sofort zückten wir unsere Waffen. Mit zwei lagen Schritten stand ich zwischen den Überresten des Drachenkörpers und sah, dass dort eine Klapptür nach unten hin offen stand und eine Leiter in diese Öffnung hinabführte. Einige bleiche Gestalten kletterten diese Leiter mit abgehackten Bewegungen hinauf. Der erste Gruftschrecken hatte fast das Ende der Leiter erreicht und streckte seine leblosen Klauen nach mir aus. Ich antwortete mit einem beherzten Tritt in sein moderndes Gesicht und schlug dann mit meiner Peitsche auf ihn ein. Die von Selûnes Kraft durchdrungene Waffe hinterließ tiefe Striemen auf dem gepeinigten Körper des Untoten und nach wenigen Schlägen stürzte er die Leiter hinab. Der nächste Untote wurde von Baals Zweihänder fast in der Mitte gespalten. Nach kurzem Kampf hatten wir auch dem verbliebenen Gruftschrecken Frieden geschenkt. Kurz durchstöberten wir den Drachenschatz, konnten jedoch wenig Wertvolles finden. Eine knöcherne Sarkophagtür mit einer fast verblichenen Runeninschrift weckte zwar mein Interesse, jedoch hatten wir keine Zeit sie eingehend zu untersuchen. Wir zogen die Leiter empor um zu verhindern, dass uns weitere unangenehme Überraschungen von unten ereilten. Dann packte sich Baal den leblosen Körper von Dhûne auf den Rücken und kletterte den Turm wieder hinab. Ich wachte in der Zwischenzeit bei Tiriels Leichnam. Nach bangen Momenten des Wartens kam Baal endlich zurück. Ohne ein Wort zu verlieren nahm er sich jetzt Tiriel auf die Schulter und gemeinsam kletterten wir hinab. Am Fuße des Turms warteten Andarell und Horken schon auf uns. Andarells trauriger Gesichtsausdruck verriet mir sofort, dass für unsere Gefährten jede Hilfe zu spät kam. Der Nachtzahn hatte seine ersten Opfer gefordert.

Nach kurzer Beratung wurde uns klar, dass eine weitere Erforschung des Turms ohne die Hilfe unserer beiden Gefährten nur wenig Sinn machte. Die nächste größere Stadt war Yhaunn. Dahin mussten wir uns so schnell wie möglich begeben, um unsere gefallenen Gefährten wieder zurück ins Reich der Lebenden zu holen. So bauten wir aus einigen Stöcken, Stricken und zwei Schlafdecken behelfsmäßige Bahren, auf die wir die Leichen von Dhûne und Tiriel betteten.

10. Uktar 1359 T.Z.

Nach einer viel zu kurzen Nachtruhe in dem kleinen Turmvorbau weckte uns Andarell mit ihrem Morgengebet. Sie sprach den Segen ihrer Gottheit über uns, so dass wir nicht ermüden würden und dann begann unser langer Marsch. Wir wechselten uns damit ab, die Bahren mit unseren Gefährten zu ziehen. Immer wieder feuerten wir uns gegenseitig an und vor allem Andarell trieb uns unbarmherzig voran. So kämpften wir uns Schritt für Schritt gegen den schneidende Wind. Nachdem wir unzählige Stunden durch Wind und Schneegestöber marschiert waren– die blasse Sonne, die an diesem Tag nur selten durch die düstere Wolkendecke geschaut hatte, hatte ihren Zenith schon lange überschritten – sahen wir rote Segel am Horizont. In einer kleinen Bucht lagen Schiffe vor Anker. Die Segel und Fahnen dieser Schiffe zeigten uns unbekannte Flammensymbole. Wir näherten uns den Schiffen und trafen dort auf Kossuth-Prieser aus Thay, die auf dem Weg nach Yhaunn waren. Ich konnte die Priester dazu überreden, den roten Magier – der eine hohe Stellung in ihrer Heimat einnahm – wiederzubeleben. Nachdem ich ihnen erzählt hatte, dass es sich bei Tiriel um die Gespielin des Magiers handele, belebten sie auch die Halbelfe wieder. Anschließend legten wir erst einmal eine Rast ein. Wir waren vollkommen erschöpft und wären ohne Andarells Magie sicherlich zusammengebrochen.