Reisetagebuch
 
Reisebericht von Jonathan Schreiber
07. Uktar 1359 T.Z.

S

echs ereignislose Tage liegen jetzt hinter uns. Wir sind auf der kleinen Straße, die oft eher einem Feldweg ähnelte, durch Sembia in Richtung Yhaunn gereist. Das Land um uns herum wurde von Landwirtschaft und Weinbergen geprägt. Wir sind an etlichen kleinen Bauernhöfen, Obstgärten und einer großen Plantage vorbeigekommen. Manchmal konnten wir nachts die bescheidene Gastfreundschaft eines Bauern in Anspruch nehmen und manchmal mussten wir mit unseren eigenen Schlafrollen vorlieb nehmen. Gestern, am sechsten Tag unserer Reise, erreichten wir eine Kreuzung an der ein Schild mit der Aufschrift „Yhaunn 90 Meilen“ stand. Langsam neigt sich diese Reise ihrem Ende entgegen.

Heute sind wir weiter dem Weg gen Yhaunn gefolgt. Ein weiterer Tag auf der staubigen Straße lag vor uns. Gegen Mittag hatten wir eine denkwürdige Begegnung. Es war kurz nachdem wir eine Rast eingelegt hatten, um unsere müden Füße an einem kleinen Bach zu kühlen. Wir verspeisten einige Beeren, die Andarell im Laufe des Tages gesammelt hatte. Dazu knabberte ich an den Resten eines gegrillten Kaninchens, das Baal gestern erlegt hatte. Gerade hatten wir unsere Sachen zusammengepackt und uns wieder auf die Straße begeben, da fielen uns zwei Gestalten auf. Sie schienen in einiger Entfernung am Wegesrand auf uns zu warten. Es waren eine großgewachsene 35 bis 40 jährige Frau mit langen silbernen Haaren und ein vielleicht 12 jähriges Mädchen. Die Frau überragte mich um bestimmt eine Handspanne. Sie wirkte durch ihre gerade Haltung und ihre fein geschnittenen Gesichtszüge recht anziehend auf mich. Das Mädchen hatte dunkelblonde Haare und strahlte eine für ihr Alter auffallende Aura der Ruhe und Gelassenheit aus. Beide trugen einfache Reisekleidung.

Wir näherten uns den Beiden und nachdem wir Begrüßungen ausgetauscht hatten, stellte sich die Frau mit einem besorgten Seitenblick auf das Kind als Sturm Silberhand aus Schattental vor. Sie reise zusammen mit ihrer Schülerin Esodira und habe schon auf uns gewartet. Sie habe wichtige Angelegenheiten mit uns zu besprechen, die nicht für den Straßenrand bestimmt seien. Mit einem weiteren Seitenblick zu Esodira bedeutete sie uns, ihr zu folgen. Hinter ihr erschien ein schimmerndes Portal in der Luft, durch das Sturm und Esodira verschwanden. Unsere Neugierde war geweckt. Nachdem Tiriel uns erzählt hatte, dass Sturm Silberhand eines der berühmtesten Mitglieder der Harfner sei und wir ihr vertrauen könnten, folgten wir den Beiden. Ich trat als erster durch das Portal und ein Ruck durchlief mich. Für einen Moment schien die Zeit sich zu dehnen, ein kühles Prickeln überlief meine Haut und meine Nackenhärchen stellten sich auf.

Dann war der Moment auch schon vorbei. Ich stand in dem Foyer eines großen Herrenhauses. Ein Blick über die Schulter zeigte, dass sich hinter mir nicht das schimmernde Portal, sondern eine geöffnete Doppelflügeltür befand. Diese Tür gab den Blick auf eine weite Weidelandschaft preis. Die große Halle war mit Holz vertäfelt und eine angenehme Wärme lag in der Luft. Dies schien ein Ort der Ruhe und des Friedens zu sein. Eine weitläufige Treppe führte zu einer Empore. In der Mitte der Halle warteten Sturm und Esodira schon auf uns. Als ich einen Blick durch eines der hohen Fenster warf, stellte ich zu meiner Verwunderung fest, dass zwei Sonnen hoch am Himmel standen. Als wir alle durch das Portal getreten waren, schwang die Doppelflügeltür wie von Geisterhand zu. Ein Tablett mit fein gearbeiteten Tonbechern schwebte auf uns zu. Ich nahm einen der Becher. Bei dem Getränk handelte es sich um kühles Wasser, das schmeckte als sei es frisch aus einem Bergquell. Mit einem großen Schluck spülte ich mir den Straßenstaub aus der Kehle. Sturm hieß uns mit einer weitläufigen Geste in ihrem Herrenhaus willkommen, einem durch und durch magischen Ort. Sie winkte uns und wir folgten ihr in ein großes Studierzimmer, dass man wohl eher schon Bibliothek nennen sollte. Die Türen auf dem Weg schwangen alle von alleine auf und schlossen sich wieder hinter uns. Der Raum wurde von einem großen Schreibtisch beherrscht. An den Wänden standen hohe Bücherregale. Auf den freien Wandflächen zwischen den Bücherregalen fielen mir Fresken von goldenen Drachen ins Auge.

Ein weiteres mal begrüßte uns Sturm wieder mit einem kurzen Seitenblick zu der selbstsicher wirkenden Esodira. Sturm offenbarte uns, dass sie ein Mitglied der Harfner sei. Sie habe auf uns gewartet. Unser Weg der letzten Monde sei von den Harfnern beobachtet worden und sie habe ein Anliegen an uns heranzutragen. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich von den Augen Sturms in den Bann gezogen war, fiel mir auf, dass irgendetwas nicht stimmte. Unsere Gastgeberin wirkte unsicher und eingeschüchtert. Die Sätze kamen stockend über ihre fein geschwungenen Lippen und bei jedem zweiten Satz schaute sie fragend zu Esodira hinüber, gerade so als ob sie auf deren Bestätigung warten würde. Folgerichtig unterbrach Dhûne sie barsch und fragte, welches Spiel hier gespielt würde. Es gab einen kurzen Augenblick der Stille und dann ging eine unmerkliche Veränderung mit den Beiden vor. Sturms Haltung schien sich noch zu straffen und sie nahm die tänzerische Körperhaltung einer erfahrenen Schwertkämpferin an. Jetzt war es das Mädchen, das mit großen Augen zu Sturm hinaufblickte.

Mit befehlsgewohnter Stimme setzte Sturm zu einer Erklärung an: „Ich habe mit meiner Schülerin Rollen und Körper getauscht, damit ich abschätzen kann, wie weit Esodira mit ihrem Unterricht ist. Entschuldigt dieses kleine Verwirrspiel. Doch manchmal kann es sehr nützlich sein, die Welt durch die Augen eines Kindes zu betrachten. Als Kind hat man größere Freiheiten,“ mit einem Seitenblick zu mir und einem leichten Lächeln auf den Lippen fuhr sie fort: „Außerdem wird einem weniger Aufmerksamkeit gezollt.“ Unvermittelt verschwand das Lächeln wieder von ihren Lippen und ihre Stimme nahm einen drängenden Tonfall an: „Schatten ziehen in unserer Welt auf, dunkle Dinge gehen vor sich und eine große Verschwörung ist im Gange. Der Bund des Drachen scheint aufs Neue belebt zu werden. Die Anhänger des Bundes verehren Ashardalon wie einen Gott. Der schreckliche Drache ist auf eine andere Ebene verschwunden und seine Anhänger sehnen seine Rückkehr herbei. Mit Besorgnis haben die Harfner beobachtet, dass es zu einem unheiligen Bündnis von roten Drachen, schwarzen Drachen, Dunkelelfen, Gedankenschindern, den roten Magiern von Thay und den Cathezar gekommen ist. Der Griff des Drachen schließt sich ...“
Sie legte eine kurze Pause ein, um das Gesagte auf uns wirken zu lassen. Diese Informationen waren nicht neu für uns. Doch sie aus ihrem Mund zu hören, verlieh der Angelegenheit eine neue Dimension. Beklemmung machte sich in mir breit. Dann erhob Sturm die Stimme aufs Neue: „Die Harfner haben eure Reisen verfolgt – auch mit Hilfe von Tiriel. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass euer Schicksal mit dieser Angelegenheit verwoben ist. Ihr scheint dazu ausersehen zu sein, eine wichtige Rolle in dieser Geschichte zu spielen. Eure Reisen haben euch von einer Schwierigkeit in die Nächste geführt, immer auf den Spuren der besagten Verschwörung. Daher habe ich mich entschieden, euch anzusprechen. Eine wichtige Aufgabe ist zu erledigen. Es gibt eindeutige Hinweise darauf, dass Ashardalons Rückkehr kurz bevorsteht. Auf dem Weg nach Yhaunn werdet ihr durch eine Schlucht kommen. In dieser Schlucht steht seit Jahrhunderten der Nachtzahn. Der Nachtzahn ist ein Turm, der vor langer Zeit durch unheilige Kräfte errichtet wurde. Dieser Turm wurde nicht als einfache Wehranlage errichtet. Vielmehr war er ein Tempel, in dem der Drache verehrt wurde. Lange Zeit stand der Turm leer. Doch jetzt regt sich das Böse wieder in ihm. Alleine schon die Tatsache, dass euer Weg euch an diesem Turm vorbeiführt, scheint mir ein weiterer Wink der Vorsehung zu sein. Ich habe folgende Bitte an euch: Untersucht den Nachtzahn und findet heraus, was die Anhänger des Drachen dort im Schilde führen. Eure Belohung wird fürstlich sein. Wenn ihr Näheres in Erfahrung gebracht habt, begebt euch nach Dolchtal. Dort werden wir uns wiedersehen. Sollte ich nicht anwesend sein, dann fragt nach Randall Morn. Das Schicksal Faeruns liegt in euren Händen ...“

Die Entscheidung fiel uns nicht schwer. Natürlich würden wir Sturms Bitte nachkommen und dem Nachtzahn einen Besuch abstatten. Wie könnte man einer so schönen Frau auch einen Wunsch abschlagen ... vor allem wenn eine „fürstliche“ Belohnung lockt. Vielleicht würde sich dann auch noch die Gelegenheit ergeben, einige der Bücher in Sturms herausragender Bibliothek zu studieren. Für Tiriel könnte dieser Auftrag noch eine viel weitreichendere Bedeutung bekommen. Sturm stellte ihr die Aufnahme in den Bund der Harfner in Aussicht. Dieser Auftrag sei eine Art Prüfung, in der sie beweisen könne, dass sie es würdig sei Mitglied der Harfner zu werden. Dhûne unterbreitete Sturm ein ähnliches Angebot. Er solle darüber nachdenken, ob er nicht als Verbindungsmann und Spion der Harfner bei den roten Magiern tätig sein wolle.

Nachdem wir dem Auftrag zugestimmt hatten, bat ich Sturm noch um einen persönlichen Gefallen. Ich erzählte ihr von meinem Vater und fragte sie, ob das Netzwerk der Harfner nach ihm Ausschau halten könnte. Zum Abschied überreichte Sturm noch jedem von uns einen Ring. Wenn die Not groß sei, könnten wir uns mit diesen Ringen in Sicherheit bringen. Doch müssten wir uns dazu alle an den Händen halten. Denn nur zusammen würde der Zauber funktionieren.

So sei es. ... auf zu neuen Abenteuern ... auf zum Nachtzahn!