Reisetagebuch
 
Reisebericht von Jonathan Schreiber
01. Uktar 1359 T.Z.

O

ssingheim kam mir heute Morgen wie verwandelt vor. Als die ersten Strahlen der Morgensonne die Dächer des kleinen Ortes in einen rötlichen Schimmer tauchten, wirkte der Weiler das erste mal nicht bedrohlich auf mich. Von den niedergebrannten Trümmern des ehemaligen Magierturms zog eine schmale Rauchfahne in den Himmel. Die Sonne schien heller zu strahlen und der Himmel blauer zu sein. Tau glitzerte auf den Wegen des ruhig da liegenden Dörfchens. Nachdem wir Dyson zu Fall gebracht hatten, untersuchten wir den Ort noch einmal sehr gründlich, ohne jedoch einen Hinweis auf den Verbleib von Kuckuck oder Tully zu finden. Hoffentlich würden wir diesen verabscheuungswürdigen Feinden kein zweites mal begegnen. Die Dorfbewohner gingen uns aus dem Weg. Sie schienen verstört und ängstlich zu sein. Doch das Wohl Ossingheims lag nun nicht mehr in unseren Händen. Wir mussten das Dorf seinem Schicksal überlassen.

Nachdem wir unsere Sachen gepackt und Ossingheim ein letztes mal Lebewohl gesagt hatten, machten wir uns auf den Weg zu dem am Fuße des roten Pferdes liegenden See. Dort bargen wir die sterblichen Überreste des Geisterreiters. Mit diesen begaben wir uns zur Kapelle der neun Götter, um den Leichnam dort beizusetzen. Möge seine Seele Ruhe finden. Ohne un noch einmal umzublicken, verließen wir den Wald. Das Kapitel Ossingheim war Geschichte. Als wir den Wald gerade verlassen hatten, wurden wir schlagartig an das Grauen der letzten Tage erinnert. Schon von weiter Ferne konnten wir Rauchschwaden sehen und dann lag er vor uns: Der niedergebrannte Hof von Tabe. Spuren wiesen darauf hin, dass der Hof von den Bewohnern Ossingheims, die gestern den Ort verlassen hatten, in Flammen gesetzt worden war. In den schwelenden Trümmern fanden wir die halb verkohlten Leichen von Tabe und seiner Tochter Tanasha. Dieses Schicksal hatte der alte griesgrämige Mann nicht verdient. Wahrscheinlich hatte er einmal zu oft gesagt, dass Leute sich nicht in Dinge einmischen sollten, die sie nichts angehen. Schade um Tanasha, die ein recht süßes Ding war und sicherlich zu einer wunderschönen Frau herangewachsen wäre. Gerne hätte ich mich ein bisschen in ihrer Bewunderung für die Errettung ihres Dorfes gesonnt. Doch jetzt sind sie tot. Mögen sie in Frieden ruhen und zu ihren Göttern finden.

Ich bin heilfroh, dass wir den verfluchten Wald endlich verlassen. In einem Zehntag sollten wir Yhaunn, mein Zuhause, erreichen. Ich freue mich darauf, endlich einmal wieder das Haus meines Vaters zu betreten und meine Großmutter wiederzusehen. Außerdem wird es Zeit, dass meine Gefährten die Vorzüge Sembias kennen lernen... Sembia meine Heimat! Was für einen erfreulichen Klang dieses Wort doch hat. Zu guter letzt bringt mich dieser Weg auch wieder näher nach Lohental und somit in die Nähe von Sarel. Sicherlich werde ich von Yhaunn aus einen Boten schicken können. Oder sollte ich ihr selbst einen Besuch abstatten? Doch zuerst muss ich Näheres über meines Vaters Schicksal in Erfahrung bringen!