Reisetagebuch
 
Reisebericht von Jonathan Schreiber
14. Uktar 1359 T.Z.

W

ir sind dem Turm fürs Erste entkommen. Doch haben wir schon wieder einen Verlust zu beklagen. Baal ist in dem finsteren Gemäuer zurückgeblieben. Seinen Leichnam konnten wir nicht bergen. Nur eine Haarlocke bleibt uns von ihm, die Andarell bei sich trägt. In den letzten Tagen war es mir unmöglich, Einträge in meinem Tagebuch vorzunehmen. Heute müsste der 14. Uktar 1359 nach Taliser Zeitrechnung sein. Es fällt mir schwer, die Ereignisse der letzten Tage zu ordnen. Sie erscheinen mir wie ein Alptraum. Einzelne Bilder haben sich unauslöschlich in meinem Kopf eingebrannt. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich mich immer noch in den dunklen Gängen des Nachtzahns, verfolgt von erbarmungslosen Schatten. Doch gibt es einen Hoffnungsschimmer. Die Hoffnung darauf meinen Vater zu finden. Er muss vor nicht allzu langer Zeit im Nachtzahn gewesen sein. Vielleicht weilt er noch dort.

Auch wenn es mir wie ein aussichtsloses Unterfangen erscheint, will ich versuchen, die Ereignisse der letzten Tage niederzuschreiben. Mir wird es zwar unmöglich sein, das Geschehene zu sortieren, jedoch will ich alles aufzeichnen, was mir im Gedächtnis haften geblieben ist. Nachdem Tiriel und Dhûne ins Leben zurückgerufen worden waren, kehrten wir zu dem verfluchten Turm zurück. In der Mitte des Turms lag ein Balkon, durch den wir in den Nachtzahn eindringen konnten. Die dunklen Wände waren mit Fratzen und Dämonen verziert. Diese Wände schienen eine beunruhigende Aura des Bösen auszustrahlen, die ihnen wie ein schlechter Geruch anhing. Immer wieder habe ich ein Bild vor Augen, dass den Wahnsinn des Turms zu charakterisieren scheint. In einem der oberen Stockwerke fanden wir eine Tür, deren Oberfläche mit ineinander verschmolzenen Fratzen, Zähnen, Klauen und Tentakeln bedeckt war. Im Wahnsinn aufgerissene Augen, blicklose Pupillen und die leeren Höhlen von Totenschädeln schienen direkt in mein Innerstes zu starren. Auf der Tür standen die Worte „Hier ruht Oggunun Sathaar“. Hinter dieser Tür fanden wir einen Schacht, der in eine Ebene zwischen den Ebenen zu führen schien. Wir sind nicht in den Schacht hinabgestiegen und ich hoffe, dass wir nie erfahren müssen, was am Grund dieses Schachtes lauert.

Der gesamte Turm war ein einziges großes Grabmal. Während wir uns langsam von einem Stockwerk zum nächsten nach oben kämpften, stießen wir überall auf Spuren des Todes und des Unlebens. In den Räumen standen unzählige Urnen und wir kamen an vielen Sarkophagen vorbei. Immer wieder wurden wir von untoten Gestalten angegriffen – Zombies und Mohrgs trieben in diesem Gemäuer ihr Unwesen. Bei einem Kampf gegen grauenvolle Fleischgolems fiel Baal. Wir mussten diesen dunklen Weg daher ohne den tapferen Halbork weiter beschreiten. Die einzigen lebenden Bewohner des Turms waren geistlose Affenwesen mit vier Armen. Tiriel wusste zu berichten, dass man diese Bestien Girallons nennt. Doch waren diese Wesen auch nicht besser als die untoten Bewohner des Turms. Sie waren ausgezehrt, schmutzig und trugen wie zur Verhöhnung des Lebens Totenschädelmasken. So schrecklich war dieser Turm, dass er sogar einem Dämon Angst bereitete. In einer Zelle des Turms war nämlich ein Dämon eingekerkert – ein Vrock mit Namen Runat. Bevor ich diesen Gefangenen befreite, erfuhren wir einiges über den Turm und seinen Herren: Der Herr des Turms ist Gulthias, ein uralter Vampir der dem großen Drachen Ashardalon dient. In einem wahnsinnigen Massenselbstmord ging er mit allen Anhängern des Kultes in den Tod, nur um im Untod wieder aufzuerstehen. Sein ganzes Trachten gilt dem Rückruf von Ashardalon. Mögen die Götter verhindern, dass es soweit kommt.

Dennoch hielt der Turm für mich diesen winzigen Hoffnungsschimmer bereit. In einer mit Urnen vollgestellten Kammer fand ich auf dem Fußboden einen kleinen Fetzen Pergament. Dieses Pergament war mit der Handschrift meines Vaters bedeckt. Endlich ein Lebenszeichen! Bei einer langen und düsteren Rast im Turm las ich diese Zeilen immer wieder und wieder. Ich werde sie wohl mein Lebtag nicht mehr vergessen:

„Sie vermuteten den Yasil von Thay in dem alten Turm des Ashardalon-Kultes, der von den Menschen der Umgebung Nachtzahn genannt wird. Ist dies der Ursprung der Cathezar? Nur mit viel Glück konnte ich den Klauen der Zentarimfürsten entkommen. Gulthias steht auf jeden Fall mit den Cathezar im Bunde, so viel steht fest. Und wenn nicht auch noch die Dunkelelfen in diesem Bündnis mit drin stecken, will ich nicht länger Jonathan Schreiber heißen!“

Das Böse des Turmes schien unsere Kräfte aufzusaugen und gleichzeitig unsere Aufmerksamkeit zu lähmen. Dies hätte fast einem weiteren von uns das Leben gekostet. Wieder einmal waren wir auf Girallons gestoßen, die mit ihren dreckigen Klauen nach uns schlugen und danach trachteten, uns mit ihren mächtigen Armen entzweizureißen. Schwer getroffen taumelte Andarell zurück und nestelte eine kleine Phiole aus ihrer Gürteltasche hervor. Sie setzte die Phiole an die Lippen und verschwand. Augenblicke später hörte ich einen Schrei: Andarell! Ich hatte jedoch keine Zeit mich um sie zu kümmern, sondern musste mich gegen das letzte heranstürmende Affenwesen wehren. Ich ließ meine Dolchpeitsche vorschnellen und traf die Kreatur mit einem gezielten Hieb genau im Rückrat. Einen Moment hielt sie sich noch taumelnd auf den Füßen, dann brach sie zusammen. Sofort stürmte ich in den Nebenraum aus dem ich Andarells Schrei gehört hatte. Dort standen meine Gefährten und starrten bestürzt auf eine offene Falltür im Boden. Diese hatte sich unter Andarells Füßen aufgetan und sie war in die Tiefe gestürzt. Der treue Horken ließ sich nicht davon abhalten hinabzuklettern. Sofort schickte sich Tiriel an, ihm mit ihren Schuhen des Spinnenkletterns zu folgen. Nach langen Augenblicken des Wartens kehrte sie zurück. Andarell lebte, auch wenn sie schwer verwundet und die meisten ihrer Knochen gebrochen waren. Die Falltür hatte sich zu einem Schacht geöffnet, der zur Turmaußenseite führte. Andarell war bis zum Fuß des Turms hinabgestürzt. Dass sie mit dem Leben davongekommen war, grenzte an ein Wunder. Wir entschieden uns dazu alle hinabzusteigen. Wir würden außerhalb des Turms eine Rast einlegen und unsere Erkundung erst am nächsten Tag fortsetzen. Andarell berichtete uns, dass sie im Fallen zu ihrer Gottheit gebetet und ihre schon vorhandenen Wunden geschlossen habe. Nur durch Berronars Gnade habe sie den Sturz überlebt.

Gegen Mittag des nächsten Tages erkletterten wir abermals die Seite des Nachtzahn und stiegen wieder in das unheilige Bauwerk ein. Ein weiterer Tag der Mühsal lag vor uns. Kaum erholt von den Strapazen der letzten Tage und durch das Fehlen Baals geschwächt, kämpften wir uns immer weiter durch den Turm. Nur langsam näherten wir uns dem obersten Stockwerk. Ich erinnere mich an einen kleinen Schrein. In diesem Schrein stand ein niedriger Altar auf dem das Symbol des kahlen Baumes angebracht war. Auf Andarells Drängen hin haben wir das Symbol abgeschliffen und sie hat den unheiligen Ort mit der Kraft ihrer Gottheit gesegnet.

Vor allen Dingen erinnere ich mich aber an einen Raum – vielleicht sollte man es besser einen langen Gang nennen – an dessen Wänden etliche Sarkophage standen. Jetzt wo ich diese Worte niederschreibe, sehe ich die Sarkophage wieder ganz genau vor meinem inneren Auge: ein Steinsarg in dessen Deckel das Relief eines drachenköpfigen Humanoiden gearbeitet war, ein Eisensarg auf dem eine Halbelfe mit Engelsflügeln abgebildet war und daneben ein unverzierter Eisensarg. Dann standen dort ein Eisensarg mit dem Bildnis eines Halborks in Kniebundhosen und ein Steinsarg mit weiblicher Elfe in langer Robe und juwelenverzierter Schwertscheide. Die Juwelen müssen gut und gerne 200 bis 300 Goldmünzen wert gewesen sein. Auch der Streitkolben eines Elfen, der auf dem nächsten Steinsarg prangte, war mit Edelsteinen besetzt ... mit Saphiren ebenfalls im Wert von an die 300 Goldmünzen. Auf den nächsten vier Steinsärgen waren ein Elfenkrieger in voller Rüstung und Schwert, ein Zwerg in Kniebundhosen, eine menschliche Frau in langer Robe und ein Elf mit Bänderpanzer abgebildet. Die Bilder scheinen immer klarer aus dem Gebäude meiner Erinnerungen herauszutreten. Ich sehe einen Eisensarg mit einem drachenköpfigem Wesen, einen Steinsarg mit einem Mensch in Kettenpanzer, einen Eisensarg mit einer gesichtslosen weiblichen Elfe, einen Steinsarg mit Gnom in voller Rüstung und am Ende des Raumes einen verzierten Steinsarg ohne Figur. Ob es etwas besonderes mit diesen Sarkophagen auf sich hatte und ob diejenigen, für die sie bestimmt waren, noch in ihnen ruhen, weiß ich nicht.

Immer weiter erstiegen wir den Nachtzahn und die Zeichen, die auf den Ashardalon-Kult hinwiesen, häuften sich. In einem Raum hing ein ausgeblichener Wandteppich, der eine beunruhigende Szene zeigte. Auf ihm war eine bronzene Stadt zu sehen vor der gehörnte rothäutige Wesen standen. Waren nicht auch Menschen zu sehen? Über der Stadt zogen rote Drachen ihre Kreise. In einem anderen Raum stand ein Altar mit einem Drachenrelief.

Ein weiterer Tag neigte sich seinem Ende entgegen und immer noch keine Spur von Gulthias. Gegen Abend erreichten wir das oberste Stockwerk des Turms. Über uns lagen nur noch die abgebrochenen Zacken des obersten Turmzimmers, die dem Turm seinen Namen verliehen. Ob Mondkalb dort wohl wieder lauerte? Hier fanden wir zwar nicht den Vampirfürsten persönlich, jedoch machten wir Bekanntschaft mit seinen Kindern. Vampirbrut nennt man solche Kreaturen. Es sind Wesen, die von einem hohen Vampir ebenfalls zu Vampiren und damit zu seinen Sklaven gemacht wurden. Sie sahen aus wie Menschen, doch waren ihre Züge wilder und ihr Blick der eines Raubtieres. Wie Spinnen kletterten sie an den Mauern und Decken des Turmes und fielen aus den Schatten heraus über uns her. Mit unmenschlicher Stärke trafen uns ihre Schläge. Nur mit Mühe konnten wir sie vertreiben.

In einem von magischer Kälte erfüllten Raum fanden wir die Opfer der Vampirbrut. Der Raum erinnerte an eine Schlachterei. An großen Haken hingen menschliche Körper, um den unnatürlichen Durst der Bestien zu stillen. In einer geheimen Kammer dieses Raumes machten wir eine erstaunliche Entdeckung. Dort lagen sechs Phiolen, die alle wie ein aus dem Ei schlüpfender Drache aussahen. Dhûne erkannte, dass es sich bei dem Inhalt der Phiolen um Alchemistenfeuer handelte. Schnell verteilten wir diese, denn Feuer könnte uns gegen die Vampirbrut behilflich sein. Gerade als wir den Raum verlassen wollten, hörte ich ein Geräusch. Es klang wie ein Röcheln. Eine der an den Haken hängenden Gestalten lebte noch! Es war eine alte Frau, die wir schnell herabnahmen. Nachdem Andarell sie geheilt hatte, stellte sie sich mit zitternder Stimme als Yesha Faulkinn vor. Sie sei des Nachts von der Vampirbrut gefangen genommen und hierher verschleppt worden. Doch blieb keine Zeit für lange Gespräche, denn die Vampirkreaturen fielen schon bald wieder über uns her. Nur mit großer Mühe und der Hilfe des Alchemistenfeuers konnten wir sie in die Flucht schlagen. Sie verwandelten sich in gasförmige Wolken. Schnell suchten wir nach ihren Lagerstätten und wurden tatsächlich fündig. In einem Raum standen Sarkophage, die mit unheiliger Erde gefüllt waren. Wir zerschlugen diese und zerstreuten die Erde. Ob wir diesen Kreaturen damit den Garaus gemacht haben, vermag ich nicht zu sagen.

Mitten in der Nacht, der Morgen des heutigen Tages nahte schon, verließen wir mit Yesha Faulkinn den Turm. So war es uns gelungen, wenigstens ein Leben vor Gulthias Grausamkeit zu retten. Sie wird in einem nahegelegenen kleinen Ort Zuflucht suchen. Wir haben eine Rast eingelegt, um unsere Wunden zu lecken. Bald werden wir aufbrechen, um nach Yhaunn zu eilen. Dort können wir hoffentlich Baal ein weiteres mal dem Griff des Todes entwinden. Die von Dhûne beschworenen Pferde stehen schon bereit.