Reisetagebuch
 
Reisebericht von Jonathan Schreiber

N

achtal, der Niedergang, hat begonnen. Die Welt über uns liegt unter einem weißen Totenmantel aus Schnee begraben. Doch wir sind in der ewigen Schwärze. Wie lange werden wir wohl das Tageslicht nicht mehr wieder sehen? Wie lange werden wir die Finsternis ertragen? Das Unterreich hat uns in seinem Griff. Wir sind gefangen wie in dem Netz einer Spinne. Freiwillig haben wir uns in dieses Netz begeben und nähern uns immer weiter seinem Mittelpunkt. Sind wir Helden? Oder sind wir Narren? Ich weiß es nicht. Manchmal zweifele ich daran, ob wir dieses Netz jemals wieder verlassen werden. Tymora steh uns bei, Berronar sei mit uns! Mögen alle Götter, denen es gefällt, ihre schützende Hand über uns halten.

Fast zwei Zehntage reisen wir jetzt schon durch die ewige Dunkelheit des Unterreichs. Tiefer und immer tiefer. Durch alte Grabmäler sind wir gezogen, die von Jergal dem Wächter bewacht wurden. In der Dunkelelfensiedlung Szith Morcaine sind wir dem dritten Drachenschlüssels endlich auf die Spur gekommen und haben von den finsteren Plänen Kiriansalees erfahren. Die finstere Göttin trachtet danach, den Drachen nach Faerun zu bringen und die anderen Götter vom Thron zu stoßen. Auf fliegenden Teppichen haben wir Szith Morcaine verlassen. Und in merkwürdiger Begleitung. Die Dunkelelfin Dessa Sik-Morcane schloss sich uns an. In einer Feste von Steinriesen sind wir zu Gast gewesen und dort haben wir den bitteren Geschmack des Verrats kennen gelernt. Wir wären fast vom Weg abgekommen, doch Berronar hat uns die Richtung gezeigt. In das Reich der Schatten sind wir hinab gezogen und haben mit einem Schattendrachen gerungen. Dort ist der treue Horken gefallen … alleine … verlassen…

 Und jede Nacht plagt mich dieser Traum. Immer wieder derselbe. Ein langer Gang und eine schattenhafte Gestalt am Ende des Ganges. Die Gestalt scheint nach mir zu rufen, doch hören kann ich sie nicht. Ist es mein Vater? So sehr ich mich auch anstrenge, so schnell ich auch renne. Ich gelange nie an das Ende des Ganges. Die Gestalt kann ich nie erreichen. Blut und Tod sind überall. Schweißgebadet schrecke ich hoch, nur um in dem wahren Albtraum des Unterreichs zu erwachen.

Immer weiter folgten wir dem vor uns liegenden Weg. Unvermeidbar dem Ende entgegen. Mit Gedankenschindern und riesigen Echsen haben wir gekämpft. Auch das Treffen mit einem alten Bekannten konnte uns nicht beirren. Letztendlich musste es zur Schlacht mit Runat kommen. Und letztendlich musste der Dämon unterliegen.

Und schließlich sind wir nach Maerimydra gelangt. Die große Stadt der Dunkelelfen in der uns der letzte Drachenschlüssel erwartet. Dort sind wir ein weiteres Mal verraten worden und haben ein weiteres Mal eine unerwartete Begleiterin gefunden. Die Goblinfrau Guk. Im Schloss von Maerimydra erwartet uns unser Schicksal. Wir können ihm nicht entgehen…

19. Nachtal 1359 T.Z.

 

G

estern ist Andarell gefallen. Alle Hoffnung schien verloren. Wie verirrte Kinder sind wir durch das Schloss geirrt. Jeder Raum schien neue Gefahren bereit zu halten. Überall lauerte der Tod. Gegen Vampire, untote Drow und abyssische Ghoule stritten wir. Und dann war es ein Kampf zu viel. Eine finstere Streiterin der Kiriansalee rief ein riesiges Feuerelementar zu Hilfe. Gegen diesen Feind konnten wir kaum bestehen. Als Baal brennend floh, wurde Andarell von den mächtigen Hieben der Kreatur niedergestreckt. Nur mit Mühe konnten wir das Wesen bezwingen. Doch ohne die wackere Klerikerin war an ein weiteres Vordringen in die Feste nicht zu denken. Wir mussten an die Oberfläche zurückkehren und dort in eine größere Stadt reisen, um Andarell wiederbeleben zu lassen. Nach kurzer Beratung entschieden wir, dass wir nach Hlath reisen würden. Dort sollte der an der Oberfläche tobende Krieg noch nicht angekommen sein. Für dieses Unterfangen mussten wir jedoch zuerst unsere Kräfte sammeln und rasten. Dhûne hatte die Zauber nicht mehr bereit, die uns zurück nach oben bringen würden. In dieser Nacht machten wir Bekanntschaft mit den Einflüsterungen einer vampirischen Drider. Sie spürte uns in unserem Versteck auf und drohte uns mit dem „grauen Reißer“.

Heute Morgen verließen wir das Schloss. Dhûne schätzte, dass wir sicherheitshalber bis zur Decke der unterirdischen Kaverne fliegen sollten, in der Maerimydra lag. Sonst konnte er nicht garantieren, dass uns sein Zauber bis an die Oberfläche bringen würde. So gelang es uns und die Welt hatte uns wieder. Wir erschienen in einem schneebedeckten Wald. Bei uns trugen wir den kalten Körper unserer Klerikerin. Guk, die Goblinfrau, mussten wir dort zurücklassen. Sie wäre in einer Stadt der Menschen sicherlich nicht freundlich empfangen worden. Während wir ein Zelt für Guk aufbauten und Feuerholz sammelten, prägte sich Dhûne den Ort gut ein. Wenn es ihm gelänge ein Muster des Ortes in seinem Kopf zu behalten, sollte er in der Lage sein uns mit Hilfe seiner magischen Kräfte zurückzubringen. Wir verabschiedeten uns von Guk mit dem Versprechen sie nicht länger als einen Tag alleine zu lassen und versammelten uns um Dhûne. Sofort begann er die magischen Worte zu intonieren und im nächsten Moment standen wir vor den Toren von Hlath.

Alles schien ruhig zu sein. Friedlich lag die Stadt vor uns. Nach den Ereignissen der letzten Tage kam mir dieser Anblick fast ein wenig unwirklich vor. Faerun kämpfte einen verzweifelten Kampf und hier schienen die Bürger ihrem gewohnten Alltag nachzugehen. Doch der Schein trog. Wir machten uns sofort auf dem Weg zum Tempel der Selûne. Als wir uns dem Tempel näherten, drangen immer lauter werdende Klagerufe an unsere Ohren. Eine große Menschenmenge hatte sich vor den Toren des Tempels versammelt. Verzweiflung und Unglauben zeichnete sich auf vielen Gesichtern ab. Düsternis schien über dem Tempelvorplatz zu liegen und bis in mein Herz zu kriechen. Als ich einen der Trauernden fragte, was sich ereignet habe, murmelte er mit brechender Stimme: Selûne ist verstummt. Verzweiflung griff mit kalten Klauen nach meinem Herzen. Die sanfte Mondmaid wachte nicht länger über die Wandernden und Suchenden. Das konnte nicht sein. Das durfte einfach nicht sein. Ein lange angestauter Zorn fuhr wie ein scharfer Stich durch meinen Körper. Wir mussten dem ein Ende setzen. Koste es was es wolle. Das Leben wie ich es kannte und liebte würde verschlungen werden vom Drachen und seinen Helfershelfern. Wir durften nicht zaudern. Wir durften nicht scheitern. Dieser Gedanke brannte hinter meiner Stirn und schien in meinen Augen zu leuchten. Denn der vor mir stehende Trauernde schreckte vor meinem Blick zurück.

Für uns konnte das Verstummen Selûnes nur bedeuten, dass wir uns einen anderen Tempel suchen mussten. Einer der Trauernden wies uns den Weg zu einem Tempel des Torm. Mit banger Erwartung lenkten wir unsere Schritte dorthin. Zu unserer Erleichterung stellten wir fest, dass die Kleriker des Torm noch über ihre Kräfte verfügten. Die Kleriker weigerten sich jedoch trotz unserer dringlichen Schilderung der Situation und großzügiger Spendenangebote Andarell wiederzubeleben. Sie könnten nur denjenigen helfen, die den Wegen Torms zugeneigt seien. So schworen wir den Wegen Torms zu folgen, dem Klerus aller guten Götter zu helfen, Tyrannos und Cyric entgegenwirken, unbändige und tote Magie zu melden und den fünfzehnten Tag des Marpenot – den Tag der Auferstehung – zu ehren. Nachdem wir diesen Schwur abgeleistet und ich ein Torm-Symbol erstanden hatte, willigte die Kleriker endlich ein unsere Freundin zurück ins Leben zu rufen. Natürlich kamen wir an der großzügigen Spende trotzdem nicht vorbei. Es schien eine halbe Ewigkeit zu dauern, doch endlich stand sie wieder vor uns. Mit ihrem üblich grimmigen Gesichtsausdruck. Nur widerwillig ließ sich die mürrische Zwergin in die Arme schließen.

Die letzten Wochen hatten ihren Tribut gezollt Wir waren alle erschöpft. So beschlossen wir, uns direkt auf den Weg zum „Goldenen Eber“ zu machen, dem Gasthaus in dem wir vor scheinbar ewigen Zeiten schon einmal Quartier bezogen hatten. Ich nahm Andarell bei Seite und sagte ihr, dass ich ihr noch etwas Wichtiges beim Selûne-Tempel zeigen müsse. Dhûne und die anderen wollten sich das traurige Schauspiel nicht noch einmal anschauen und schon einmal zum Gasthaus vorgehen, um Zimmer zu reservieren. Zusammen mit Andarell eilte ich ein weiteres mal zum Tempel der Selûne. Als wir den Tempel wieder verließen, um unseren Gefährten zum Gasthaus zu folgen, sprachen wir kein Wort. Das eisige Funkeln in Andarells Augen zeigte mir, dass sie genauso fühlte wie ich. Unser Weg war vorbestimmt. Wir mussten diese Schlacht gegen Arshadalon ein drittes Mal schlagen. Zu Ruhm oder Tod.

Düster war unsere Stimmung, als wir abends zusammen im „Goldenen Eber“ saßen. Weder das opulente Mahl noch die lieblichen Gesänge der Elfenbarden konnten uns aufheitern. Nicht einmal das zotige Lied einiger leicht bekleideter Maiden über den Abt des Lathander konnte mir ein Lächeln entlocken. Von einer der Schankmaiden erfuhren wir, dass in den Talländern immer noch Krieg tobte und die Zentarim sich auf dem Vormarsch befanden. Als ich die Schankmaid auf das Verstummen Selûnes ansprach erfuhr ich, dass schon mehrere Gottheiten verstummt waren.

Schon kurz nach dem Essen wollte sich Dhûne auf sein Zimmer zurückziehen. Er drängte auf einen frühen Aufbruch am nächsten Morgen. Ich hielt entgegen, dass wir vielleicht noch Hilfsmittel für unsere Queste kaufen sollten, wie Heiltränke oder andere nützliche magische Gegenstände. Außerdem unterbreitete ich meinen Gefährten, dass ich mich noch ein wenig in Hlath umschauen wollte. Mein Plan war es mit den Harfnern Kontakt aufzunehmen. Ich wollte die Harfner über den Fortgang unseres Abenteuers auf dem Laufenden halten. Vielleicht könnten sie uns auch noch weitere Hilfe anbieten oder einen Gefährten an die Seite stellen. Dhûne war strikt dagegen, die Harfner zu suchen. Er war der Meinung, dass niemand wissen musste, wo wir uns befanden und wir so wenig wie möglich Aufmerksamkeit erregen sollten. Obwohl ich versuchte ihn von meinem Plan zu überzeugen, ließ er sich nicht umstimmen. Schließlich überließ er mir die Entscheidung, riet mir aber noch einmal eindringlich davon ab nach den Harfnern zu suchen. Was auch immer wir heute Abend oder Morgen noch unternehmen wollten, Dhûne bestand darauf, dass wir spätestens zur zehnten Stunde des nächsten Tages wieder aufbrächen. So verabredeten wir uns für den nächsten Morgen kurz nach Sonnenaufgang im Schankraum des Goldenen Ebers. Andarell und Baal wollten dann in der Stadt Heiltränke und gegebenenfalls benötigte magische Gegenstände einkaufen. Zur zehnten Stunde wollten wir uns dann am Südtor treffen. Da im Goldenen Eber jegliche Magie verboten war, wollte sich Connavar ein Zimmer im Gasthaus „Zum schwarzen Schwan“ in der Nähe des Hafenviertels suchen, um in der Nacht einige der magischen Gegenstände zu identifizieren, die wir im Unterreich gefunden hatten.

Zusammen mit dem elfischen Bogenschützen verließ ich den Goldenen Eber. Beim Schwarzen Schwan verabschiedete ich mich von ihm und stürzte mich in die vielleicht ein wenig zu laute Fröhlichkeit des Hafenviertels. Es konnte keinen besseren Ort geben, um die Suche nach den Harfner zu beginnen, als in einer der Hafenkneipen. Normalerweise war der Hafen in jeder Stadt ein Treffpunkt der Halbwelt, in der man jegliche Art von Informationen finden konnte. Nachdem ich einige Runden geschmissen und mir das Geschwätz betrunkener Seeleute angehört hatte, lächelte mir Tymora zu. Eine Halbling-Diebin machte sich an meiner Geldbörse zu schaffen. Ich ertappte sie dabei und konnte sie durch mein gewinnendes Wesen  davon überzeugen, sich lieber bei einem Krug Wein mit mir zu unterhalten. Sie wusste etwas über die Harfner und mit ein wenig Gold und einem magischen Hasttrank konnte ich sie davon überzeugen, ihr Wissen mit mir zu teilen. Es gebe zwar keinen Harfner in der Stadt. Ihres Wissens sei jedoch ein Harfner mit dem Namen Wynther im Nonnwald bei den drei Stelen zu finden sein. Die Stelen seien drei Felsen auf einem Hügel, die ich eigentlich nicht verfehlen könne, etwa drei Stunden Fußweg in den Wald hinein.

Mit diesem neu gewonnenen Wissen kehrte ich in den Goldenen Eber zurück und überredete Baal, der noch beim Bier in der Schankstube saß, mich in den Nonnwald zu begleiten. Ich dachte mir, dass der Halbork-Waldläufer bei der Suche nach jemandem im Wald nützlich sein könnte. Auf den fliegenden Teppichen machten wir uns auf den Weg zum nahe gelegenen Wald. Zu meiner Enttäuschung war der Wald jedoch größer und unübersichtlicher als ich erwartet hatte. Da wir jedoch fliegenderweise viel schneller vorankamen als zu Fuß, gab ich die Hoffnung nicht auf. Dicht über den Bäumen fliegend suchten wir den Wald nach dem Hügel mit den Stelen ab. Nach drei Stunden Suche entdeckten wir schließlich die Felsen. Ich ließ den Teppich über der dem Hügel schweben und Baal sprang herab, um sich die Sache ein wenig genauer anzuschauen. Zwischen den Stelen entdeckte Baal Spuren von Pferdehufen, die jemand versucht hatte zu verwischen. Als Baal sich noch tiefer über die Spuren beugte, um sie genauer zu untersuchen und unter Umständen zu verfolgen, wurde die Stille des Waldes von einem mir nur allzu bekannten Geräusch gestört. Dem Sirren einer Bogensehne. Ein Pfeil schoss aus dem Unterholz und traf Baal in sein rechtes Bein. Sofort sprang ich meinem großen Freund zur Seite.

Eine Stimme aus dem Unterholz befahl uns donnernd die Waffen sinken zu lassen. Vor allem der Ork sollte seine Waffe fallen lassen. Nachdem ich mich als Freund der Harfner vorgestellt und Baal dazu gebracht hatte, mir seine Waffe zu geben, trat ein Zentaur auf die Lichtung: Wynther. Das erklärte die Hufabdrücke. Nachdem ich ihm unsere Namen genannt hatte, gab er zu erkennen, dass er bereits von uns gehört habe. Wir hätten uns viel Ärger sparen können, wenn wir direkt unsere Namen genannt hätten. Der Zentaur hatte gut reden. Schließlich war er es, der mit einem Pfeil auf Baal geschossen hatte, statt auf eine Vorstellung zu warten. Worauf es aber ankam war, dass wir schließlich einen Harfner gefunden hatten. In Kürze berichtete ich dem Zentaur von den Geschehnissen der letzten Zeit und brachte meine Bitte um Hilfe und Unterstützung vor. Wynther erklärte mir, dass er uns zu seinem Bedauern auf dieser Queste nicht begleiten könnte. Er überreichte mir jedoch stattdessen sein aus grüner Jade gefertigtes Harfner-Amulett. Mit Hilfe dieses Amuletts würden uns die Harfner finden. Er würde sofort am nächsten Morgen aufbrechen, um Unterstützung für uns zu holen. Zum Abschied überreichte er mir noch fünf Tränke, die schwere Wunden heilen, aus seinem persönlichen Vorrat. Müde aber zufrieden machte ich mich mit Baal auf den Rückweg in die Stadt. Selbst wenn wir fallen sollten… die Harfner würden unsere Aufgabe fortführen können.