Reisetagebuch
 
Reisebericht von Jonathan Schreiber
20. Nachtal 1359 T.Z.

N

ach einer durchwachten Nacht klopfte ich kurz vor Sonnenaufgang völlig übermüdet an Andarells Tür und berichtete ihr von den Ereignissen der vergangenen Nacht. Außerdem hatte ich mich an einen Zauber erinnert, den sie einmal gewirkt hatte, um uns die Müdigkeit zu nehmen. Dieser Zauber würde mir, Baal und Connavar sicherlich zu Gute kommen. Andarell stimmte zu. Mir viel auf, dass die Zwergin einen beunruhigten Eindruck machte. Irgendetwas schien sie zu bedrücken. Vielleicht kein Wunder bei den schweren Zeiten, die über Faerun hereingebrochen waren.

Früh am Morgen trafen wir uns im Schankraum des Goldenen Ebers. Da es dort verboten war, Zauber zu wirken, entschieden wir uns zu Connavars Zimmer im Schwarzen Schwan zu gehen und dort unser Heldenmahl einzunehmen. Während des Mahls klärte sich auf, was  Andarell Sorgen bereitete. Sie berichtete von einem Traum, aus dem sie in der vergangenen Nacht schweißgebadet aufgewacht war. Im Traum sei sie durch die legendären Rußhallen in Zwergenheim gewandelt. Dort leben die Götter der Zwerge. In einem der Mienenschächte habe sie Berronar gesehen auf dem Weg in die Große Halle. Andarell folgte ihrer Göttin. Alles sei unnatürlich still gewesen. Berronar habe in der Großen Halle Dugmaren Leuchtmantel, den immer forschenden Gott der Zwerge, getroffen. Sie unterhielten sich, doch kein Wort dieses Gesprächs drang an Andarells Ohren. Unvermittelt begannen Berronars Augen zu glühen und mit einem einzigen Hieb streckte sie Dugmaren nieder. Dann begann sich ihre Gestalt zu verändern, sie wurde riesig groß, rote Flügel brachen aus ihrem Rücken hervor. Damit endete ihr Traum.

Beunruhigt von diesem Traum machten wir uns auf den Weg, um noch einige Einkäufe zu tätigen. Der Wirt des Schwarzen Schwans wies uns zu „Keldrums zauberhafte Zoten und skurrile Sachen“. Dort sollten wir unter Umständen magische Gegenstände finden können. Da der Laden in der Nähe des Südtors lag, machten wir uns gemeinsam auf den Weg dorthin. Nach einem kurzen Abstecher in das Geschäft würden wir direkt nach Maerimydra aufbrechen. Das Geschäft war nicht schwer zu finden und wirkte von außen recht unscheinbar. Das Innere war voll gestopft mit einem Sammelsurium merkwürdiger Kleinodien. Keldrum, der Betreiber des Geschäftes, war offensichtlich nicht mehr recht bei Sinnen. Seltsamerweise faselte er zur Begrüßung etwas von Stimmen in seinem Kopf, die ihm vom Netz und Dämonen berichteten. Dem Drachen. Dem Untergang der Welt. Alles sei verloren und retten könnten wir uns nur, wenn die Zeit rückwärts laufen würde. Er habe dieses Wissen von der Stimme Umberlees, die er in einer seiner Muscheln höre. Währenddessen untersuchte Dhûne den Laden auf Magie. Zu unserer Verwunderung entdeckte er tatsächlich einige magische Gegenstände: eine Panflöte, eine Brosche, einen Diamanten und Staub in einem Mörser. Nach zäher Verhandlung gelang es uns den alten Mann dazu zu überreden, uns die Gegenstände im Tausch zu überlassen. Nur den Staub bekamen wir nicht, da wir den Mörser und nicht seinen Inhalt ertauschten. Der ganze Handel wurde durch den Geisteszustand Keldrums nicht gerade vereinfacht und nur mit Mühe konnten wir ihn davon überzeugen, dass wir Connavar wirklich nicht eintauschen wollten.

Noch in Keldrums Laden sprach Dhûne den Zauber, der uns zurück zu der Lichtung brachte auf der wir Guk zurückgelassen hatten. Auf der Lichtung angekommen, fiel uns vor allem die Abwesenheit Guks auf. Wahrscheinlich hatte sie sich schon direkt nach unserem Aufbruch davongemacht. Wahrscheinlich war es besser so. Auf unserer Reise hätte die kleine Goblinfrau eher eine Last denn eine Unterstützung dargestellt. Mit einem weiteren Zauber brachte uns Dhûne direkt vor den Eingang zur Feste von Maerimydra. Alles schien dort beim Alten zu sein. Wir durften jetzt nicht mehr zögern. Die Zeit rann uns durch die Finger. Wir mussten Irae t'sarran, die Hohepriesterin der Kiaranselee, auf dem schnellsten Weg finden und ihr den Schlüssel abnehmen. Und das hieß vermutlich, dass wir den schnellsten Weg in die oberen Gemächer der Festung nehmen müssten. So machten wir uns direkt auf den Weg zu einer Lichtsäule, die wir bei unserer ersten Erkundung der Feste entdeckt hatten. Wahrscheinlich handelte es sich bei dieser Lichtsäule um ein Transportmittel nach oben. Bisher hatten wir es nicht gewagt diese Säule zu betreten. Doch die Zeit des Zauderns war vorüber. Bei der Lichtsäule fanden wir den Leichnam eines verbrannten Ogers. Davon ließen wir uns jedoch nicht abschrecken. Nachdem Dhûne mit Hilfe einer beschworenen Schlange herausgefunden hatte, dass die Säule zumindestens nicht sofort tötete, betrat ich sie. Ich schwebte von mir unbegreiflichen Kräften in der Luft gehalten. Ich versuchte nach oben zu steigen und stellte bald fest, dass man sich in dieser Säule Kraft seiner Gedanken bewegen konnte. So dachte ich mich nach oben und meine Gefährten folgten mir.

Das erste Stockwerk ließen wir unbehelligt hinter uns. Doch im zweiten Stock nahm unsere Reise in die Höhe vorerst ein jähes Ende. Ein untoter Betrachter lauerte uns auf und unterbrach die Lichtsäule mit einem Blick seines großen antimagischen Auges. Rasend schnell fielen wir hinab und nur Dhûnes geistesgegenwärtig ausgesprochener Federfall bewahrte uns vor Schlimmerem. Mich von Baal abstoßend sprang ich aus dem Schacht und kam im ersten Stock auf die Füße. Der Betrachter war uns dicht auf den Fersen und ließ einige seiner tödlichen Strahlen auf den armen Connavar hinab schießen. Dhûne beendete die Existenz der furchtbaren Kreatur mit einem seiner machtvollen Zauber. Ein Strahl grüner Energie schoss aus seinen Fingern hervor und von dem Betrachter blieb nicht viel mehr übrig als ein bisschen Staub. Die Lichtsäule erstrahlte wieder vor uns und so machten wir uns, nach kurzer Verschnaufpause, weiter auf unseren Weg nach oben. Die beeindruckend hohen Decken des zweiten und dritten Stockwerkes zogen an uns vorüber.

Vor dem vierten Stockwerk wurde unsere Reise dann von einem Gitter aufgehalten, das den Weg nach oben versperrte. Bewacht wurde das Gitter von untoten Kriegern und einem machtvollen Drow-Gouhl. Mit Feuer und Blitz zerstörten wir die untoten Krieger und trieben den Gouhl in die Flucht. Ich machte mich unsichtbar und öffnete das Gitter mit Hilfe der Öffnungsglocke. Sofort wurde ich von einem körperlosen Geist angegriffen, den wir jedoch schnell besiegten. Vorsichtig ließ ich das Gitter hinter mir und spähte in die vierte Etage. Dort lauerten mir der Drow-Gouhl, der sich seinerseits ebenfalls unsichtbar gemacht hatte, und eine finstere Streiterin der Kiriansalee auf. Ein Kampf entbrannte und ich erwischte die Streiterin auf dem falschen Fuß. Als sie den Kampflärm hörten, eilten meine Gefährten sofort zur Hilfe. Die Streiterin fiel schnell unter mächtigen Hieben und Schlägen. Der Gouhl verbarg sich hinter dem Mantel seiner Unsichtbarkeit. Doch auch diese sollte ihm nicht helfen. Dhûne rief ein geflügeltes Teufelsweib herbei, welches den Gouhl trotz seiner Unsichtbarkeit ausmachen konnte. Die Teufelin zeigte ihrem Meister den Standort des Gouhl und Dhûne zerstörte ihn mit einem weiteren seiner grünen Strahlen. Wir hatten gesiegt. Vorerst. Der Schacht mit dem Lichtstrahl endete in diesem Raum. Wir würden uns einen anderen Weg zu Irae T'sarran suchen müssen.